Gemeindebriefe 2019

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017, 2018.

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2019,02/2019

Januar 2019

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

die anderen hatten es schon über die Straße geschafft. Wir zwei mussten auf das nächste grüne Ampelmännchen warten. Autos rauschten an uns vorbei. Es war laut. Und es war kalt.

Wir beide standen zusammen an der Straße und redeten nicht viel. Wir hatten uns gerade erst kennengelernt. Kaffeetrinken mit der Familie mit anschließendem Spaziergang. Diese Minuten an der Ampel waren die ersten, in denen wir allein waren. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Aber dann übernahm sie das Reden.

„Soso“, sagte sie, „Du bist also René.“ Ich lächelte. „Ja, genau.“ Sie guckte mich an und dann sagte sie: „Na dann: Ich bin die Hanna.“ Damit war das Eis gebrochen.

Inzwischen ist Hanna 94. In ihrer Küche hängt eine Urkunde von einer Heißluftballonfahrt. Daneben hängen Fotos von einer Reise nach Amerika. Auf dem einen Bild hält sie ein Krokodil. Wenn man sie besucht, bekommt man ein Glas Marmelade geschenkt, selbst gemacht natürlich, aus Früchten aus dem Garten vor dem Haus. Und auf dem Etikett steht: „Für René.“ Aber ihre wohl stärkste Eigenschaft ist ihre Offenheit: Sie verwickelt jeden ins Gespräch, mit dem sie reden möchte. Ob es sich dabei um Professoren, Bürgermeister oder andere Honoratioren handelt, ist egal. Reden kann man doch immer. Hanna interessiert sich einfach, für Menschen und für das Leben.

Manchmal macht sie das nachdenklich: „Über 50 Jahre Frieden. Stell dir das mal vor.“, sagt sie dann und in ihrer Stimme klingt Dankbarkeit … und Sorge. „Über 50 Jahre Frieden. Sowas gab es noch nie.“ Das sagt sie, die ab und zu davon erzählt, wie sie damals in den Straßengraben springen musste, als die Flugzeuge kamen. Sie weiß noch heute, wo die Stelle ist, an der das passierte.

Warum ich von Hanna erzähle? Weil ich an sie denken musste, als ich die Losung für das neue Jahr 2019 gelesen habe.

Suche Frieden und jage ihm nach.

So steht es in Psalm 34. Passender könnte es kaum sein, wenn man bedenkt, was gerade in der Welt passiert. Unversöhnliche Brexitdiskussionen, die Diskussion um den INF-Vertrag, die Gelbwestenproteste in Frankreich, Handelskriege, Stellvertreterkriege wie die in Syrien und im Jemen …

Und dahinein nun: Suche Frieden und jage ihm nach. Ein guter Satz. Und passend in diese Zeit. Nur wie macht man das? Und wie macht man das, wenn der Weg zum Frieden nicht selbst wieder Kampf und Krieg sein soll?

Bei dieser Frage musste ich an Hanna denken. Weil sie in meinen Augen nach diesem Satz lebt. Einfach so. Weil sie so ist, wie sie ist. Weil sie weiß, was Frieden wert ist. Weil sie dankbar dafür ist. Weil sie sich sorgt, dass Frieden bleibt, und weil sie auf ihre Weise in ihrer Welt etwas dafür tut: Weil sie eine ist, die das Eis brechen und offenherzig auf Menschen zugehen kann. Weil sie sich interessiert für andere. Ohne Hintergedanken. Weil Einfluss, Macht und Ruhm ihr schlicht egal sind. Weil sie sich freuen kann. Weil sie sagen kann: „Das reicht mir.“ Weil sie an andere denkt und teilt. Manchmal mit Etikett daran: „Für René.“ Um des Friedens Willen wünschte ich mir mehr von Hanna in der Welt.

Jetzt kann man sagen: Ja, aber … Das löst ja nicht die großen Fragen dieser Zeit in Politik und in Gesellschaft! Das stimmt. Vielleicht nicht sofort und nicht direkt. Aber irgendwo muss man ja anfangen.

