Karfreitag

Sie haben gegessen. Ein letztes Mal zusammen. Und dann gehen sie hinaus an den Ölberg. Es liegt etwas in der Luft nach diesem Essen. Sie reden. Jesus sagt: „Ihr werdet mich heute alle verlassen.“ „Nein!“, sagen sie. Und Petrus ist dabei der Lauteste von allen: „Nein! Und wenn sie alle Ärgernis nehmen an dir, so doch ich nicht.“

 

Dann ist Stille – nach diesen lauten Worten. Jesus sieht ihn an: „Wahrlich, ich sage dir: Heute in dieser Nacht, ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Aber Petrus lässt nicht locker: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.“ Das Gleiche sagen sie alle.

 

Dann kommen sie zum Garten Gethsemane. Die Jünger setzen sich hin. Aber Jesus geht. Er will beten. Allein sein mit seinem Gott. Aber drei von seinen Freunden, die will er in der Nähe haben. Und er nimmt mit sich Petrus und Jakobus und Johannes. Und er fängt an zu zittern. Er kriegt Angst und spricht zu ihnen: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Bleibt hier und wachet.“

 

Ein paar Schritte weiter fällt Jesus auf die Knie: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir, doch nicht, was ich will, sondern, was du willst.

Die Jünger sind inzwischen längst schon eingeschlafen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Dreimal betet Jesus. Die Seele voll Angst. Der Körper voll Zittern. Er kämpft um sein Leben. Er kämpft mit dem Tod. Er kämpft mit Gott. „Aber nicht, wie ich will, sondern wie du willst. Dein Wille geschehe.“

 

Dann weckt er seine Jünger: „Ach wollt ihr nun schlafen und ruhen? Es ist genug! Die Stunde ist da! Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen. Siehe, der mich verrät, ist nahe.“

 

Und da kommt Judas. Hinter ihm Soldaten. Ein Kuss. Freundschaft und Liebe wird Verrat. Eine Frage: „Mein Freund, darum bist du gekommen?“

Jemand zieht ein Schwert. Petrus will Jesus verteidigen. „Halt, nicht!“, sagt Jesus. Tu dein Schwert wieder an seinen Ort. Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen.“ So ist es seit dem Anfang dieser Welt.

Aus Gewalt wird neue Gewalt.

 

Jetzt fesseln sie Jesus. Sie führen ihn ab. Und seine Jünger fliehen.

 

Soldaten bringen Jesus vor den Hohen Rat, in den Palast des Hohenpriesters.
Verhör. Falsche Zeugen. Aber sie finden nichts. Lügengebäude stürzen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Da steht der Hohepriester auf, tritt in die Mitte und fragt Jesus: „Antwortest du nichts zu dem, was diese gegen dich bezeugen?“ Er aber schweigt und antwortet nichts.  Da fragt ihn der Hohepriester abermals „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ Da antwortet Jesus: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ Der Hohepriester zerreißt seine Kleider und spricht: „Wir brauchen keine Zeugen mehr! Ihr habt die Gotteslästerung selbst gehört. Was ist euer Urteil?“ Da kommt wie aus einem Mund: „Er ist des Todes schuldig!“ Und dann geht es los. Sie springen auf. Sie schlagen ihn. Sie spucken ihn ins Gesicht. Und sie schreien:
„Weissage uns, Christus! Wer hat dich denn grade geschlagen?“ Sie treiben ihren Spott. Und die Knechte schlagen ihn ins Angesicht.

 

Petrus steht unten im Hof. Und wärmt sich am Feuer. Auf einmal kommt eine und sagt: „Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth!“ „Ich? Wer? Ich? – Nein. Ich kenn den gar nicht.“
Noch einmal – eine Andre spricht: „Du auch!“ – „Nein, ich nicht!“ Und als sie ihn zum dritten Mal fragen, flucht und schwört er: „Ich kenne den Menschen nicht!“ Drei Fragen. Dreimal geleugnet. Zweimal kräht der Hahn.

 

Heute Nacht wirst du mich dreimal verleugnen.

 

Und Petrus geht hinaus und weint. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht. Aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

 

Später dann: Sie fesseln Jesus. Führen ihn durch die Stadt. Bringen ihn zu Pontius Pilatus. Der oberste Römer muss das Todesurteil bestätigen. Auch im Unrecht soll ja alles seine Ordnung haben.

 

Jesus und Pilatus sind allein. Jesus steht da. „Bist du der Juden König?“, fragt Pilatus. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich dem Volk nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt.“ „So bist du dennoch ein König?“ „Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.“ Da zuckt Pilatus mit den Schultern: „Pah, was ist schon Wahrheit?“ Was ist Wahrheit?

