Gemeindebriefe 2018

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2018, 02/2018, 03/2018, 04/2018, 05/2018, 06/2018, 07/2018, 08/2018, 09/2018, 10/2018, 11/2018, 12/2018

Dezember 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Es war viel los. Trauerfeier in Hamburg, Besprechung mit den Kollegen, Unterricht vorbereiten. Dann kamen die Konfis. Dann noch ein Auswärtstermin. Zwischendurch E-Mails und Telefonate. Ich bin müde. Aber jetzt geht der Tag zu Ende. Endlich.

Ich fahre durch die Nacht zurück nach Hause. Schon seit einigen Minuten kam mir niemand mehr entgegen. Kein Auto. Kein Fußgänger. Es ist ja auch schon spät. Musik kommt aus meinen Autolautsprechern. Meine Playlist für den Abend nach einem langen Tag. Chris Martin von Coldplay singt an gegen meine Müdigkeit: Look at the stars, look how they shine for you. Sieh zu den Sternen, sieh, wie sie für dich scheinen, singt er. Und ich singe mit. Glücklicherweise hört mich keiner.

Dann die letzten Meter. Das vertraute Tor. Die vertraute Einfahrt. Ich bin zu Hause. Motor aus. Aussteigen. Die Tasche aus dem Kofferraum. Die Scheinwerfer blitzen ein letztes Mal auf, als ich das Auto abschließe. Dann ist es einfach nur dunkel. Und es ist still.

Look at the stars, look how they shine for you. Warum nicht?!, denke ich. Ich stehe neben meinem Auto und schaue in den Himmel.

Da ist kein Schatten, keine Wolke. Sternenklar. Großer Wagen! Kenne ich. Orion, das Sternbild mit dem „Gürtel“ in der Mitte. Kenne ich auch. Der Rest ist einfach nur ein Meer von leuchtenden Punkten in der Nacht. Tausende. Quer über meinen Vorgarten zieht sich ein Sternenband. Darin funkeln sie dichter als rechts und links daneben. Ein Stück Milchstraße?

Früher sind die Leute diesen Sternen nachgelaufen. Früher haben sie nach oben geguckt, wenn sie wissen wollten, wo es lang geht. Heute bringt mich ein Navigationsgerät nach Hause. Ist vielleicht auch besser so. Sternegucken ist ja auch gar nicht mehr so einfach.

Unsere irdischen Lichter strahlen heute heller und – in aller ihrer Pracht – manchmal auch verlockender als die himmlischen. Und wir gucken wohl auch weniger nach oben, sondern mehr nach vorne. Gucken mehr auf das, was als Nächstes kommt, auf die nächste Aufgabe, den nächsten Termin, die nächste Sorge, auf das nächste Problem, das nächste Hindernis. Und wer kann es uns verdenken?!

Aber vielleicht lohnt sich ja gerade deshalb mal ein Blick in den Himmel, mit sich alleine in der Dunkelheit und in der Stille.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut. So heißt es bei Matthäus, als die Weisen aus dem Morgenland an den Himmel schauten. Denn dieser Freudenstern brachte sie nach Bethlehem, dahin, wo die Krippe stand. Er leuchtete dort, wo Gott sein Zuhause haben wollte: in der Welt, unter den Menschen. Er leuchtete dort, wo der Zielort war, auf den sich ihre Hoffnung richtet: Frieden statt Gewalt, Gerechtigkeit statt Unrecht, Liebe statt Hass. Und er leuchtete vor allem: für sie. Damit sie den Weg dorthin finden, wo ihre Sehnsüchte zu Ruhe kommen.

Look at the stars, look how they shine for you. Also, warum nicht?! Und wenn Du wirklich dann dabei bist, mit dir alleine in einer Adventsnacht und mal in den Sternenhimmel guckst, dann wisse:

Dieser Freudenstern von Bethlehem, der leuchtet heute immer noch. Und er leuchtet immer auch für dich.

Gesegnete Weihnachten.

Ihr Pastor
René Enzenauer
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November 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Gott ist da.
Und wir sind da.
Und das genügt.

Mit diesen Worten beginne ich fast jeden Gottesdienst in Wohltorf. Manchmal sorge ich damit für ein kleines Schmunzeln. Seltsame Worte. Aber so ein Gottesdienst ist ja auch ein seltsam Ding.

Laut einer Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) besuchen jedes Wochenende mehr Menschen einen evangelischen Gottesdienst als die Spiele der 1. Fußball-Bundesliga. Ungefähr 771.000 Menschen folgen im Durchschnitt dem sonntäglichen Rufen der Glocken. Zu bestimmten Festtagen wie etwa Weihnachten sind es doppelt so viele. All die Menschen einmal nicht mitgerechnet, die sich einen Fernsehgottesdienst anschauen oder die in Krankenhäusern oder Seniorenheimen in eine Andacht gehen.

Und trotzdem: Bin ich bei Besuchen im Dorf unterwegs, höre ich oft ein halb entschuldigendes „Naja, wir sind ja nicht so die Kirchgänger. – Aber Kirche ist uns trotzdem wichtig.“ Und frage ich unsere Konfirmanden sagen viele: „Wenn wir nicht müssten, würden wir nicht unbedingt zum Gottesdienst kommen. Aber wenn wir dann da sind, ist es oft gar nicht sooo schlecht.“

Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass das Thema „Gottesdienst“ nicht unbedingt dafür geeignet ist, jugendliche Konfirmanden mit Begeisterung hinter dem Ofen hervorzulocken. Und – Hand aufs Herz – viele von uns Älteren springen bei diesem Wort auch nicht gleich vor Freude auf. Aber eben das ist doch ein guter Grund, sich einmal genauer damit zu beschäftigen.
Warum feiern wir Gottesdienst? Und was passiert da eigentlich?

