Gemeindebriefe 2020

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017, 2018, 2019.

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2020, 02/2020, 03/2020

Januar 2020

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Februar 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #2/2020: Was ich bin
– ein Mensch
– einer, der viel nachdenkt
– für einen ein Partner
– für andere ein Freund, Bruder,
   Sohn, Patenonkel u.a.m.
– für Manche unbequem
– ein unbegabter Zeichner, aber ein
   verkappter Musicus
– einer, der gut gewählte Worte sehr
   zu schätzen weiß
– einer, der sich auch mal streitet

Neulich habe ich in der Kirche „Leck mich!“ gesagt. Ich weiß, das ist keine feine Sprache. Aber bevor Sie jetzt schlecht von mir denken: Ich habe niemanden beschimpft und ich meinte auch niemanden konkret. Ich habe nur gepredigt. Aber in meiner Predigt kam fünf Mal der Satz „Leck mich!“ vor. Als Zitat. Meine Predigt war exakt 2110 Worte lang. Aber diese 5 x 2 Worte machten Karriere.

Dabei war es so: Das Thema meiner Predigt war Buße. Das habe ich mir wahrlich nicht ausgesucht, das stand im Predigttext. Also habe ich darüber geredet, dass sowas wie Buße oder – etwas anders formuliert – Umkehr oder Änderung des Lebens hin zum Guten eine wirklich schwierige Sache ist. Ich bin der Meinung, dass das jeder weiß, der das schon mal ernsthaft versucht hat. Denn am Ende aller meiner Versuche, ein besserer, gerechterer oder frommerer Mensch zu werden, bleibe ich, egal was ich mache, immer ich selbst.

Der alte Luther hat das gewusst und sehr einprägsam auch formuliert: Der Mensch ist immer simul iustus et peccator, also zugleich gerecht und Sünder. Sünder ist er, weil er Mensch ist, weil er gar nicht anders kann. Mensch bleibt Mensch. Ich bleibe ich. Egal, was ich auch versuche. Gerecht wird der Mensch nur durch einen, nämlich durch Gott, der den Menschen gerecht macht, der eben genau daran glaubt. Das ist der Kern lutherischer Rechtfertigungslehre.

Ich weiß, ich weiß: Das ist alles ziemlich abstrakt und auch unbequem zu denken. Fühlt sich nicht gut an. Also habe ich, um das Ganze etwas zu gestalten, eine amerikanische Kollegin zitiert, deren Buch ich gelesen hatte. Sie beschreibt genau das: dass sie fl ucht wie einKesselflicker, dass sie launisch ist und schnell genervt und dass sie oft den oben zitierten Satz denkt. Und das trotz aller Versuche, genau das nicht zu tun! Das Ziel meiner Predigt war dann zu sagen: Daran, dass du immer mal wieder „L. m.!“ denkst, kannst du nur schwer etwas ändern. Du bleibst du. Mensch bleibt Mensch. Was du aber tun kannst, ist, dir selbst genau das einzugestehen. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist dann, nicht bei „L. m.!“ stehen zu bleiben, sondern weiterzudenken und auf den zu vertrauen, der dich gerecht macht für ein Leben zwischen Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe. Eben das ist Buße.

An der Kirchentür sagte mir dann jemand: „Man darf nicht „L. m.!“ in der Kirche sagen. Nicht mal als Zitat!“

Darüber würde ich streiten. Ich kenne niemanden, der diesen Satz nicht schon mal so oder ähnlich gedacht oder gesagt hat. Das macht den Satz nicht besser. Aber es macht ihn ehrlich. Er ist ein Beispiel für einen schmuddeligen Teil des echten, ehrlichen Lebens. Deswegen muss man über ihn reden, ganz off en, auch und gerade in der Kirche, wenn es dort denn um das echte Leben gehen soll. Denn Offenheit mit diesen schmuddeligen Lebenssätzen schafft Freiheit –
im Umgang mit mir selbst und mit meinen Fehlern. Sie schafft Freiheit in der Begegnung mit meinem Gott, der meine Abgründe ohnehin kennt. Und sie schafft Freiheit im Umgang mit aufgestellten Regeln, die sagen, was „man“ nicht darf und wie „man“ besser sein sollte. Am Ende werde ich nur durch einen ein Besserer und Anderer, nämlich durch den, der mich in seiner Liebe von allen „Du musst“ oder „Du darfst nicht“ freigekauft hat.

