Gemeindebriefe 2022

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017, 2018, 2019, 2020, 2021

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2022, 02/2022, 03/2022, 04/2022, 05/2022, 06/2022, 07/2022, 08/2022


August 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

 

Portrait Pastor Thosten JessenDer Sommer kommt, darauf hoffen wir und darauf können wir uns verlassen. Die Sommerzeit mit Sonnenschein und Wärme, das ist es, was wir suchen und wonach wir uns sehnen. Die Sonne ist nicht überall beliebt. Im Orient beispielsweise meidet man die Sonne und sucht den Schatten.

Wir Menschen lieben diese Sommerzeit hier im Norden. Im Sommer haben die Kinder die längsten Ferien und viele Familien machen Urlaub. Sommer, das bedeutet für viele Menschen, unterwegs im Urlaub zu sein.

Urlaub, dieses Wort bedeutet im Deutschen: Recht bekommen, weg zu gehen. Dieses Wort kommt aus dem mittelalterlichen Leben (urloup); dem Knappen, dem Untergebenen des Ritters, etwa wird zugesagt, die Erlaubnis zu haben, sich von seinem Dienst zu entfernen. Auch das Wort vacation im Englischen betont dieses Zugeständnis, legt aber den Akzent auf die freie Zeit. Sind wir in vacation, haben wir die Erlaubnis, frei zu sein von der Arbeit und von den täglichen Aufgaben. Wir können uns entspannen, wir können all das tun, wozu wir sonst nicht die Möglichkeit haben. Wir können mal abschalten. Der Sommer mit seiner angenehmen Temperatur und der üppigen grünen Natur lädt dazu ein.

Wir können dies selbstverständlich hinnehmen. Wir können den Sommerurlaub als ein Recht ansehen, dem der Arbeitgeber nachkommen muß. Wir können diese zugestandene, freie Zeit aber auch als ein Geschenk betrachten. Es ist ein Geschenk im Leben, um die Lebenszeit schön zu gestalten. Wir können aus unserer Lebenszeit etwas Besonderes machen ohne Stress und Anstrengung. So ist es vielleicht gut, in der Sonne zu dösen oder ein Buch zu lesen oder handwerklich etwas zu schaffen, wozu man sonst nicht kommt. Es ist vielleicht auch gut, über sich und die Welt nachzudenken, über Gott. Dann werden aus den freien, zugestandenen Tagen holidays, holi days, heilige Tage.

Ruhe zu finden, ist erholsam. Sich zu entspannen, schenkt Kraft fürs Leben.

Aber Menschen halten die Ruhe schwer aus. Sie sind in sich unruhig und müssen aktiv sein. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass in der heutigen Zeit der Zeitgeist herrscht: Du lebst, wenn Du aktiv bist und am Machen bist. Leben ist ständiges Regen. Leben heißt ständig in Bewegung zu sein, im Stress zu sein. (Der heilige Geist hingegen schenkt erfülltes Leben, wenn wir unter der Macht der Liebe leben: Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.)

Gewiß es ist gut und unsere Aufgabe, für unseren Lebensunterhalt und zum Wohl der Gesellschaft mit Einsatz zu arbeiten und uns einzusetzen. Aber dies sollte nur zum Wohl der Gesellschaft und zum eigenen Wohlergehen geschehen. Wir brauchen nach der An-Spannung auch die Ent-Spannung. Wir brauchen die Ruhe, das Dösen, eine Zeit der Muße. Die Sommerzeit kommt uns dazu mit ihren Sonnentagen entgegen.

Der Dichter Paul Gerhard ermuntert uns in seinem Sommergedicht: Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben (!) Sommerzeit. Er möchte uns dazu bewegen, in der Natur die Liebe Gottes zu sehen und gegen das Schwere im Leben die Freude zu suchen. Also sich zu entspannen und die Anspannung abzustreifen.

Auch Joseph von Eichendorff legt uns nahe, unterwegs zu sein in der schönen Natur, um das Wunder des Lebens und der Naturerscheinungen zu bestaunen. In der freien Zeit beim Wandern die Natur zu genießen und Gottes Schöpfung wahrzunehmen, dazu will er uns ermuntern. Es ist ein Geschenk, eine Gunst Gottes. In seinem von Th. Fröhlich vertonten Gedicht heißt es:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt; dem will er seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld.
Den lieben Gott laß ich nur walten; der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld und Erd und Himmel will erhalten, hat auch mein sach aufs best bestellt.

