Gemeindebriefe 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen.

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2017, 02/2017, 03/2017, 04/2017, 05/2017, 06/2017, 07/2017, 08/2017, 09/2017, 10/2017, 11/2017, 12/2017.


Dezember 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerdie wohl erste protestantische Reliquie war ein Bild von Martin Luther. Es zeigt den Reformator aus der Froschperspektive. Luther wirkt riesig, wie ein Held. Und damit man auch weiß, worin die Heldentat besteht, hat der Maler einen gekreuzigten Christus rechts neben den Helden gemalt.

Christus selbst ist etwa halb so groß wie Luther. Er ist so gemalt, dass sich die beiden direkt in die Augen sehen können: Luther, der auf Christus schaut und Christus, der zurückschaut. Luther, der Christus wieder zu Ansehen verholfen hat. Luther, der Begnadete und Begnadigte.

Dieses Bild wurde eine echter Besuchermagnet, genauso wie das Geburtshaus Luthers in Eisleben, an dem es hing. Viele von denen, die damals auf den Spuren Luthers wandelten, nahmen sich ein Stückchen Geburtshaus mit. Hier ein Stück vom Balken und da ein Stück vom Fachwerk als Andenken und Erinnerung, als einen kleinen Gegenstand, durch den der Superheld einem doch ein Stückchen näher war als nur durch seine Worte. Das Ende vom Lied war: Das Haus verfi el. 1689 schließlich kam ein großer Stadtbrand. Und das Geburtshaus Luthers − oder das, was davon übrig war − ging in Flammen auf. Das einzige, was übrigblieb, war das besagte Bild. Und natürlich war das für die Menschen in dieser Zeit nichts weniger als ein Wunder!

Da wettert einer sein ganzes Reformatorenleben lang dagegen, dass man Heilige anbetet.

Da wettert er gegen Reliquien und gegen ihre Verehrung. Da wettert er gegen den Irrglauben, dass Reliquien Schutz und Ablass von den Sünden bewirken. Und was ist das Ende?

Foto: Schlosskirche zu WittenbergAm Ende pilgern die Leute zu den Stätten, an denen er selbst gelebt und gewirkt hat. Sie tragen sein Geburtshaus in Einzelteilen in ihren Hosentaschen davon. Und sie erzählen sich wundersame Legenden, die beweisen sollen, was für ein gesegneter und von Gott begnadeter Mensch er war. Ein Held. Ein Vorbild. Ein Heiliger. Im Bild sogar mit Christus auf Augenhöhe.

Viele Menschen sind in diesem 500sten Jahr der Reformation nach Wittenberg oder an die anderen Lutherstätten gefahren. Auch eine Gruppe aus unserer Gemeinde hatte sich auf den Weg gemacht, um ihm, dem großen Reformator, nachzuspüren.

Aber nun ist Reformation vorbei. Die Lutherdekade, der Kirchentag, die Empfänge und Vorträge, die Festgottesdienste. Alles vorbei. Es luthert nicht mehr. Jetzt werden wieder andere Dinge wichtig. Advent und Weihnachten, der Jahreswechsel, das neue Jahr wartet mit seinen Herausforderungen − auch in unserer Gemeinde.

Und was bleibt von der „Lutherpilgerschaft“? Vielleicht ja die Erkenntnis, dass auch Protestanten Helden brauchen. Sie stiften Identität und erinnern an unsere Wurzeln. Vielleicht ist es auch die Erkenntnis, dass große Ideen nicht nur aus Hamburg, Berlin oder München kommen, sondern manchmal auch aus Orten wie dem verschlafenen Wittenberg.

Für mich selbst aber ist es die Erkenntnis, dass die Pilgerschaft zu den Ursprüngen das Eine ist, der mutige Schritt in die Zukunft aber das Andere. Es reicht nicht, sich auf unsere Altvorderen zu besinnen. Die Welt dreht sich weiter und mit ihr auch die Kirche. Und das heißt: Es gilt zu gestalten. Damit unsere Kirchen nicht zu bloßen Museen werden wie die Häuser von Luther oder Melanchthon. Und es gilt zu gestalten, damit Gottes Wort auch heute dort ankommt, wohin es möchte, nämlich zu den Menschen.

Eine schöne Nachreformations- und Vorweihnachtszeit wünscht Ihr Pastor

René Enzenauer

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November 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauereine Leiter wird an die Dachrinne gelehnt. Einer hält sie unten fest. Die anderen beiden steigen das wackelige Instrument hinauf. Dann folgt auch der furchtlose Dritte. Wir stehen auf dem Dach von unserem Gemeindehaus − und schauen erstmal in die Welt: Wohltorf (ein wenig) von oben, im Sonnenschein, mit seinen kleinen Feldern und mit den vielen Bäumen, die sich langsam bunt färben. Jetzt noch Liegestühle und eine gute Tasse Kaff ee und die Idylle wäre perfekt.