 

Pilatus geht hinaus und spricht zum Volk: „Jetzt mal im Ernst, bei allem, was ich heute Abend gehört und gesehen habe, muss ich sagen: „Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt ja die Gewohnheit, dass ich euch zum Passafest einen Gefangen freilasse. Soll ich euch den König der Juden losgeben?“ Die Menge schreit: „Nein! Nicht diesen! Diesen nicht! Nicht diesen sondern Barabbas! Lass Barabbas frei!“ Barabbas aber war ein Mörder. Mehrheit siegt. Und Pilatus verwechselt Mehrheit mit Wahrheit.

 

Aber wie gesagt: Was ist schon Wahrheit?

 

Da nimmt Pilatus Jesus und lässt ihn auspeitschen. Und die Soldaten flechten eine Krone aus Dornen und setzen sie auf sein Haupt und legen ihm ein Purpurgewand an. Sie tanzen um ihn herum, lachen und johlen: „Sei gegrüßt, lieber Judenkönig!“ und schlagen ihn ins Gesicht.

 

Dann führt Pilatus Jesus hinaus, stellt ihn oben auf den Balkon, präsentiert ihn dem Volk. Dornenkrone. Purpurkleid. Geschlagen. Der König. Und Pilatus sagt:
„Seht, welch ein Mensch!“

 

Und die Menge ruft: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“  Pilatus fragt noch einmal nach, sicherheitshalber, nur damit hinterher keiner sagen kann, er wäre Schuld:
„Ich soll diesen Unschuldigen kreuzigen? Ich soll diesen König kreuzigen?“
Aber die Menge ruft: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“
Da übergibt Pilatus Jesus den Soldaten, dass er gekreuzigt würde.

 

Jetzt muss Jesus zu Kreuze gehen. Er muss die Balken selber schleppen. Und schafft es nicht. Ein Bauer kommt vom Feld. Simon von Kyrene. Sie zwingen ihn, dass er das Kreuz für Jesus trägt. Hinter Jesus eine Menschenmenge. Frauen weinen. Zwei andere gehen mit. Zwei Mörder. Beide schleppen ihr Kreuz.

 

Dann: Ein Felsenhügel, Golgatha. Hammerschläge. Eisennägel. Und ein Wort:
„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“

 

Ein Satz, der durch die Zeiten klingt. Bis heute.

 

Jetzt würfeln sie um seine Kleider. Und verteilen sie unter den Soldaten. Einer malt ein Schild: Jesus von Nazareth, der Juden König.  Auf Hebräisch, Griechisch und Lateinisch. Alle sollen es lesen. Die Welt soll es wissen. Hier stirbt er. Der König.

 

Die Hohenpriester protestieren: „Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König.“  Pilatus antwortet: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Es gibt jetzt kein Zurück mehr.

 

Unterdessen lacht die Menschenmenge. „Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Er ist der König von Israel, er steige nun herab vom Kreuz. Dann wollen wir an ihn glauben.“

 

Und der eine, der zur Linken neben dem König hängt, der lästert mit: „Bist du nicht der Christus? Dann hilf dir selbst und uns!“

 

„Ach sei still“, ruft der andere. Wir haben es verdient, dass wir hier hängen. Aber der hat nichts Böses getan!“

 

Wir haben es verdient.
Hätten wir es verdient?

 

Dann schaut er Jesus an: „Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

 

Und Jesus sieht zu ihm rüber. Und liebt selbst jetzt noch. Und Jesus spricht:
„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Später. Ganz wenige sind geblieben. Nur die Liebsten sind noch da. Genau fünf. Maria, die Mutter Jesu. Drei andere Frauen: Seine Tante, Maria, die Frau des Kleopas und Maria Magdalena. Und den Jünger, den er lieb hatte. Der ist auch geblieben.

 

Der König schaut seine Mutter an und blickt dann zu seinem Jünger:  „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Danach schaut er den Jünger an, blickt zu Maria und spricht: „Siehe, das ist deine Mutter!“

 

Die, die ihn lieben und die, die er liebt, die sollen zusammenbleiben. Auch wenn er selbst nicht mehr auf Erden ist. So ist das von dieser Stunde an. So ist das bis heute.

 

Und von mittags um zwölf kommt eine Finsternis über das ganze Land bis nachmittags um drei. Da schreit Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani?“ Das heißt:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: „Mich dürstet.“ Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um ein Ysoprohr und hielten ihm den Schwamm an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er:

 

„Es ist vollbracht.“

 

Und er neigte das Haupt
und verschied.

 

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