Die Konfirmanden und ich haben uns neulich mit diesen Fragen beschäftigt. Das Ergebnis unseres Nachdenkens lässt sich am besten mit der Aussage einer Konfirmandin zusammenfassen. Sie sagte: Gottesdienst ist wie eine Geburtstagsparty. Zuerst wird man eingeladen. Gott selbst lädt nämlich ein, weil Gott mit uns zusammen sein will. Dann kommen alle und feiern. Gott und Menschen treff en sich. Sie reden miteinander. Es gibt natürlich Musik. Und (manchmal) gibt es Essen. Und hinterher geht man nach Hause und sagt: Das war toll. Da nehme ich etwas mit. Wir haben dann noch überlegt wie so eine „Geburtstagsparty“ sein müsste, damit sie sich alsKonfis eingeladen fühlten. Die Meisten waren sich einig, dass zunächst die Uhrzeit geändert werden müsste. 10 Uhr ist definitiv zu früh. Dann sollte es auf jeden Fall immer ein richtiges
Essen geben. Essen ist wichtig – weil Konfirmanden Hunger haben, aber auch, damit die Menschen wirklich zusammenkommen und etwas miteinander teilen. Die Themen müssen etwas mit dem Leben zu tun haben und könnten interaktiver gestaltet werden. Die Sitzgelegenheiten könnten bequemer sein. Und es sollte freies W-LAN in der Kirche geben.

„Und was ist mit einem Geschenk für den Gastgeber?“, fragte ich. „Zu einer Geburtstagsfeier bringen die Gäste ja normalerweise Geschenke mit.“ Die Konfirmanden dachten nach. Ein Geschenk für Gott? Wie könnte das aussehen? Als kleine Hilfe las ich eine Zeile aus einem Gesangbuchlied vor. Darin heißt es: „dass mein Singen und mein Beten ein gefällig Opfer heißt.“ Jemand sagte: „Na, ob mein Gesang wirklich ein so tolles Geschenk ist… Ich weiß nicht…“ Und alle lachten. Aber dann antwortete einer: „Es ist nicht wichtig, ob du ein Geschenk mitbringst. Das ist bei einer Geburtstagsparty auch nicht wichtig. Es ist nur wichtig, dass du da bist. Du bist wichtig. Es gibt dich. Du bist da. Das reicht.“

Und dann war es für einen kleinen Moment ganz still.

Gott ist da. Und wir sind da. Und das genügt.
Und Sonntag ist Gottesdienst.

Ihr Pastor
René Enzenauer
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  Oktober 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

All mein Sehnen, Herr, liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen.

Dieser Vers stammt aus Psalm 38 und er ist der Monatsspruch für den Oktober.

Sehnen und Seufzen sind nun nicht gerade Begriffe, die – für sich genommen – besonders schillernd und dynamisch klingen. Im Gegenteil. Wer sich nach etwas sehnt, der empfindet einen Mangel, meistens sogar einen Mangel, der „tiefer geht“, der die Seele in ihrer Tiefe berührt. Da ist es nur natürlich und folgerichtig, wenn diese tiefe Empfindung ihren Ausdruck in einem großen Seufzer findet, der sich in seinem Klang irgendwo zwischen „Was soll nur werden?!“ und „Es macht ja alles keinen Sinn.“, zwischen unsicherem Fragen und Hoffnungslosigkeit bewegt.

Schaut man sich im Moment in der Welt um, dann können einem schon einmal solche tiefen Seufzer über die Lippen kommen. Ich jedenfalls seufze, wenn ich die Entwicklungen in der Politik verfolge. Ich möchte seufzen, wenn ich sehe, was in unserer Gesellschaft passiert, besonders dann, wenn ich die Ereignisse in Chemnitz als Indikator für einen Trend in der Art unseres Zusammenlebens ernst nehme. Und manchmal, da möchte ich seufzen, wenn ich mich mit den Themen beschäftige, die gerade in unserer Kirche „obenauf liegen“.

Nicht nur in Wohltorf pfeifen es die Spatzen ja von den Dächern: Es geht um kirchliche Gebäude. Es geht darum, ob und wie die Gemeinden ihre Gemeindehäuser, Kirchen und Kapellen künftig erhalten können, weil unter Umständen Zuschüsse wegfallen. Und es geht um noch mehr: Es geht um einen Mangel an neuen Pastorinnen und Pastoren. Es geht um die Frage, wie kirchliches Leben angesichts dieser Veränderungen im 21. Jahrhundert aussehen kann.

Das Sehnen und Seufzen ist groß. Auch in der Kirche. Aber Sehnen und Seufzen allein helfen nicht weiter. Es braucht Ideen. Und es braucht Mut.

Deswegen beschäftigt sich unser Kirchengemeinderat gerade intensiv mit neuen Ideen, wie wir unseren Kirchberg als Ort des kirchlichen und gemeindlichen Lebens in Wohltorf zum einen erhalten, aber vor allem entwickeln können.

Welche Art von Gemeindearbeit wollen wir künftig machen? Was ist uns wichtig? Was macht uns als Gemeinde aus? An welchen Stellen können wir unsere Gemeinde mit neuen Konzepten weiterentwickeln? Wie können wir Kirche und Gemeinde in unserem Dorf sein und ein guter Partner in der Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn in den anderen Kirchengemeinden? Und: Was brauchen wir dafür – und was brauchen wir eigentlich nicht? Wie müssen unsere Gebäude beschaffen sein, damit wir das, was wir machen wollen, auch machen können?

Die ersten Pflänzchen dieses Prozesses gibt es schon: die neue gemeinsame Jugendarbeit mit der Kirchengemeinde Aumühle etwa. Aber es braucht noch mehr. Wir spielen mit Ideen und prüfen die verschiedenen Möglichkeiten auf der Suche nach der besten: von einer einfachen Sanierung bis zur Erweiterung des Gemeindehauses etwa, um mehr von den dringend benötigten Betreuungsplätzen für Kinder zu schaffen.