Ein friedliches 2019 wünscht

Ihr Pastor
René Enzenauer

 

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Februar 2019

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

am Meer rauscht es. Im Garten zwitschert es. Und in der Kirche spielt die Orgel. So ist das, wenn alles so ist, wie es immer ist. Neulich allerdings, da war es anders. Am Meer rauschte es. Und im Garten zwitscherte es. Aber in der Kirche röhrte eine Kettensäge. Nun sind Kettensägen aus gutem Grund eher selten in Kirchen anzutreff en. Aber in diesem Fall ließ sie sich nicht vermeiden. Denn: Weihnachten ist vorbei!

Und so begab es sich also zu der Zeit, in der man sonst gemütlich am Abendbrottisch sitzt und ein feierabendliches Glas Wein genießt, dass sich ein Team aus Küsterkreis und Kirchengemeinderat daran machte, unsere Kirche wieder in den Alltagszustand zu versetzen.

Wir schraubten die Kerzenleuchter von den Bänken, kratzten das Wachs ab und verstauten sie in der Kammer. Wir holten den Adventskranz von der Decke, entledigten ihn seiner trocken gewordenen Zweige, verpackten sorgsam seine Schleifen und Bänder und legten sie nach ganz unten in den Schrank: Tschüss. Wir sehen uns in einem Jahr! Das Schwierigste natürlich war der Weihnachtsbaum. Früher gab es im Fernsehen mal eine Werbung, in der man sah, wie sich überall die Fenster der Häuser öffneten und die alten Weihnachtsbäume einfach auf die Straße flogen. Bei einem sechs Meter hohen Kirchenweihnachtsbaum muss allerdings eine andere Lösung her. Und die hieß: Kettensäge. Zu dritt kippten wir den Baum um und zerlegten ihn dann in mehr oder weniger handliche Einzelteile. Am Ende waren da nur Späne, trockene Tannennadeln und – wie zum Trost – ein schwacher, schöner Duft nach Holz. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mich machen diese nachfestlichen Aufräumaktionen, bei denen alles wieder so wird, wie es immer ist, meist ein wenig melancholisch. Ich denke an all die Menschen, die dabei waren, an die vielen Gottesdienstbesucher und -besucherinnen und an die vielen, die geholfen haben: Konfi s, Küster, Lektoren, Kirchengemeinderat und Kantorei. Danke! Ich denke zurück an den ziemlich verrückten Samstag, an dem wir den
Weihnachtsbaum für die Kirche geschlagen haben, an die Geduld und Nervenstärke der Freiwilligen Feuerwehr Wohltorf und an das „Ja, natürlich! Sucht Euch einen aus.“, als wir bei Familie Bismarck fragten, ob sie uns spontan einen Baum spenden würden, weil der erste Baum nicht hielt, was er versprach. 1000 Dank! Ich denke an all die Vorbereitung und daran, wie es dann geworden ist: vier Wochen Advent, Quempas, Lichterfest, Lebendiger Advent, Weihnachtsgrüße schreiben und bekommen, bewegend schöne Gottesdienste mit Krippenspiel und Kantorei und O du fröhliche im Stehen. Und nun ist es vorbei. Und es ist wieder, wie es immer ist. Naja, nicht ganz. Denn es gibt etwas, was anders ist. Es gibt eine Erinnerung mehr an ein schönes Weihnachtsfest in der Gemeinde. Es gibt eine Geschichte mehr, die wir uns irgendwann einmal am Lagerfeuer erzählen können. Sie heißt „Wie wir damals beinah keinen Kirchenweihnachtsbaum gehabt hätten.“ Und wir werden darüber lachen. Wir werden in diesem Jahr unsere Weihnachtskrippe bis Maria Lichtmess in der Kirche stehen lassen. Auch das ist dieses Jahr anders als sonst, damit Weihnachten noch etwas nachklingt.

Und daneben gibt es noch etwas. Es gibt etwas, das bleibt – auch wenn alle alten Weihnachtsbäume schon längst geschreddert sind. Und das ist die Botschaft:

Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus,der Herr, in der Stadt Davids.

Ihr Pastor
René Enzenauer

Fotos©R.Enzenauer

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