Allerdings ist das, was wir in nächster Nähe sehen weniger idyllisch. Denn die Bitumenbahnen auf dem Dach lösen sich nach den vielen Jahren so langsam in Wohlgefallen auf. Ihre Ränder eignen sich hervorragend als Unterschlupf und Weiterleitung für den üppigen norddeutschen Sommerregen. Hier und da haben sich große Beulen gebildet und auch die Fugen des Mauerwerks lassen deutlich erkennen, wo hier das Wasser läuft. „Oha!“, sagt da der Architekt. Und damit sagt er genau das, was ich als Mitglied des Bauausschusses nicht hören möchte.
In diesem Jahr habe ich ziemlich viel „Oha!“ gehört: „Oha, im Keller steht das Wasser fast bis an die Treppe.“ „Oha, im Keller riechts nach Gas.“ „Oha, in der Toilette geht das Licht nicht oder der Lüfter, oder beides.“ „Oha, der Plan für die Wärmedämmung des Pastorates funktioniert nicht wie gedacht.“ „Und dann noch das ganz große „OHA, wir haben beim Sanieren eines Zimmers Asbest gefunden.“ Seitdem nennen wir das Zimmer frei nach Harry Potter nur noch das „Zimmer des Schreckens (ZdSch).“ All diese großen und kleinen Baumängel lassen unsere Gebäude auf dem Kirchberg trotz der idyllischen Lage nicht gerade als Orte erscheinen, in denen man gerne wohnen wollte. Und doch sagt auf jeden Fall einer: „Ich will.“

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. (Ezechiel 37,27)

So lautet der Monatsspruch, der uns durch den November begleitet. Der Satz stammt aus dem Buch des Propheten Ezechiel, der ihn seinerzeit an die beiden getrennten Reiche Israel und Juda gerichtet hatte, die erst von den Assyrern und dann von den Babyloniern bedroht und schließlich unterworfen wurden. Das Volk und vor allem die Eliten waren deportiert, die Orte lagen in Trümmern, die Häuser und der Tempel waren zerstört oder geplündert. Kein Ort zum Leben. Kein Ort zum Wohnen.
Aber es soll anders werden! Das war die Hoffnung und das Ziel für die Zukunft: Die beiden getrennten Reiche sollen wieder vereint werden und Städte und Dörfer aufgebaut. Und − das Wichtigste − Gott verspricht: „Ich will. Ich will mitten unter euch sein, bei euch wohnen, mitten unter den Menschen, die zu mir gehören.“ Und so geschah es, damals in Israel und Juda. Das Land wurde wieder aufgebaut und das Volk kehrte aus dem Exil zurück. Und Gott zog wieder ein in seinen neuen Tempel.
Und bei uns? Nun, im Keller stand schon lange kein Wasser mehr. Das Gasleck: Erledigt! Licht in der Toilette: Erledigt! Es gibt einen neuen Plan für die Pastoratsdämmung. Wir suchen nur noch nach einem möglichen Bautermin. Dachreparatur: Wir sind am Ball. Und das „Zimmer des Schreckens“ wird zum „Raum der Wünsche“. Alles dank der Mitstreiter aus Kirchengemeinderat und Bauausschuss, dank guter Handwerker und dank der Beharrlichkeit, der Ideen und Energie aller Beteiligten.

Und Gott? Anders als Bitumenbahnen und Gasleitungen altern seine Zusagen nicht.

Gottes „Ich will bei ihnen wohnen“, das gilt immer noch und es hilft mir und vielleicht ja auch Ihnen, wenn es beim Bauen und im Leben wieder einmal ein „Oha!“ gibt.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Oktober 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauervor 500 Jahren brachte in Wittenberg ein unbekannter Mönch namens Martin Luther die Institution „Kirche“ − und nicht nur die − mit seinen Thesen in Bewegung. Der Kaiser, der Papst, der Reichstag, die Landesfürsten, die Theologen an den Universitäten und sogar die Menschen auf der Straße − alle beschäftigten sich mit seinen Ideen und mit deren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Ordnung und auf das Verhältnis zwischen Kirche und weltlicher „Obrigkeit“. In den Kirchen stiegen die Prediger auf die Kanzeln und predigten die „neue Lehre“: Sola gratia! Sola fide! Allein durch Gnade! Allein durch den Glauben!

Wie zwei Seiten einer Medaille beschreiben diese beiden Schlagwörter den Kern lutherischer Theologie. Aus der Sicht Gottes zählen kein besonderes Fromm-Sein und auch keine besonderen Leistungen. Wenn Gott sich dem Menschen zuwendet, dann ist das keine Belohnung für gute Werke sondern ein reiner Gnadenakt. Denn weil der Mensch nun mal so ist wie er ist (Luther würde „sündhaft“ sagen.), ist es ihm schlicht unmöglich vor dem großen und gerechten Gott zu bestehen, was immer auch der Mensch versucht und leistet. Deswegen: Allein durch Gnade!

Aus der Sicht des Menschen wiederum ist der einzige Weg, der zu Gott führt, der Weg des Glaubens. Liebe und Zuwendung kann man sich nicht verdienen, auch nicht die Liebe Gottes. Man kann nur darauf vertrauen, dass sie da ist. Deswegen also: Allein durch den Glauben!

Das war Zündstoff , denn es stellte zum Beispiel die sündenvergebende Autorität der Kirche in Frage. Es gab also viel zu diskutieren damals.

Vor etwa vier Wochen brachten in Wohltorf 36 neue Konfirmandinnen und Konfirmanden und sieben Teamer den Kirchberg in Bewegung. Der neue Konfi-Kurs hat angefangen.

An einem ganzen Samstag ging es ums Kennenlernen, ums Spielen und Essen (Ganz wichtig!). Unsere Kantorin Frau Wiese kam in den Genuss eines sehr behutsam vorgetragenen Liedes: „Alle meine Entchen …“. Die Nachbarn wurden her aus geklingelt um ein Gruppenfoto zu machen und mein Auto wurde mit der Kraft von 72 Konfi-Armen buchstäblich abgeschleppt. Und ganz nebenbei blitzten bei einer Rallye schon die ersten Themen auf, mit denen wir uns in den kommenden neun Monaten befassen werden: Taufe, Abendmahl, Gottesdienst, biblische Geschichten zur Nächstenliebe und zur Frage, wer Gott ist und was Gott tut. Natürlich war auch das Thema Reformation dabei, bei dem sich einige Mutige daran versuchten, einen Nagel mit möglichst wenigen Hammerschlägen in einem Stück Holz zu versenken.