Wir möchten, dass in Wohltorf „Kirche“ ist, als Ort, an dem sich Menschen jeden Alters wohl und willkommen fühlen.

Wie gesagt: Dafür braucht es Ideen und Mut. Dafür braucht es Menschen. Dafür braucht es Sie als Gemeinde. Und es braucht Vertrauen in den, der unser manchmal wehmütiges Sehnen und Seufzen hört und von dem es heißt:

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. (Ps 121)

Ihr Pastor
René Enzenauer
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  September 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

„Rechts abbiegen!“, sagte uns die Frauenstimme in dem typischen Kommando- Ton eines Navigationsgerätes. Wir taten wie sie uns geheißen. Dann ging es noch eine Weile auf verschlungenen Wegen weiter bis wir an dem Parkplatz waren. „Ziel erreicht.“, sagte die Navigationsstimme, und wir stellten das Auto ab und schnappten unsere Rucksäcke.

„Wenn ihr baden wollt, dann fahrt nach Bénodet. Da in der Nähe, etwas abseits, gibt es einen Strand… einfach schön. Geheimtipp. Traumhaft!“ Das hatte unser Gastgeber gesagt. Und er hatte recht. Es war traumhaft.

Über dem Kopf ein strahlend blauer Himmel. Unter den Füßen feiner Sand. Keine Steine. Kein Müll. Kein modriger Tang. Nur wenige Leute waren da. Eine sanfte Brise kühlte. Und vor uns der Atlantik, eine Bucht so wie im Bilderbuch. Eigentlich bin ich gar kein Strandmensch. Aber hier war es einfach gut. Sommer, Sonne, was zu essen und zu trinken, dazu ein regionaler Krimi mit Kommissar Dupin und ab und zu ins angenehme Nass. Was will man mehr?! „Man müsste nochmal herkommen.“, sagten wir später auf der Rückfahrt.

Und wir kamen wieder, weil es das erste Mal so schön war. Wir schnappten wieder unsere Rucksäcke und gingen an den Strand, an dem vor ein paar Tagen einfach alles gut war. Nur diesmal war es anders. Es war warm. Aber statt des blauen Himmels gab es dichte Wolken. Der Sand unter den Füßen war immer noch genauso fein. Aber das Meer war weiter weg und wurde plötzlich tiefer als gedacht. Ebbe. Der Wind war mehr als eine sanfte Sommerbrise und das Wasser war zu kalt zum Baden. Ach und dann war da noch der große Fisch, der gerade von einer hungrigen Möwe zerlegt wurde. Auf der Rückfahrt sagten wir „Naja, schön war es ja trotzdem – irgendwie.“ Ich denke, in dieser kleinen Urlaubsepisode spiegelt sich eine zutiefst menschliche Erfahrung: Das, was heute ist, ist morgen schon nicht mehr. Oder das, was heute so ist, kann morgen schon ganz anders sein. Die Dinge, die Welt, unser Leben: alles verändert sich. Alles ist gefangen in der Zeit. Sie vergeht und mit ihr vergeht auch alles Zeitliche.

Es gibt Momente, da hat das sein Gutes. Es ist gut, wenn die schlechten Zeiten vorübergehen und neue, bessere Zeiten kommen. Es ist gut, wenn deine Trauertränen trocknen und du dein Lächeln wiederfindest. Es ist gut zu wissen, dass das, was heute auf die Seele drückt, vielleicht morgen schon nicht mehr so wichtig ist.

Und gleichzeitig hat dieses Prinzip auch seine Schattenseite. Denn was für das Schlechte, für die Tränen und die Sorgen gilt, das gilt auch für die schönen Momente. Auch die vergehen. Auch die sind gefangen in der Zeit und zerrinnen mit ihr – so wie ein wunderbarer Sommernachmittag am Strand. Und wir können nichts dagegen tun. Es liegt nicht in unserer Hand. Es liegt nur bei dem, der Zeit und Ewigkeit in seinen Händen hält:

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. (Prediger 3,11)

So fasst der Prediger Salomo dieses etwas ernüchternde Prinzip zusammen – allerdings nicht, ohne auch gleich einen Tipp dafür zu geben, wie man als Mensch leben könnte, ohne dass alles Tun und Streben bedeutungslos würde. Er schreibt:

Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Prediger 3,12f)

Na dann: Ihnen allen einen fröhlichen September und guten Mut!

Ihr Pastor
René Enzenauer
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  August 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauereigentlich sollte dies ein Text werden, der luftig und leicht ist. Diese Worte sollten einem den Geruch von Meer in die Nase pusten und Lust machen auf Urlaub und die weite bunte Welt. Schließlich haben wir ja August. Schließlich haben wir ja Sommer. Aber ich merke, so recht wollen keine sommerlichen Worte fließen. Mir ist nach einem anderen Wort. Mir ist nach: Tja!

In einem Krimskrams-Sammelordner auf meinem Rechner habe ich ein Meme gespeichert. Wikipedia sagt, ein Meme sei ein Internetphänomen in Form einer Bild-, Ton-, Text- oder Videodatei, über die eine kulturelle Information verbreitet wird. In meinem Fall ist es eine Mischung aus Bild und Text. Auf meinem Meme steht:

„Tja – a German reaction to the apocalypse, Dawn of the Gods, nuclear war, an alien attack or no bread in the house.” Also in etwa: „Tja – ein deutsches Wort als Reaktion auf die Apokalypse, die Götterdämmerung, einen Atomkrieg, auf einen Angriff Außerirdischer oder wenn kein Brot mehr im Hause ist.“

Ich mag dieses Meme. Weil ich die Erklärung der Semantik von „Tja!“ sehr treffend und amüsant finde, und weil ich die kulturelle Information mag, die es vermittelt. Ich stelle mir dann einen ziemlich coolen Deutschen vor, der mit Händen in den Hosentaschen und entspanntem Blick an einem Abgrund steht und zusieht, wie sich diese doch recht unterschiedlichen Katstrophen vor ihm abspielen. Und dann sagt er einfach nur: „Tja!“ – Wenn das nicht lässig ist, dann weiß ich auch nicht.

