Gemeindebriefe 2018

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2018, 02/2018,


Februar 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauermein Auto findet fast schon ganz allein den Weg durch die enge Einfahrt. Motor aus. Gurt ab. Ein Blick nach links: „Ah, das Haus steht noch.“, denke ich, „Das ist schon mal gut.“ Ich steige aus und gehe zum Kofferraum. Der schwere Rucksack auf den Rücken, die Reisetasche über die Schulter. Ich bin wieder zu Hause. Nach Weihnachten zwei Wochen Urlaub − das war einfach nötig.

Ich suche wie immer meinen Haustürschlüssel, dann: Aufschließen, Gepäck fallen lassen, die Katze streicheln. Es ist genauso, wie es immer ist, wenn man länger weg war. Auf der einen Seite ist es schade, dass es vorbei ist, auf der anderen ist es gut, wieder in den eigenen vier Wänden zu sein.

Jetzt erst einmal ein Gang durchs Haus. Heizung an, Licht an, die Katze folgt bei jedem Schritt. Alles ist in Ordnung. Danke an die, die Haus und Hof und Katze eingehütet hat. Ohne sie, kein Urlaub.

Nach einer kleinen Pause schnappe ich mir das dicke Schlüsselbund, das ich zwei Wochen lang nicht benutzt habe und gehe rüber zur Kirche. „Ah, sie steht noch.“, denke ich „Das ist schon mal gut.“ Ich schließe auf und gucke, und ich freue mich.

Als ich die Kirche das letzte Mal gesehen hatte, da war noch Weihnachten − mit extra Stühlen im Gang, mit Weihnachtsbaum und Weihnachtsdeko. Aber jetzt: Weihnachten ist eingepackt! Die Stühle sind verschwunden. Die Kerzenleuchter sind von den Bänken abmontiert und gut verstaut. Die Weihnachtskrippe ist in ihrem Sommerlager, also da, wo sie außerhalb von Weihnachten immer ist. Der Weihnachtsbaum ist rausgeschafft und abgeholt. Der Adventskranz hängt nicht mehr, und auf dem Altar stehen frische Blumen. Alles ist in Ordnung. Und mehr noch: Alles ist aufgeräumt und sauber. Man könnte sofort Gottesdienst feiern.

Wie junge Hamburger Pastoren die Kirche retten wollen

So überschrieb das Abendblatt am 10. Januar einen Artikel, in dem es um ein Konzept geht, wie Gemeinde und Kirche angesichts sinken der Mitgliederzahlen und neuerdings auch sinkender Pastorenzahlen künftig aussehen könnte. Es gibt viele gute Ideen darin, auch wenn manches vielleicht eher in der Stadt möglich ist und für Kirche auf dem Land angepasst werden müsste. Es gibt zum Beispiel Vorschläge zu sogenannten „Ateliers“, in denen sich Pastor/Innen austauschen und gemeinsam arbeiten können, zur Residenzpflicht, zur Vereinbarkeit von Familie und Pfarrberuf, zur Arbeitsteilung im Team nach Schwerpunkten und nach persönlichen Neigungen und Fähigkeiten. Viel Innovatives, viel Neues und Spannendes ist dabei. Und trotzdem: Ich stehe hier in „meiner“ aufgeräumten Kirche. Und mir kommt die Überschrift dieses Artikels in den Sinn und ich frage mich, ob es wirklich die Pastor/Innen sind, die die „Kirche machen“ geschweige denn, dass sie sie retten.

Ich stehe hier in „meiner“ aufgeräumten Kirche und sehe: Alles chic. Alles in Ordnung. Auch ohne mich. Ich freue mich. Weil ich diese nachweihnachtliche Aufräumaktion nicht organisiert habe und sie trotzdem stattgefunden hat. Ich freue mich, weil ich nicht dabei war. Und trotzdem kamen Menschen, die angepackt und mitgeholfen haben. Ich freue mich, weil ich zwei Wochen weg sein konnte und nicht einfach alles liegen blieb. Ich freue mich, weil Menschen da waren, die die Dinge in die Hand genommen haben.

Danke an alle, die mitgemacht haben und die mitmachen − beim nachweihnachtlichen Aufräumen und überhaupt. Ohne Sie und ohne Euch keine Gemeinde. Ohne Sie und ohne Euch keine Kirche.

Ihr Pastor,

René Enzenauer
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Januar 2018

Pardon, what is a week-end?