Wie wichtig die Anliegen der Reformation auch heute noch sind, zeigt vielleicht diese kleine Begebenheit. Bei einem ersten Blättern durch das Gesangbuch stolperten die Konfis und ich über die Rubrik „Beichte“. Ich erzählte zum Beispiel, dass es anders als oft vermutet die Beichte auch in der protestantischen Kirche gibt und dass ein Pastor unter allen Umständen das für sich behalten muss, was ihm in der Beichte anvertraut wird. Und dann fragte jemand: „Warum sollte man denn jemandem davon erzählen, was man falsch gemacht hat?“ Oder: „Muss man für die Vergebung nicht auch etwas tun?“ Und jemand anderes hakte nach: „Wird einem wirklich alles vergeben? Wirklich alles?“

Das sind zutiefst theologische Fragen nach dem Umgang mit Schuld und danach, was Vergebung ist und was es dafür braucht. Es sind Fragen nach Gerechtigkeit und nach möglichen Unterschieden zwischen den sprichwörtlichen kleinen und großen Sünden.

Ich habe auf diese großen Fragen vorläufig nur kurz antworten können. Die Gesichter, in die ich dabei geschaut habe, waren zu recht sehr skeptisch und nachdenklich. So einfach ist die Sache mit Sola gratia und Sola fide dann wohl doch nicht.

Man sieht also auch 500 Jahre nach Wittenberg: Es gibt immer noch viel zu diskutieren.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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September 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerder Regen hatte gerade aufgehört. Die Wolkendecke hatte sich geöffnet und machte Platz für weites Himmelblau. Wir sind auf einem Parkplatz. Eigentlich ist er nicht viel mehr als eine kleine freie Fläche neben der Straße, mit Pfützen, in denen man weit hinausschwimmen könnte. Trotzdem parken hier alle, die in das kleine Museumsdorf wollen, das auf der anderen Straßenseite liegt. Wenn man will, kann man sich dort ein paar herausgeputzte Cottages ansehen, reetgedeckt und eingerichtet so wie früher.

Nach unserer Museumstour lehnen wir am Auto und essen in Ruhe unsere Sandwiches. Die Sonne scheint. Es riecht nach Torff euer und nur wenige Meter neben uns rauscht das Meer an einen kleinen Strand.

Nur der riesige Reisebus neben unserem Auto will nicht so richtig in die Idylle passen. Eine Gruppe Jugendlicher schwirrt um ihn herum. Plötzlich ruft jemand, der älter aussieht als alle anderen: „Everybody in the bus! Everybody in the bus! – Alle in den Bus! Alle einsteigen!“ Die gerade noch schwirrende Jugend gehorcht auf beeindruckende Weise und nimmt in dem Reisemonster Platz. Aber der Bus fährt noch nicht ab. Irgendetwas stimmt nicht. Der Ältere steigt wieder aus, geht auf dem Parkplatz herum, findet nichts und wirft dann einen Blick auf den Strand. Darauf bewegen sich zwei kleine Punkte in der Ferne, zwei Spaziergänger, die einfach nur die Sonne und das Meer genießen. Der Ältere flüstert leise Flüche und brüllt dann die beiden weit entfernten Punkte an. Ich kann sehen, wie sie anfangen zu laufen und in Richtung Parkplatz hetzen. Sie sind außer Atem als sie ankommen und hecheln schuldbewusst Entschuldigungen. Aber als sie an dem Älteren vorbei sind und in den Bus einsteigen, da sehen sie sich die beiden Schuldigen heimlich an. Und ein süffisantes Lächeln legt sich auf ihr Gesicht.

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und es sind Erste, die werden die Letzten sein. (Lk 13,30)

Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass alles auf dem Kopf steht. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass Ruhe und Spazierengehen am Strand wichtiger werden als der nächste Stopp auf der Reiseroute oder als der nächste Tagesordnungspunkt. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass Aufatmen und Atemholen am Meer wichtiger sind als die Luft aus Klimaanlagen in Reisebussen oder in Büros. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass die, die immer alles richtig machen, anfangen von denen zu lernen, die in jede Pfütze und in jeden Fettnapf treten. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass die, die so viel reden und erklären, auf einmal anfangen zuzuhören. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass die, die ihre Muskeln spielen lassen, verstehen, dass es nicht Muskeln sind, die der Welt Stärke zeigen. Bestimmt wird es irgendwann so sein, dass die, die zu spät gekommen sind und die zu den Verlierern zählen, die sind, die auf dem Siegertreppchen stehen. Bestimmt wird es irgendwann so sein, da wird man den Sommer Gottes kommen sehen. Und der Himmel wird offen stehen.

Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden in seinem Reich. (Lk 30,29)

Bestimmt wird es irgendwann so sein.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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August 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerwas soll ich sagen?!

Es ist Mitte Juli, als ich diese Zeilen schreibe. Es sind nur noch wenige Tage bis zu den Sommerferien. Auch für mich heißt das: Es dauert nicht mehr lange und mein Urlaub beginnt.

Für mich ist das immer eine Gelegenheit einmal einen kleinen „Zwischenstop“ einzulegen. Was war eigentlich in dem vergangenen halben Jahr? Was ist alles passiert?