Aber mich beschleicht der Verdacht, dass diese kulturelle Information leider ein großer Irrtum ist. Nehmen wir zum Beispiel das tragischste Ereignis der letzten Wochen – ach, was sag ich – der letzten Jahre seit Beginn der Geschichtsschreibung, das Schlimmste, über das nichts Schlimmeres gedacht werden kann: die Fußballweltmeisterschaft.

Bekanntlich gab es ja den 27. Juni. Deutschland fliegt aus dem Turnier. Auuuus für Deutschland. Das wars. Ende im Gelände! Ich gebe zu, ich bin kein richtig großer Fußballenthusiast, aber ich kann die Emotionen bei den echten Fans durchaus verstehen. Was ich allerdings befremdlich fand, war die Berichterstattung über dieses Ereignis. Wenn die Apokalypse über uns hereingebrochen wäre, die Schlagzeilen hätten nicht viel anders ausgesehen. Und natürlich fanden sich auch die entsprechenden Kommentare in den Foren, deren Wortlaut es nicht wert ist, hier wiedergegeben zu werden. Wie lässig wäre ein einfaches „Tja!“ gewesen. Das hätte mich wirklich beeindruckt.

Apropos Kommentare in Internetforen. Da war auch die Sache mit Carolin Neumann. Die war Sprecherin bei einigen WM-Spielen. Leider machte sie beim Kommentieren einen Fehler. Das wiederum veranlasste einige männliche Mitmenschen dazu, Frau Neumann in Internetforen zu beschimpfen und dabei Worte in den Mund zu nehmen, die andere noch nicht einmal im Vollrausch in die Hand nehmen würden. Unfassbar! Wenn m(M)an(n) diesen Fehler überhaupt kommentieren muss, wie anders wäre es gewesen, wenn man gesagt hätte „Kann passieren!“, oder aber – wem das zu lang ist – einfach nur: „Tja!“

Warum mich das so beschäftigt? Zu Beginn der Bibel heißt es: Am Anfang schuf Gott … Und Gott sprach: Es werde … Die Schöpfung der Welt beginnt also mit Sprechen. Sprache schafft Wirklichkeit. So wie die richtigen luftigen Worte einem den Geruch des Meeres in die Nase pusten können. Worte bilden Kultur nicht nur ab, Worte schaffen und gestalten Kultur. Und ich frage mich angesichts solcher beleidigender Hasskommentare und Weltuntergangsschlagzeilen, welche Welt mit welcher Stimmung da erschaff en wird. Worte sind eben nicht egal. Sie offenbaren und schaffen eine Haltung. Und aus einer Haltung wächst am Ende das Handeln.

Was kann man also tun? Tja, schwierige Frage, oder?

Ihr Pastor
René Enzenauer
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 Juli 2018

 

Foto: Pastor Enzenauer

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maß der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den Herrn zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt. Hosea 10,12

Es ist schon ein paar Jahre her, da stand ich vor einer 4. Klasse und war Lehrer: Religion, vierte Stunde an einem Donnerstag.

Der erste Teil der Stunde war vorbei. Meine Klasse war mit einer Aufgabe beschäftigt, da ging ich an meine Tasche, nahm eine Tafel Schokolade heraus und fing langsam an, sie auszupacken. Ich machte das möglichst umständlich und mit möglichst viel Geräusch, denn ich wollte gesehen werden.

Durch das Knistern aufmerksam geworden, richteten sich die ersten Schüleraugen auf mich. Man tuschelte: „Er hat Schokolade.“ Plötzlich arbeitete niemand mehr. Alle schauten auf mich und meine Schokolade. Ich brach mir ein gutes Stück ab und schob es mir genüsslich in den Mund.

Meine Klasse war fassungslos. Dann sagte jemand: „Das ist ungerecht!“ „Warum?“, fragte ich. „Wir wollen auch ein Stück.“, war die empörte Antwort. „Das ist aber meine Schokolade.“, sagte ich. „Ich habe sie von meinem Geld gekauft, das ich verdient habe.“ Die Klasse schwieg und dachte nach. Schließlich sagte jemand: „Trotzdem. Das, was Du machst, das tut man nicht. Das ist ungerecht.“

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

das, was meine Klasse in dieser Reli-Stunde erfahren sollte, ist, was die Bibel mit dem Wort „Gerechtigkeit“ meint. Gewissermaßen ex negativo spiegelt sich dessen Bedeutung genau in diesem „Trotzdem“.

Dahinter steckt nämlich die Erkenntnis: Ja, es ist deine Schokolade! Ja, du hast sie dir gekauft, von deinem Geld. Und ja, du hast sie dir verdient! So gesehen ist es gerecht, wenn du sie alleine isst. Aber wie du mit uns umgehst, wie du sie vor uns isst, uns zugucken lässt, dich an deinem Verdienst erfreust und uns dabei „vergisst“, darin liegt die Ungerechtigkeit.

Das biblische Wort für „Gerechtigkeit“, drückt eine Beziehung aus. Es meint nicht einfach das alltäglich-irdische: „Gerecht ist, wenn du teilst, weil andere weniger haben.“ Sondern es geht darum, wie wir die Beziehungen, in denen wir leben, ernst nehmen und gestalten. In erster Linie meint das die Beziehung zu Gott, aber daraus folgend auch die zu Gottes Schöpfung, zu der u.a. wir selbst und unsere Mitmenschen gehören.