Foto: Pastor EnzenauerGläser aus Kristall. Das Besteck, Serviettenringe, alles ist aus feinstem Silber. Goldenes Kerzenlicht von großen Kandelabern. Die Damen tragen Abendkleider. Schlicht aber elegant. Die Herren glänzen im König der Herrenkleidung. Man(n) trägt Frack.

Die Familie sitzt zu Tisch. Mit dabei sind unter anderem der Herr des Hauses, der Earl of Grantham und Lady Violet, die Mutter des Earls. Als besonderer Gast hat sich außerdem der künftige Ehemann der ältesten Tochter eingefunden. Er fällt ein wenig aus dem Rahmen. Er trägt zwar auch einen Frack, aber keine Titel, und er lebt auch nicht auf einem Landsitz wie seine Gastgeber. Er ist ein junger Anwalt aus der verrußten Industriestadt Manchester.

Tischgespräch: „Ich habe einen Job.“, erklärt der junge Anwalt. Der Earl runzelt die Stirn: „Einen Job?! Du weißt schon, dass ich vorhabe, dich in den Betrieb unseres Landsitzes einzubinden?!“ „Keine Sorge“, sagt der Titellose da, „der Tag hat genug Stunden. Und außerdem gibt es ja noch das Wochenende.“ Jetzt hat die alte Mutter des Earls ihren Auftritt. Völlig verwirrt blickt Lady Violet in die Runde und fragt ratlos: „Entschuldigung: Was ist ein Wochenende?“

Dieses Bonmot stammt aus der Serie Downton Abbey, die in kostümreichen Bildern eine aristokratische Familiengeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts erzählt.

Natürlich klingt die Frage von Lady Violet in unseren Ohren komisch, aber sie hat einen historischen Anhaltspunkt. 1879 schreibt jemand einen Brief an eine englische Zeitung, in dem er davon berichtet, er habe von einer seltsamen Sache namens „Wochenende“ gehört, die die Zeit zwischen Samstagabend und Montagfrüh meint, während der eine Person mit seinen Freunden zusammen ist und Dinge tut, anstatt zu arbeiten. Ob denn das wirklich so wäre, oder ob das nur auf die Gegend von Staffordshire regional begrenzt ist?

Dieser eine Ruhetag war damals also alles andere als selbstverständlich.

Eigentlich ist das seltsam, denn die „Erfindung“ eines solchen Tages ist weitaus älter als das victorianische oder edwardianische England. Sein Vorläufer findet sich schon in der Zeit des alten Israel.

Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. (5. Mose 5,14)

Dieser Vers ist der Monatsspruch für den Januar. Allein, dass er aus den zehn Geboten stammt und dass er die Zeit implizit in Ruhe- und Arbeitszeit unterteilt, würde ihn schon besonders machen. Darüber hinaus aber hebt dieses Gebot Israel als Volk Gottes aus seiner Umwelt heraus. Denn einen wöchentlichen Ruhetag kannte man in den anderen Kulturen dieser Zeit nicht. Mit anderen Worten: Dass man zum Volk Gottes gehört, erkennt man daran, dass man den Sabbat hält. Besonders markant aber ist die Begründung für dieses Gebot, die auf diesen Vers folgt. Am Sabbat soll Israel sich erinnern wie es von Gott aus der Knechtschaft in Ägypten geführt wurde. Die, die Knechte waren, die unterdrückt waren durch fremde Herrschaft, durch Arbeit und Mühe, wurden von Gott befreit. Alle sieben Tage, an jedem Sabbat, sollen sie daran denken. Sie sollen es sogar nacherleben, wenn sie die Arbeit ruhen lassen. Und sie sollen dieses Erlebnis auch all denen ermöglichen, für die sie Verantwortung tragen − selbst dem Vieh.

Was also ist ein Wochenende? Der Ruhetag, an dem man kosten kann, was es heißt, frei zu sein: frei vom knechtenden Alltag, frei zu tun und zu lassen, was man will, frei, seine Zeit mit Freunden zu verbringen − und mit seinem Gott, der diese Freiheit schenkt.

Vielleicht ist es ja ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Wenn am Sonntag die Firma oder der Schreibtisch rufen, dann einfach einen Moment warten, an den Sabbat denken, an die Freiheit − und an die Frage der Lady Violet.

Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen Ihr Pastor,

René Enzenauer
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