Wenn ich durch meinen Kalender gehe, dann finde ich neben all den Alltäglichkeiten viele schöne Dinge, die immer noch nachklingen: viele Gottesdienste mit Taufen, die Einführung des neuen Kirchengemeinderates, den Konfirmandensamtag im Haus Billtal und zwei große Konfirmationen, viel Musik in Gottesdiensten und in Konzerten, darunter auch das Kindermusical Israel in Ägypten mit den tanzenden Fröschen und dem traurig-schönen Lied von der toten Kuh Babette, oder Kirchberg goes Tonteich mit den Sambaklängen, die das Publikum zum Tanzen brachten (selbst meine tanzunbegabten Füße begannen plötzlich mit rhythmischen Bewegungen). Ich finde im Kalender die Termine für Kikilino wie die Gottesdienste in der Kita jetzt heißen, den Termin mit den Architekten für die Wärmedämmung im Pastorat und − noch gar nicht so lange her − ich fi nde Anmeldetermine: für unsere Wittenbergreise (64 Anmeldungen!!) und für unseren neuen Konfirmandenkurs, zu dem sich 35 (!!) neue Konfirmandinnen und Konfirmanden gemeldet haben.

Und nun also Urlaubszeit. Und was soll ich sagen?! Ich freue mich darauf! Meine Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub ist ebenso groß wie die Freude, die mich zum Teil beim Lesen der Termine des vergangenen halben Jahres überkommt. Dabei sieht meine gedankliche „Urlaubs – To Do – Liste“ ungefähr so aus:

  • drei Wochen lang ausruhen
  • neue Ecken der Welt entdecken
  • neue Eindrücke und vielleicht Ideen sammeln
  • die Seele baumeln lassen
  • alte Freunde besuchen
  • zu kurz gekommene Hobbies wieder aufleben lassen
  • usw., usw.

Aber dann lese ich in einem Online Magazin die Überschrift: Endlich Ferien. Zehn Irrtümer über die Urlaubszeit. Zu den Urlaubsirrtümern gehören unter anderem folgende Dinge: Vor dem Urlaub muss alles abgearbeitet werden! Das Beste am Urlaub ist die Erholung! Urlaub macht glücklich! Urlaubsmitbringsel sind Kitsch. Wer diese Dinge ernsthaft glaubt, irrt, so der Artikel.

Ich stelle fest, dass ich tatsächlich einigen dieser und anderer Irrtümer erlegen bin. Glücklicherweise gibt es in dem Artikel aber auch Hinweise, wie sich diese umgehen und beheben lassen. Aber nach dem Lesen komme ich ins Nachdenken und beschließe eine neue „Urlaubs – To Do – Liste“ zu erstellen:

  • drei Wochen lang ausruhen
  • neue Ecken der Welt entdecken
  • neue Eindrücke und Ideen sammeln
  • die Seele baumeln lassen
  • alte Freunde besuchen
  • zu kurz gekommene Hobbies wieder aufleben lassen

und ganz wichtig

  • keine Urlaubsratschläge befolgen, sondern einfach tun, wonach mir der Sinn steht!
  • usw., usw.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Ferien- und Sommerzeit.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Juli 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerwenn Du nach einem langen Tag nach Hause kommst und wenn Du dann wie jeden Abend erzählst, dass in der Firma wieder alles chaotisch ist, dass die Chefetage keine Ahnung hat und dass die Kunden einen in den Wahnsinn treiben, …
wenn Du regelmäßig jammerst, weil der Zahn links oben wieder weh tut und Du immer noch nicht beim Zahnarzt warst, …
wenn Du im Sommer in den Urlaub fahren möchtest, Du aber keine Lust hast, Flüge und Hotel zu buchen, …
wenn Du krank bist oder traurig und alles Leid der Welt gefühlt nur auf deinen Schultern lastet, …
wenn Du von allem mal die Nase voll hast und Du einfach deine Ruhe willst, …
wenn Du durch und durch verzweifelt bist und einfach nicht mehr weiter weißt, …
wenn Du ständig was vergisst, was durcheinanderbringst und tausend kleine Fehler machst, wenn die Zahnpastatube bei Dir immer off en liegen bleibt und wenn Du den Zucker nicht findest, der im Schrank direkt vor deinen Augen steht, …

… und wenn dann jemand da ist,
… der Dir jeden Abend geduldig zuhört,
… der Dir wortlos ein Kühlpack reicht,
… der sich stundenlang vor den Computer setzt und die schönste Urlaubsroute plant,
… der Dich tröstet, pflegt und bei Dir ist,
… der Dich in Ruhe lässt, wenn Du deine Ruhe brauchst,
… der Dir sagt: „Wir kriegen das schon hin!“,
… der Dich an alles Wichtige erinnert und deine Fehler erträgt,
… der die Zahnpasta regelmäßig verschließt und Dir mit einem Lächeln den Zucker gibt, …

Und wenn Du am Sonntag in den Gottesdienst gehst und die kopierten Liederzettel reichen nicht, …
wenn in der Einladung für das Ehrenamtsfest ein falsches Datum steht, …
wenn vielleicht das eine oder andere in der Gemeinde anders läuft, als Du es Dir wünscht, …
wenn Du feststellst, dass dein Nachbar in der Kirchenbank ganz anders glaubt und lebt als Du,
und wenn Dich vielleicht auch manche Predigt stört und Dir so manches Lied zu alt ist,
und wenn Du dann mit deiner Nachbarin in einen Liederzettel schauen kannst,
… wenn dann der Fehler mit dem Datum Nebensache wird, weil es ja eigentlich um etwas anderes geht,
… und wenn Du trotzdem mitmachst und gestaltest, damit auch deine Wünsche in Erfüllung gehen,
… und wenn Du deinem Nachbarn seinen Glauben lassen und vielleicht auch davon lernen kannst,
… und wenn so manche störende Predigt und manch unmodernes Lied jemand anderem gefallen kann, …

… wenn das alles passiert, dann weißt Du: Das muss Liebe sein.