Säet Gerechtigkeit…
Das schreibt der Prophet Hosea, der im 8. Jahrhundert die Missstände seiner Zeit anprangerte. Er kritisierte, dass die Menschen nicht mehr Gott als den Geber ihrer Güter sahen. Und er prangerte eine Haltung an, bei der Menschen mehr ihren Verdienst und ihren Erfolg feierten, als dass sie ihrem Gott gegenüber dankbar waren und ihm in Liebe gegenübertraten. Während sie sich an ihren Möglichkeiten ergötzten, vergaßen sie den Geber ihrer Möglichkeiten. Ihnen schrieb er:

Säet Gerechtigkeit!  Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist Gott zu suchen…
Versteht euch als Menschen, die aus der Beziehung zu Gott heraus leben. Dann wisst ihr, dass „die Tafel Schokolade“ in euren Händen zwar ein materieller Ertrag eurer Möglichkeiten ist, dass eure Möglichkeiten selbst aber letztlich doch unverfügbar sind wie ein Geschenk. Und wenn ihr das wisst, dann gestaltet in diesem Wissen die Beziehung zu den Menschen um euch herum und zu Gott, der euer Leben möglich macht. Dann wächst Gerechtigkeit.

Apropos: Am Ende der Stunde bin ich noch einmal an meine Tasche gegangen. Zur Freude meiner Klasse wurde der Gerechtigkeit dann doch noch Genüge getan …

Einen schönen Juli wünscht Ihr Pastor,

René Enzenauer
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 Juni 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

vor einiger Zeit las ich einen Artikel über eine Filiale einer Supermarktkette in meiner alten Wahlheimat Hannover. Für ein paar Tage waren dort nämlich die Regale nahezu leer. Der Grund dafür war so einfach wie wirkungsvoll: Die Mitarbeitenden hatten alle Produkte entfernt, die es nicht gäbe, wenn es keine Bienen gäbe. „Biene weg. Regal leer.“ So lautete der Slogan. 60% des Angebots war verschwunden. Es gab fast kein Obst und Gemüse, keinenKaffee, keinen Kakao, keine Schokolade, keine Pizza, kein Deo, keine Cremes. Noch nicht einmal Gummibärchen waren zu bekommen, denn die sind mit Bienenwachs überzogen, damit sie nicht zusammenkleben.

Solche Aktionen scheinen Konjunktur zu haben. Im Sommer letzten Jahres entfernte eine Filiale eines Supermarktes in Hamburg alles aus den Regalen, was im Ausland produziert wurde. Kein Käse aus Frankreich. Kein Wein aus Argentinien. Kein Schinken aus Spanien. Kein Couscous aus Marokko. Stattdessen standen in den Regalen kleine Hinweisschilder mit Sätzen wie: „So leer ist ein Regal ohne Ausländer.“

Wie über alles, so kann man auch über solche Projekte trefflich verschiedener Meinung sein. Die einen schieben einfach ihren leeren Einkaufswagen durch die leeren Regalreihen und fragen nur: „Und wann gibt’s das alles wieder?“. Die anderen sagen: Großartig! und begrüßen das Engagement gegen das Insektensterben und gegen Fremdenfeindlichkeit. Wieder andere sind dezidiert dagegen, vermuten eine PR-Aktion, oder aber sie scheinen gar nicht erst zu verstehen, worum es geht. So twitterte etwa ein AfD-Politiker über die Aktion in Hamburg: „Warum soll das klug sein? Ist das nicht völlig irre?“ Ja, genau…

Ist es nicht irre, dass wir in so einem Wohlstand leben, in dem wir künstlich (!) einen Mangel erzeugen müssen, damit wir überhaupt noch merken, wie gut wir es haben?! Noch sind die leeren Regale jedenfalls künstlich erzeugt. Und ist es nicht irre, dass wir derartige Aktionen zu brauchen scheinen, damit wir uns vorstellen können, dass uns Umweltschutz und die Bewahrung der Schöpfung genauso wie Nächstenliebe, Respekt und Achtung vor dem Anderen nicht egal sein können?! Ist es nicht irre, dass es tatsächlich Auswirkungen auf unser eigenes Leben hat, wenn wir immer mehr Fläche unter Asphalt und Beton versiegeln?! Und dass es ebenso Folgen für uns hat, wenn Staaten eigenmächtig internationale Abkommen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen aufkündigen oder nur noch in Kategorien von „We first!“ denken – bei allen Problemen, die die Globalisierung natürlich auch mit sich bringt?! Irre, oder?

Deswegen zum Abschluss noch zwei kleine Vorschläge „auf den Weg“. Vielleicht gefallen sie Ihnen ja. Der erste Vorschlag ist eine Frage, nämlich:

Was wäre, wenn?
Vielleicht kann das ja schon eine kleine Orientierungshilfe sein, nicht nur bei der Frage der Rasenlänge oder beim Ausreißen von frech wildblühendem Unkraut, an dem das kleine geflügelte Wesen mit dem Pelz und den Pollenhöschen seine wahre Freude hätte, sondern auch bei möglicherweise gelegentlich auftauchenden Stammtischparolen.

Und der andere Vorschlag:
Wenn Sie an einem schönen lauen Sommerabend auf ihrer Terrasse sitzen, mit einem guten Glas Wein in der Hand (Argentinisch, oder von der Mosel – ist egal. Geht auch mit Bier oder Saft.), dann heben Sie doch vor dem ersten Schluck einmal das Glas und die Augen in den blauen Abendhimmel und denken sich ein: Danke!

Wie heißt es doch in Psalm 103:
Lobet den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Aber wie gesagt: nur ein Vorschlag.

Einen schönen Juni wünscht Ihr Pastor,

 

René Enzenauer
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 Mai 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

 

· Gibt es außerirdisches Leben?
· Wird es am 30. November 2017 regnen?
· Gibt es in Wohltorf jemanden, der am 24.12. Geburtstag hat?
· Gibt es Liebe?