Was ich bin?
Ich bin…
… teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. (nach 1. Kor 7,23)

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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März 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #3/2020: Worauf man achtgeben sollte
– auf den Gegenverkehr beim Linksabbiegen
– auf den richtigen Wein zum Essen
– auf die Berufswahl
– auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante (Mind the gap!)
– auf die Gesundheit und die Balance zwischen Arbeit und Freizeit
– auf angemessene Kleidung, wenn man eine Audienz bei der Queen hat oder den Nobelpreis verliehen bekommt
– auf Menschen, die einem lieb und teuer sind
– …

 

Neulich machte jemand kehrt als er mich sah. Normalerweise würde mich das zumindest nachdenklich machen. Aber in diesem Fall war es lustig. Es war nämlich so:

Wir waren auf Konfirmandenfreizeit. 48 Konfirmandinnen und Konfirmanden, 12 Leute im Betreuungsteam und ich. Wir spielten das Mörderspiel, das zu jeder Freizeit dazugehört und das immer parallel neben den Unterrichtseinheiten, den Mahlzeiten oder anderen Aktivitäten herläuft. Bei diesem Spiel hat eine oder einer aus der Gruppe einen kleinen Gegenstand in der Hosentasche, zum Beispiel einen Engel oder eine besondere Münze. Diese Person ist der „Mörder“. Ist der Mörder mit einer weiteren Person allein, kann er seinem „Opfer“ den Gegenstand unter die Nase halten und ihm so verdeutlichen, dass er oder sie nun leider „tot“ ist. Das Opfer muss sich dann in eine Liste eintragen, zusammen mit der Uhrzeit und dem Ort seines Ablebens, ansonsten aber Stillschweigen bewahren. Wenn bei jeder Mahlzeit die ganze Gruppe zusammenkommt, versuchen die Gruppenmitglieder den Mörder anhand der Opferliste zu ermitteln, wobei sich natürlich nur die noch „lebenden“ Personen beteiligen dürfen. Die Gruppe nominiert dazu bis zu drei Verdächtige und stimmt am Ende ab. Läuft alles nach Plan, ist der Mörder gefasst. Geht alles schief, ist die fälschlicherweise beschuldigte Person ebenfalls tot und der eigentliche Mörder darf weiter sein Unwesen treiben.

Betreibt man es mit dem nötigen Ernst, sorgt dieses Spiel ab einem bestimmten Zeitpunkt dafür, dass die Gruppenmitglieder nur noch zu zweit oder in Kleingruppen durch das Haus tigern. Kaum jemand mag sich allein in einem Zimmer aufhalten. Selbst der Gang auf die Toilette wird im Team absolviert, oder aber zu einem Abenteuer mit möglicherweise „tödlichem“ Ausgang. Alle sind auf der Hut vor dem „Mörder“. Alle sind wachsam. Auch wenn es mir bei einer ersten Abstimmung gelungen war, mich der Gruppenjustiz durch eine überzeugende Verteidigungsrede zu entziehen, gehörte ich zu den Verdächtigen – völlig zu Recht übrigens. Und eben das führte dazu, dass ein Konfirmand mit schreckgeweiteten Augen aber wortlos auf dem Absatz kehrt machte, als er realisierte, dass er mir auf dem Flur plötzlich allein gegenüberstand.

Dieses Spiel initiiert eine besondere Atmosphäre der Wachsamkeit, sodass fast schon ein Grundgefühl von „Aufpassen!“ und „Achtung!“ entsteht. Auf Dauer und im echten Leben ist dies sicher nicht zuträglich. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, sein Leben in Angst zu führen. Das gilt für die alltäglichen Lebensvollzüge genauso wie für den Glauben. Ich glaube nicht, dass es im Sinne Gottes sein kann, das Leben in Angst vor göttlichem Zorn, Strafe und Rache zu führen. Und trotzdem gehört Wachsamkeit zum Leben und zum Glauben dazu. Im Alltag bewahrt sie vor übereilten und leichtsinnigen Entscheidungen oder Handlungen. Wachsamkeit als Vorsicht also. Im Glauben aber ist Wachsamkeit eher so etwas wie ein Ausdruck von Ehrfurcht (nicht Angst!), die damit rechnet und die es Gott zutraut, dass Gott in der Welt wirkt und handelt. Gott ist keiner, der es sich irgendwo bequem gemacht hat, den die Welt, den mein und dein Leben nichts mehr angeht. Gott ist ein Gott, der Leben schafft, der es erhält und der es am Ende zu einem Ziel führen wird. Mit einem solchen Blick durch unsere Welt zu gehen, ihre Schönheit zu sehen, die Gott ihr geschenkt hat, aber auch die Grenzen zu sehen, die Gott ihr gesetzt hat und gleichzeitig damit zu rechnen, dass das Hier und Jetzt noch nicht das Ende, noch nicht das Ziel des Ganzen ist, dass noch etwas kommt, das anders ist als alles, was wir kennen, das meint die Wachsamkeit des Glaubens.

Worauf man achtgeben sollte?
– …
– auf Sonnenauf- und -untergänge, Sterne und auf Meeresrauschen
– auf Monster, die unterm Kinderbett wohnen und vor allem
– … auf das, woran du dein Herz hängst

Jesus Christus spricht: Wachet! (Mk 13,37)

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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