Und dann ahnst Du, was dahinter steckt, wenn Paulus an die Gemeinde in Philippi schreibt:

Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung. (Philipper 1,9)

Einen schönen Juli wünscht Ihr Pastor

René Enzenauer

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Juni 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer„Wir sehen uns am Samstag um 10 Uhr im Haus Billtal.“ Mit diesem Satz ging die letzte wöchentliche Konfirmandenstunde vor den Konfirmationen zu Ende. Die Reaktionen der Konfis reichten von: „Was machen wir im Billtal?“ bis zu einem schockierten: „Um 10???!!! Da schlafe ich noch!“

Aber Gott sei Dank gibt es ja Wecker. Und so waren dann auch alle da: 23 Konfis, viele Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims, das Team des Hauses rund um Leiterin Frau Pahl und ehrenamtliche Helferinnen.

Und jetzt klärte sich auch die „Was machen wir?“-Frage: Wir bildeten Teams mit selbstgewählten klangvollen Namen wie „Die coolen Sechs“ oder „Die Generationen-Gang“, natürlich gemischt aus Konfis und Senioren. Und dann ging es auf die Wettkampfstrecke, auf der die Teams gegeneinander antraten um Punkte zu sammeln. Insgesamt zehn Stationen standen bereit, an denen man wunderbare Dinge beobachten konnte.

Eine Station war das Pedalo-Fahren, einmal den Flur hin und wieder zurück – möglichst ohne abzusetzen. Wer es mal versucht hat, weiß, dass das keine Kleinigkeit ist. Gedacht war diese Station eigentlich für die sportlichen Konfis, aber es zeigte sich einmal mehr, dass man Senioren auf keinen Fall unterschätzen sollte … Gleiches gilt übrigens auch für das Spiel mit dem Hula Hoop Reifen. Auch mit 90 kann man noch minutenlang die Hüften kreisen lassen.

Man konnte sehen wie sich Konfis und Senioren gegenseitig anfeuerten und einander auf die Schulter klopften, wenn etwas gelungen war. Man konnte erleben wie sich die Einen mit der Hilfe der Anderen etwas zutrauten, was sie allein nicht versucht hätten. Man konnte den Applaus hören, wenn Senioren und Konfis es Seite an Seite geschafft hatten, den „Heißen Draht“ mit ruhiger Hand zu bewältigen.

Man konnte beobachten, was es heißt Gemeinde zu sein: eine Gemeinschaft verschiedener Menschen, Alte und Junge, die beseelt ist von einem gemeinsamen Ziel, von einer gemeinsamen „Mitte“. Man konnte erleben, wie sehr die Stärken des Einzelnen die Gemeinschaft als Ganze bereichern. Man konnte sehen, welche Kraft daraus wachsen kann, einander zu unterstützen und wertzuschätzen. Und man konnte die Erfahrung machen, auch die vermeintlichen Schwächen des Anderen zu akzeptieren, den anderen so zu nehmen, wie er bzw. wie sie ist.

So ergab sich an diesem Samstag im Haus Billtal fast wie von selbst das, was Paulus an die Korinther schreibt:

Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles allem. (1 Kor. 12,4ff.)

Am Ende dieses Tages im Haus Billtal saßen die Konfis und ich dann noch einmal zusammen. Es war die Abschlussrunde, mit dem Rückblick auf diesen Tag und auf die Konfi-zeit und mit dem Satz: „Wir sehen uns dann: zu eurer Konfirmation.“

Ihr Pastor

René Enzenauer

PS: Einen ganz herzlichen Dank für diesen Tag an Marita Pahl und das Team des Hauses Billtal, an die Teamer von Interact Bergedorf, an Frau Vollmer und Frau Berling.

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Mai 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerfünf Kühe, neun Kälber, acht Schweine, zwei Sauen, drei Ferkel, eine Ziege und zwei Zicklein.

300 Gulden für Fleisch, 200 Gulden für Bier, 50 Gulden für Brot. Dazu ein Fischteich und Gemüsebeete, ein Weingarten und sogar eine eigene Brauerei.

Was beim ersten Lesen wirkt wie der Bestand und Umsatz eines kleinen Bauernhofes, ist nichts anderes als der Hausstand des Professors der Theologie und des Predigers Martin Luther. Sein Haushalt gehörte zum Üppigsten, was Wittenberg zu seiner Zeit zu bieten hatte.

Kein Wunder, denn bei Martin und Käthe saßen nicht nur ihre sechs Kinder mit am Tisch, sondern zusätzlich „eine wunderlich gemischte Schar aus jungen Leuten, Studenten, jungen Mädchen, Witwen, alten Frauen und Kindern, weshalb große Unruhe im Hause ist, derentwegen viele Luther bedauern.“ Wenn bei Luthers gekocht wurde, dann für 20 bis 50 Personen. Man saß zusammen, man aß und man hörte dem Meister beim Reden zu.

Luthers Tischreden waren so beliebt, dass seine Frau Katharina es in Betracht zog, Eintritt dafür zu nehmen − zumal dann, wenn man sich seine Worte auch noch notieren wollte.

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt.