 

 

Vier Fragen. Vier kleine Konfirmandengruppen. Letztere machten sich vor einiger Zeit auf den Weg, um die dazu passenden Antworten zufinden. Die Konfis inspizierten die Internetseiten des Deutschen Wetterdienstes und riefen bei der Hotline an. Sie führten Umfragen vor dem Penny durch, in der Hoffnung auf jemanden zu treffen, der jemanden kennt, der am Heiligen Abend Geburtstag hat. Sie durchforsteten Wikipedia und die Webseiten der Hamburger Uni auf der Suche nach Menschen, Daten und Fakten, die sich mit dem Thema „außerirdisches Leben“ befassen. Und sie machten eine Telefonumfrage und befragten die Menschen nach Hinweisen, die die Existenz von Liebe belegen könnten.

Das, worauf es bei all dem ankam, waren gar nicht so sehr die Antworten. Viel wichtiger war der Lösungsweg. Und so stellten die Konfirmanden fest, dass sich die Antworten von drei der vier Fragen mit – im weitesten Sinne – empirischen Methoden finden lassen: beobachten, messen, Daten sammeln und auswerten, berechnen, vergleichen, befragen, hochrechnen; das sind die Tätigkeiten, mit denen man sich am ehesten der Wetter-, Geburtstags- oder extraterrestrischen Lebensfrage nähern kann. Nur bei der Liebe, da funktionierte das nicht. Natürlich gibt es Liebe, da waren sich fast alle Umfrageteilnehmer mit den Konfis einig. Aber nicht, weil man die Liebe gemessen oder statistisch wahrscheinlich gemacht hätte, sondern weil man sie erlebt hat. Liebe muss man erfahren. Und man muss ihr glauben. Ob jemand eine oder einen anderen liebt, lässt sich ja letztlich nicht beweisen oder sichtbar machen. So das Fazit.

Und dann war es Zeit für eine fünfte Frage:

· Gibt es Gott?

Schnell war klar: Mit Empirie kommt man hier nicht weiter. Und ich möchte hinzufügen, auch nicht mit wirklich schönen Gedankengebäuden wie den philosophischen Gottesbeweisen.

Am Ende gilt das, was die Konfis auch entdeckt haben: Mit Gott ist es wie mit der Liebe. Nicht messen, berechnen oder befragen, sondern glauben, hoffen, vertrauen, erwarten, seine Zuversicht hineinsetzen und selbst erleben, indem man sich darauf einlässt. Etwas anderes geht nicht.

Der Monatsspruch für den Monat Mai aus dem Hebräerbrief fasst das so zusammen:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
Wenn es um die Liebe geht und wenn es um Gott geht, dann gibt es nur eines, den Glauben – auch wenn gerade das in den Wirren des Lebens manchmal unsagbar schwer ist.

Übrigens: Ja, es gibt Menschen in Wohltorf, die am 24. Dezember Geburtstag haben. Allerdings konnte sich die Gruppe mit der Frage nach den Außerirdischen nicht auf eine Antwort einigen. Und die Gruppe mit der Wetterfrage lag trotz Deutschem Wetterdienst, Berechnung und Statistik mit ihrer Antwort daneben. Anders als gedacht, regnete es nicht! Und da moniere nochmal jemand, dass glauben unsicher wäre …

Einen schönen Mai wünscht Ihr Pastor,

René Enzenauer
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April 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor EnzenauerEs geht um Sicherheit.
Wir sind zu dritt und wir sind im Gemeindebüro. Zusammen fahnden wir in alten Ordnern nach genauso alten Protokollen, die verraten wie es früher war mit der Sicherheit auf dem Kirchberg. Die Gefahren lauerten ja auch damals schon buchstäblich überall.
Totholz, das bei Sturm vom Baum fällt, Schilder für die Rettungswege in Kirche und Gemeindehaus, Feuerlöscher, schnell zugängliche Erste-Hilfe-Rettungskästen… Und das sind nur die unmittelbar einleuchtenden Dinge, die zu bedenken sind. Darüber hinaus gibt es noch viel mehr. Sehr viel mehr.

Zum Beispiel gibt es: Leitern! Das sind gefährliche Geräte. Im Grunde weiß ja jeder irgendwie wie man eine Leiter bedient. Man klappt sie auseinander, arretiert das Arrangement aus den beiden Leiterhälften, stellt das Ganze auf eine ebene (!) Fläche, fasst sich ein Herz, steigt hinauf und wechselt die Glühlampe. Aber an diesem Vormittag lerne ich, dass eine Leiter nur dann und auch dann nur einigermaßen sicher ist, wenn 1. die Holme und Sprossen auch nicht die kleinste Delle haben, wenn sich 2. ein Aufkleber auf der Leiter befindet, der Auskunft darüber gibt wie man diese Leiter benutzt und wenn 3. einmal jährlich (!) eine Einweisung aller Mitarbeiter und Ehrenamtlichen stattfindet, die diese Leiter benutzen könnten. Alles andere wäre nicht zu vertreten.
Es geht um Arbeitssicherheit.

Foto © René Enzenauer

Man verstehe mich nicht falsch: Arbeitssicherheit ist ein wichtiges Thema! Keine Frage. Natürlich sollen alle, die hier auf dem Kirchberg werkeln, für ihr Werkeln auch gute Bedingungen haben und dabei auch unbeschadet bleiben. Dafür zu sorgen ist zweifellos unsere wichtige Aufgabe.

Und trotzdem kann ich nicht verhindern, dass sich mir die Frage aufdrängt: Was ist eigentlich aus den alten Zeiten geworden, in der sich eine große Menschenmenge auf einem Berg versammeln konnte um Jesus predigen zu hören, ohne dass man sich Sorgen darüber machte, ob die Decken, auf denen die Leute dabei möglicherweise saßen, auch feuerfest waren? Von Zachäus einmal ganz zu schweigen, der ja bekanntlich einfach so auf einen Baum (Totholz?) kletterte um Jesus sehen zu können – ohne Sicherung und womöglich sogar ohne Leiter.