So lautet der Monatsspruch für den Mai aus dem Kolosserbrief. Als der Schreiber diesen Satz schrieb, da dachte er an die Menschen, die noch nichts von Christus gehört hatten. Seid freundlich und gnädig zu ihnen, fordert er, aber macht ihnen die gute Nachricht von der Liebe Gottes zu den Menschen auch schmackhaft. Redet so, dass sie euch gerne zuhören.

Nun ja, Dr. Luther und die Freundlichkeit, das ist so eine Sache. Der ihm zugeschriebene Satz „Alles Übel erwächst daraus, dass ein Weib nicht kochen kann.“, spricht nicht gerade für sein Feingefühl. Aber wenn er über Gott redete, dann konnte er von der Liebe und Geborgenheit des Menschen in Gottes Händen reden wie kein Zweiter: Und wenn die Welt voll Teufel wär‘… Wenn Luthers Rede etwas war, dann „mit Salz gewürzt“. Das, was er glaubte und worauf er vertraute, das konnte er so in Worte fassen und so weitergeben, dass es seine Zuhörer und Leser berührte − bis heute übrigens.

Wenn Sie Lust haben, sich auch berühren zu lassen von Luthers Worten und von der Welt in der er lebte, dann fahren sie mit: Am 4. und 5. November soll es bei einem Gemeindeausflug in die Lutherstadt Wittenberg gehen. Auf dem Programm stehen das Lutherhaus, die Schlosskirche, eine Stadtführung durch Wittenberg und natürlich das gemeinsame Essen und Trinken. Seien Sie dabei.

Ihr Pastor

René Enzenauer

PS: Auf die Eintrittsforderungen seiner Frau soll Luther geantwortet haben: „Ich habe dreißig Jahre gratis gelehrt und gepredigt. Warum sollte ich jetzt, da ich alt und schwach bin, damit Handel anfangen? Der Doktor ist kein theologischer Schankwirt!“

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April 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer„wichtig ➔ Schuhe aus!“ So stand es auf dem Plakat, das vor uns hing. Und so ähnlich war es wohl auch damals, als Mose vor dem brennenden Dornbusch stand, und als Gott mit ihm redete:

„Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (2. Mose 3,5)

Wer vor Gott treten will, der muss barfuß gehen.

Der Ort, an dem wir unsere Schuhe ausziehen sollten, war allerdings nicht das Heilige Land, sondern nur die Tür zu einem Zimmer in einem Schullandheim. Dahinter tat sich aber trotzdem eine andere kleine Welt auf.

Alles war dunkel, dank einer großen Decke vor dem Fenster. Der Raum war kreuz und quer vollgestellt mit Stühlen, Tischen, Matratzen aus den Doppelstockbetten und anderem Gerät. Mit verbundenen Augen und auf Socken musste man sich auf den Weg machen, mitten hinein in die Dunkelheit. Es gab nur eine Möglichkeit zur Orientierung, nämlich einen dünnen Wollfaden, der durch das Zimmer gespannt war. Dieser Faden führte unter Tischen hindurch, über die Matratzen, die plötzlich zu einem schwankenden Untergrund wurden, und zwischen Stühlen hindurch. Auf diesen Faden musste man vertrauen.

Dies war eine von mehreren tiefgründigen und kreativen Stationen, die die Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Thema: „Beten ist wie…“ gebaut hatten (S. 43, Tag 1). Beten ist wie sich ins Dunkel wagen. Beten ist wie einen Weg finden. Beten ist wie Vertrauen haben, dass es einen gangbaren Weg gibt. Stationen wie diese wecken viele Assoziationen.

In mir weckte das Fadenlabyrinth noch einen anderen Gedanken. Für mich ist hier besonders sinnfällig geworden, dass unsere oftmals auf verworrenen Bahnen verlaufenden Lebenswege nicht um Hindernisse herum, sondern nur durch sie hindurch führen. Das Schwere im Leben, seien es Liebeskummer oder Angst vor Klausuren, seien es Krankheit oder Trauer, es lässt sich − leider − nicht umgehen. Der Weg führt immer nur hindurch. Und manchmal ist es dabei nur ein „seidener Faden“, an dem alle Hoffnung hängt.

In diesem Monat feiern wir Ostern. Und damit feiern wir genau das: dass es einen Weg gibt, hindurch durch Schwere und durch Dunkelheit. Und wir feiern, dass es diesen Faden gibt, ausgespannt von einem, der vorangegangen ist durch tiefste Todesfinsternis. Und ausgespannt für uns zum Orientieren und zum Festhalten: im Gebet, im Glauben, in Hoffnung und Liebe. Ihnen allen Gesegnete Ostern!

Ihr Pastor
René Enzenauer
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März 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerkein Eis! Keine Pommes! Keine Getränke! Rauchen verboten! Und wer ohne gültigen Fahrschein angetroff en wird, der zahlt mindestens 60 Euro. Ach, und keine Schuhe auf den Sitzen und die Musik aus dem MP3-Player bitte nicht so laut, damit andere nicht belästigt werden.

Wer in der großen Stadt oder deren Umkreis mit den öff entlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, der kennt diese vielen Gebots- und Verbotsschilder in Bussen, S- und U-Bahnen. Dabei ist es eigentlich egal, in welcher Stadt man gerade ist: Im Grunde sind überall dieselben Dinge untersagt oder gefordert.

Geradezu erfrischend anders war es da, einmal in Israel unterwegs zu sein. Wer dort in einen Bus einstieg, der konnte − bis vor einiger Zeit jedenfalls − folgenden kleinen Vers lesen:

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen…

Dieser Vers steht im 3. Buch Mose, Kapitel 19, und er scheint natürlich wie geschaff en für die oft übervollen Stadtbusse in Jerusalem oder Tel Aviv. Vollständig lautet er:

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott, ich bin der Herr.