Und wie war das noch mit den Jüngern?! Das Markusevangelium erzählt das so: Ganz am Anfang, als Jesus seine ersten Schritte als Prediger machte, da war er am See Genezareth unterwegs. Dort traf er auf zwei Leute, die sich als die Brüder Simon und Andreas entpuppten. Die beiden waren Fischer und warfen gerade ihre Netze ins Wasser. „Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! Und sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.“ (Mk 1,17f).

Aus heutiger Sicht ist das absolut erstaunlich. Simon und Andreas fragten nicht nach Arbeitssicherheit und Gefährdungsbeurteilungen für ihren neuen Tätigkeitsbereich. Sie fragten nicht nach Risiko, Notfallplan und „Backup“. Sie gehen einfach los. „Sogleich“, wie es heißt. Sie gehen einfach los, an der Seite dessen, der sie gerufen hat.

Bei Glaubensdingen ist es wohl anders als beim Wechseln einer Glühlampe. In Glaubensdingen geht es eben nicht um Sicherheit. In Glaubensdingen geht es darum loszugehen, an der Seite dessen, der Dich gerufen hat.
Es geht darum, etwas zu wagen.

Einen sicheren April wünscht
Herzlichst, Ihr Pastor,

René Enzenauer
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März 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

 

 

 

 

 

 

 

Es ist: grausam.
Ein Text.
Er erzählt von einem Grauen-Ort.
Schädelstätte. Golgatha.
Er erzählt von IHM,
Davon, wie ER Durst hatte.
Es gab Essig.
Er erzählt von seinen Kleidern,
die verschachert wurden.

Er erzählt von:
Hast andern geholfen,
hilf dir selbst!
Steig herab vom Kreuz,
wenn du kannst!

Und dann kam Finsternis.
Mein Gott,
Mein Gott,
warum… ?
Und ER schrie:
ES IST VOLLBRACHT.
Und ER verschied.

Es ist: unverständlich.
„Was soll das?“, fragen die Konfirmanden.
Grausam ist das.
Er hat doch nichts gemacht.
Wo ist Gott? Und überhaupt:
Was ist das für ein Gott?
Diese Frage ist ihre Aufgabe.

 

Herzlichst, Ihr

René Enzenauer

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Es ist: schwer.
Ein Brett, Ton, Farbe, Draht und Watte.
Die Konfirmanden bauen,
ihr „Bild“ von Gott,
so wie sie IHN sehen,
oder nicht sehen,
in dieser Geschichte.Die Welt ist schwarze Nacht,
voll Abgrund.
ER dagegen weiß und rein,
das Unschuldslamm.Und Gott?„Wie soll man den Gott dieser
Geschichte bauen?
Es ist schwer.“, sagen sie.Es ist: vollbracht.
Gott ist da.
Gott muss da sein.
Sonst wäre einfach alles nichts.
Sonst hätte alles keinen Sinn.
Sagen die Konfirmanden.„Nur ist er nicht zu sehen.“Und so schwebt Gott,
in einer Wattewolke,
über diesem Grauen-Ort und sagt:
Es ist vollbracht.
Und es klingt,
als hätte Leiden immer Sinn und Ziel. Aber: Es ist schwer,
und es ist unverständlich.
Und die Frage bleibt.
Erstmal!

 

 

 


Februar 2018

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauermein Auto findet fast schon ganz allein den Weg durch die enge Einfahrt. Motor aus. Gurt ab. Ein Blick nach links: „Ah, das Haus steht noch.“, denke ich, „Das ist schon mal gut.“ Ich steige aus und gehe zum Kofferraum. Der schwere Rucksack auf den Rücken, die Reisetasche über die Schulter. Ich bin wieder zu Hause. Nach Weihnachten zwei Wochen Urlaub − das war einfach nötig.

Ich suche wie immer meinen Haustürschlüssel, dann: Aufschließen, Gepäck fallen lassen, die Katze streicheln. Es ist genauso, wie es immer ist, wenn man länger weg war. Auf der einen Seite ist es schade, dass es vorbei ist, auf der anderen ist es gut, wieder in den eigenen vier Wänden zu sein.

Jetzt erst einmal ein Gang durchs Haus. Heizung an, Licht an, die Katze folgt bei jedem Schritt. Alles ist in Ordnung. Danke an die, die Haus und Hof und Katze eingehütet hat. Ohne sie, kein Urlaub.

Nach einer kleinen Pause schnappe ich mir das dicke Schlüsselbund, das ich zwei Wochen lang nicht benutzt habe und gehe rüber zur Kirche. „Ah, sie steht noch.“, denke ich „Das ist schon mal gut.“ Ich schließe auf und gucke, und ich freue mich.

Als ich die Kirche das letzte Mal gesehen hatte, da war noch Weihnachten − mit extra Stühlen im Gang, mit Weihnachtsbaum und Weihnachtsdeko. Aber jetzt: Weihnachten ist eingepackt! Die Stühle sind verschwunden. Die Kerzenleuchter sind von den Bänken abmontiert und gut verstaut. Die Weihnachtskrippe ist in ihrem Sommerlager, also da, wo sie außerhalb von Weihnachten immer ist. Der Weihnachtsbaum ist rausgeschafft und abgeholt. Der Adventskranz hängt nicht mehr, und auf dem Altar stehen frische Blumen. Alles ist in Ordnung. Und mehr noch: Alles ist aufgeräumt und sauber. Man könnte sofort Gottesdienst feiern.

Wie junge Hamburger Pastoren die Kirche retten wollen

So überschrieb das Abendblatt am 10. Januar einen Artikel, in dem es um ein Konzept geht, wie Gemeinde und Kirche angesichts sinken der Mitgliederzahlen und neuerdings auch sinkender Pastorenzahlen künftig aussehen könnte. Es gibt viele gute Ideen darin, auch wenn manches vielleicht eher in der Stadt möglich ist und für Kirche auf dem Land angepasst werden müsste. Es gibt zum Beispiel Vorschläge zu sogenannten „Ateliers“, in denen sich Pastor/Innen austauschen und gemeinsam arbeiten können, zur Residenzpflicht, zur Vereinbarkeit von Familie und Pfarrberuf, zur Arbeitsteilung im Team nach Schwerpunkten und nach persönlichen Neigungen und Fähigkeiten. Viel Innovatives, viel Neues und Spannendes ist dabei. Und trotzdem: Ich stehe hier in „meiner“ aufgeräumten Kirche. Und mir kommt die Überschrift dieses Artikels in den Sinn und ich frage mich, ob es wirklich die Pastor/Innen sind, die die „Kirche machen“ geschweige denn, dass sie sie retten.