Das ist der Monatsspruch für den vor uns liegenden März.

Ich stelle mir vor, dass die Älteren unter Ihnen jetzt vielleicht kurz überlegen, welche Farbe ihr Haar hat. Vielleicht gibt es auch Einige, die denken: Ja, genau! Die Jüngeren sollen ruhig mal Platz machen. Das gehört sich so.

Aber ich, der ich zwar schon ein paar graue Haare habe, aber wohl immer noch einer von den „Jüngeren“ bin, habe die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht immer so einfach ist, höfl ich sein zu wollen. Es kam durchaus schon vor, dass „ein graues Haupt“ sagte: „Ach danke, lassen Sie mal. So alt bin ich noch nicht.“ Wer soll sich da auskennen?!

Natürlich geht es bei dem Vers aus dem 3. Buch Mose nicht um das Aufstehen im Bus. Es ist eine Regel für das Zusammenleben von Menschen. Es geht darum, die Lebensleistung und Lebensweisheit derer anzuerkennen, die schon mehr Jahre auf diesem Planeten überstanden haben als man selbst. Es geht um Würde und Würdigung und um Respekt. Und es geht im weitesten Sinne um Gottesdienst.

Der Vers gehört zu einem Abschnitt der Bibel, den man heute als „Heiligkeitsgesetz“ bezeichnet. Es regelt das „Zusammenleben“ Gottes mit seinem Volk. Und es regelt das Zusammenleben der Menschen untereinander. Denn, ob ein Volk heilig ist, also zu Gott gehört, das zeigt sich eben auch daran, wie man miteinander umgeht. Wer sich also vor einem grauen Haupt erhebt, der zeigt, dass er sein Gegenüber ehrt, sich kümmert und für es sorgt. Eben das ist Dienst am Nächsten. Eben das ist Gottesdienst.

In der Praxis ist das alles aber wahrscheinlich weniger eine Frage von ausformulierten Ge- und Verboten, die in der Öffentlichkeit ausgehängt sind. Es ist eine Frage der Haltung, mit der man Anderen begegnet, sei es nun in Bus und Bahn, in der Gemeinde oder wo auch immer. Und diese Haltung − diese kleine persönliche Anmerkung sei erlaubt − steht nicht nur den Jüngeren gegenüber den Älteren gut an: Respekt und Würdigung sind keine Einbahnstraßen.

Ihr Pastor
René Enzenauer
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Februar 2017

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauerich schreibe diese Zeilen am 12. Januar 2017. Es ist „Tag 1“ nach der Eröffnung der Elbphilharmonie bzw. der „Elphi“, wie das Prunkstück ebenso niedlich wie marketingwirksam auch genannt wird.

Vielleicht haben Sie das Spektakel verfolgt. Zur Eröffnungsfeier gab es Liveticker und -streams im Internet und geradezu berauschte Kritiken in Print- und Onlinenachrichten. Die Schlagzeilen reichten von einem sorgenvollen „Ekel-Wetter in Hamburg. Fällt die Elphi-Eröffnung heute ins Wasser?“ (Hamburger Morgenpost), über das Gauck-Zitat „Ein Juwel der Kulturnation Deutschland“, das Spiegel online zur Überschrift erkoren hatte, hin zu: „Elbphilharmonie eröffnet! Für diese Musik-Kathedrale bewundert uns die ganze Welt“ (MOPO).

Apropos „Kathedrale“: Angesichts dieser Jubeltöne fand sich auf der Internetseite der Nordkirche ein kleiner epd-Artikel, der etwas verhalten fragte: „Harmonie zweier Wahrzeichen: Macht die Elphi dem Michel Konkurrenz?“ Darin geht es um die bange Frage, welches der beiden Gebäude denn nun das neue Wahrzeichen der Stadt Hamburg sei.

Man kann nun einwenden, was für ein einfältiges Problem dies denn wäre. Aber ich denke, im Thema des genannten Artikels spiegelt sich eine für unsere Kirche immer größer werdende Sorge, die sich in diesem Fall an einem kirchlichen Gebäude herauskristallisiert. Es geht um die Sorge, nicht mehr wahrgenommen zu werden, keine Rolle mehr zu spielen im Leben der Städte und Dörfer. Letztlich geht es vielleicht sogar um die Frage danach, woran die Menschen ihr Herz hängen. So wird denn auch der emeritierte Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen mit den Worten zitiert: „Der Michel ist Hamburg − in den Herzen der Menschen, die hier leben.“ So gesehen geht es mit dem Michel nicht mehr einfach nur um ein Bauwerk. Damit verbunden geht es um Bedeutung und Bedeutungsverlust von Kirche.