Ich stehe hier in „meiner“ aufgeräumten Kirche und sehe: Alles chic. Alles in Ordnung. Auch ohne mich. Ich freue mich. Weil ich diese nachweihnachtliche Aufräumaktion nicht organisiert habe und sie trotzdem stattgefunden hat. Ich freue mich, weil ich nicht dabei war. Und trotzdem kamen Menschen, die angepackt und mitgeholfen haben. Ich freue mich, weil ich zwei Wochen weg sein konnte und nicht einfach alles liegen blieb. Ich freue mich, weil Menschen da waren, die die Dinge in die Hand genommen haben.

Danke an alle, die mitgemacht haben und die mitmachen − beim nachweihnachtlichen Aufräumen und überhaupt. Ohne Sie und ohne Euch keine Gemeinde. Ohne Sie und ohne Euch keine Kirche.

Ihr Pastor,

René Enzenauer
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Januar 2018

Pardon, what is a week-end?

Foto: Pastor EnzenauerGläser aus Kristall. Das Besteck, Serviettenringe, alles ist aus feinstem Silber. Goldenes Kerzenlicht von großen Kandelabern. Die Damen tragen Abendkleider. Schlicht aber elegant. Die Herren glänzen im König der Herrenkleidung. Man(n) trägt Frack.

Die Familie sitzt zu Tisch. Mit dabei sind unter anderem der Herr des Hauses, der Earl of Grantham und Lady Violet, die Mutter des Earls. Als besonderer Gast hat sich außerdem der künftige Ehemann der ältesten Tochter eingefunden. Er fällt ein wenig aus dem Rahmen. Er trägt zwar auch einen Frack, aber keine Titel, und er lebt auch nicht auf einem Landsitz wie seine Gastgeber. Er ist ein junger Anwalt aus der verrußten Industriestadt Manchester.

Tischgespräch: „Ich habe einen Job.“, erklärt der junge Anwalt. Der Earl runzelt die Stirn: „Einen Job?! Du weißt schon, dass ich vorhabe, dich in den Betrieb unseres Landsitzes einzubinden?!“ „Keine Sorge“, sagt der Titellose da, „der Tag hat genug Stunden. Und außerdem gibt es ja noch das Wochenende.“ Jetzt hat die alte Mutter des Earls ihren Auftritt. Völlig verwirrt blickt Lady Violet in die Runde und fragt ratlos: „Entschuldigung: Was ist ein Wochenende?“

Dieses Bonmot stammt aus der Serie Downton Abbey, die in kostümreichen Bildern eine aristokratische Familiengeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts erzählt.

Natürlich klingt die Frage von Lady Violet in unseren Ohren komisch, aber sie hat einen historischen Anhaltspunkt. 1879 schreibt jemand einen Brief an eine englische Zeitung, in dem er davon berichtet, er habe von einer seltsamen Sache namens „Wochenende“ gehört, die die Zeit zwischen Samstagabend und Montagfrüh meint, während der eine Person mit seinen Freunden zusammen ist und Dinge tut, anstatt zu arbeiten. Ob denn das wirklich so wäre, oder ob das nur auf die Gegend von Staffordshire regional begrenzt ist?

Dieser eine Ruhetag war damals also alles andere als selbstverständlich.

Eigentlich ist das seltsam, denn die „Erfindung“ eines solchen Tages ist weitaus älter als das victorianische oder edwardianische England. Sein Vorläufer findet sich schon in der Zeit des alten Israel.

Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. (5. Mose 5,14)

Dieser Vers ist der Monatsspruch für den Januar. Allein, dass er aus den zehn Geboten stammt und dass er die Zeit implizit in Ruhe- und Arbeitszeit unterteilt, würde ihn schon besonders machen. Darüber hinaus aber hebt dieses Gebot Israel als Volk Gottes aus seiner Umwelt heraus. Denn einen wöchentlichen Ruhetag kannte man in den anderen Kulturen dieser Zeit nicht. Mit anderen Worten: Dass man zum Volk Gottes gehört, erkennt man daran, dass man den Sabbat hält. Besonders markant aber ist die Begründung für dieses Gebot, die auf diesen Vers folgt. Am Sabbat soll Israel sich erinnern wie es von Gott aus der Knechtschaft in Ägypten geführt wurde. Die, die Knechte waren, die unterdrückt waren durch fremde Herrschaft, durch Arbeit und Mühe, wurden von Gott befreit. Alle sieben Tage, an jedem Sabbat, sollen sie daran denken. Sie sollen es sogar nacherleben, wenn sie die Arbeit ruhen lassen. Und sie sollen dieses Erlebnis auch all denen ermöglichen, für die sie Verantwortung tragen − selbst dem Vieh.

Was also ist ein Wochenende? Der Ruhetag, an dem man kosten kann, was es heißt, frei zu sein: frei vom knechtenden Alltag, frei zu tun und zu lassen, was man will, frei, seine Zeit mit Freunden zu verbringen − und mit seinem Gott, der diese Freiheit schenkt.

Vielleicht ist es ja ein guter Vorsatz fürs neue Jahr: Wenn am Sonntag die Firma oder der Schreibtisch rufen, dann einfach einen Moment warten, an den Sabbat denken, an die Freiheit − und an die Frage der Lady Violet.

Ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen Ihr Pastor,

René Enzenauer
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