Angesichts der aktuellen Diskussionen um kirchliche Gebäude ist dieses Thema alles andere als banal. Auch in unserem Kirchenkreis wird derzeit erhoben, welche Gebäude in den Gemeinden vorhanden sind, wie sie genutzt und ausgelastet sind, was Unterhaltung und Sanierung kostet und welche Bedeutung sie im Stadt- und Dorfl eben insgesamt haben. Es ist der Versuch, möglichst fair Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen und dann zu entscheiden, welche Gebäude seitens des Kirchenkreises noch mitfi nanziert werden. Am Ende dieses Monats werden die Ergebnisse in einem Workshop zur Diskussion gestellt. Es wird ganz sicher viel diskutiert werden …

Was sich in solchen Erhebungen aber nur schwer abbilden lässt, ist die Verbundenheit der Menschen mit ihren Kirchen. „Hier wurde ich getauft, konfirmiert und auch getraut.“ Solche und ähnliche Sätze höre ich immer wieder über unsere Wohltorfer Kirche. Darin wird deutlich, dass Kirchen eben mehr sind als einfache Gebäude, mehr als „nur“ ein Dach über dem Kopf. Sie sind Orte, in denen sich Lebensgeschichten abspielen, Beziehungsorte, Orte voller persönlicher Erinnerungen und − nicht zuletzt − Orte, an denen Menschen öff entlich und für jede und jeden zugänglich zusammenkommen können um Gottesdienst zu feiern.

Auch uns und den neuen Kirchengemeinderat wird dieses Thema in diesem Jahr beschäftigen. Die Kirchenmauer muss endlich saniert werden, die Sakristei renoviert, das Pastorat gedämmt, die Wasserschäden im Keller des Gemeindehauses beseitigt. Es gibt viele kleine und große Baustellen. Wir müssen sie zusammen angehen. Damit unsere Kirche im Dorf bleibt.

Ihr Pastor
René Enzenauer
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Januar 2017

Liebe Gemeinde in Wohltorf und im Krabbenkamp,

Foto: Pastor Enzenauerdie Sektkorken haben geknallt und die Böller auch. Und Raketen malten bunte Lichter in den Mitternachtshimmel:
„Prost Neujahr.“ Willkommen im Jahr 2017!

Ein neues Jahr bedeutet einen neuen Anfang und dem wohnt ja bekanntlich immer auch „ein Zauber inne“. Anders jedenfalls könnte ich mir die jahreswechselbedingte hohe Dichte von guten Vorsätzen nicht erklären: mehr Sport, mehr Entspannung, mehr Zeit mit der Familie, sich mehr ehrenamtlich engagieren oder − gerade nach Weihnachten immer sehr beliebt − abnehmen. Ich weiß, wovon ich schreibe…

Ich glaube, dahinter steckt die leise Hoffnung, dass das neue Jahr auch etwas Neues bringen möge, etwas, das besser ist als die Lasten und die Laster des alten Jahres. Aus solchen guten Vorsätzen und aus dem Zauber eines neuen Anfangs sprechen Wünsche nach einem gesünderen und besseren Leben und manchmal auch nach einer besseren Welt.

Nur leider gibt es einen Haken: das Jahr ist neu, aber wir sind die alten! Denn anders als ein Jahr das andere ablöst, ändern wir uns nicht von einem Tag auf den anderen. Und so verflüchtigen sich die guten Vorsätze und die leisen kleinen und großen Hoff nungen nur all zu schnell. Sie gehen unter im Alten und scheitern an unseren allzu menschlichen Grenzen.
Vor einem ähnlichen Dilemma stand auch der Prophet Ezechiel, aus dessen Buch die Jahreslosung für 2017 stammt. Jerusalem und der Tempel waren zerstört. Und ein großer Teil der Bevölkerung war ins Exil verschleppt. Aus Sicht Ezechiels war das nichts weniger als eine Strafe Gottes.

Aber seine Unheilsworte sollten nicht seine letzten Worte sein. Ezechiel verkündete dem Volk Israel einen neuen Anfang. Was zerstört war, sollte wieder aufgebaut werden. Und all den Menschen, die ins Exil geführt worden waren, verhieß er die Rückkehr in ihre Heimat.
Auch hier geht es um einen neuen Start und einen neuen Anfang − allerdings auch mit den gleichen „alten“ Menschen, die eben noch Gottes Strafe erfahren hatten!
Was also tun? Eine wirkliche Veränderung muss her.

Gott spricht:
„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.‟
(Ez 36,26)

In der Bibel ist das Herz das Organ, mit dem der Mensch denkt. Und der Geist ist der numinose Teil in uns, der uns Menschen bei unseren Taten leitet. Er ist Antrieb und Orientierung für unser Leben. Er ist das, was uns bewegt. Beides muss neu werden, damit ein neuer Anfang gelingen kann. Es braucht eine Änderung unseres Sinnes, die wir, so Ezechiel, nicht selbst in den Händen halten. Wir bekommen sie von Gott geschenkt.

Ich denke, das ist herausfordernd und ermutigend zugleich: herausfordernd, weil uns nichts bleibt, als auf dieses Geschenk Gottes zu vertrauen. Das ist vielleicht etwas ernüchternd und nicht immer einfach auszuhalten. Für ermutigend halte ich es aber dennoch, weil es Gott selbst ist, der für das neue Herz und den neuen Geist in uns bürgt und der uns von der Last befreit, immer alles selbst machen und bewirken zu müssen.

Angesichts des Zaubers eines neuen Anfangs zu Beginn eines neuen Jahres, könnte der Vers aus dem Ezechielbuch nicht passender sein: sei es nun für unsere Kirchengemeinde mit ihrem neu gewähltem Kirchengemeinderat, mit vielen schönen Ideen, mit so manchem guten Vorsatz und mit einer langen Liste von zu bewältigenden Aufgaben. Oder sei es für die Welt um uns herum, in der so viele Fragen und Probleme davon abhängen, wie Menschen über sich und über andere Menschen denken.

Also starten wir mit „Prost Neujahr!“ und mit dem Vertrauen auf ein Geschenk: Gott spricht: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.‟

Ihnen allen wünsche ich ein gesegnetes neues Jahr.

Ihr Pastor

René Enzenauer
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