Ihr Pastor

Thorsten Jessen

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Juli 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Alles wird älter: der Apfelbaum im Garten, das Haus, in dem man lebt, man selbst, das Auto – einfach alles. Das ist das Schicksal aller irdischen Dinge. Bäume werden dann knorriger, die Dielen im Haus werden mit den Jahren knarziger, man selbst wird wunderlicher und das Auto geht kaputt. So war es neulich auch mit meinem Pastorenmobil. Eine Glühbirne hatte den Geist aufgegeben und die Klimaanlage musste gewartet werden.

Menschen, die handwerklich begabter sind als ich, sagen jetzt sicher: „Klimaanlage? Das macht vielleicht besser ein Mensch vom Fach, aber so ein Leuchtmittel ist doch schnell gewechselt.“ Bei Menschen, die handwerklich begabter sind als ich, ist das wahrscheinlich tatsächlich so. Bei mir ist das anders. Ich gehöre zu denen, die auch mit Glühlampen-Kleinigkeiten in die Werkstatt fahren und die ihr handwerkliches Ungeschick dann damit entschuldigen, dass sie auf diese Weise immerhin etwas für die lokale Wirtschaft tun.

Ich tat also etwas für die lokale Wirtschaft und machte dabei Erfahrungen, die mich ins Nachdenken brachten.

Es begann damit, dass ich online einen Termin vereinbaren musste. So saß ich denn vor einer Website, die mich nach meinem Begehr fragte, auf dass sie mir daraufhin ein Datum vorschlage. Das mit der kaputten Lampe ließ sich leicht finden und anklicken. Die Klimaanlage aber war schon kniffliger. Hier gab es zum Beispiel die Frage, ob ich die Wartung für eine „R-134a-Anlage“ möchte, oder lieber eine für „R-1234yf-Anlagen“. Wenn Sie jetzt auch nicht wissen, worin der Unterschied besteht und welche Anlage Ihr Auto hat, geht es Ihnen wie mir. In meiner Verzweiflung habe ich einfach irgendetwas angeklickt. „Wird schon.“, dachte ich. Und so war es auch.
Ich fuhr zum vereinbarten Termin in die Werkstatt, um mein Auto abzugeben. Für mich ist so ein Autowerkstatt-Besuch eine besondere und ambivalente Veranstaltung. Ich mag den Geruch nach neuen Autoreifen in Kombination mit Motoröl. Aber es macht ein kleines Unwohlsein, dass ich mich in so einer Umgebung immer fühle wie ein Pinguin in der Wüste, fremd und fehl am Platz. Hinzu kommt, dass ich befürchte, die MitarbeiterInnen könnten mir Fragen zu meinem eigenen Auto stellen, die ich nicht beantworten kann, aber beantworten können sollte, woraufhin sie sicher seufzen und dann mit den Augen rollen. So ungefähr war es dann auch. Es gab Fragen, die ich nicht beantworten konnte, aber mit den Augen rollte glücklicherweise niemand.

Fascinosum et tremendum, faszinierend und schauerlich, das ist ein Besuch in einer Autowerkstatt für mich. Andere hingegen fühlen sich dort wie ein Fisch im Wasser. Dafür fühle ich mich in Kirchen und Gottesdiensten meistens heimisch wie in meinem Wohnzimmer. Anderen wird in Gotteshäusern eher mulmig, was man auch verstehen kann. Denn Hand aufs Herz: Ein sonntäglicher Gottesdienst oder überhaupt die „Kirche“ mit ihren Gepflogenheiten, Traditionen und mit ihrer Sprache, das sind schon besondere und ambivalente „Veranstaltungen“, in der sich nicht jede(r) sofort zu Hause fühlt.

Trotzdem denke ich, dass es schade wäre, sofort alles Ungewohnte, Unwohlige und anfänglich vielleicht auch Unverständliche zu beseitigen. Etwas Faszination und Erschauern darf schon sein, im Leben allgemein genauso wie in der Kirche im Besonderen. Sonst bringt man sich um interessante neue Erfahrungen. Abgesehen davon ist es zumindest in meiner Vorstellung von Kirche auch nicht wichtig, dass jeder immer auf jede Frage eine Antwort hat, oder dass jede immer genau weiß, wie genau man sich wann im Gottesdienst zu verhalten hat. Wichtig sind nur freundliche, off ene Leute, die nicht mit den Augen rollen. Und wichtig ist der eine Satz, mit dem deswegen auch fast jeder Gottesdienst in Wohltorf beginnt:

Gott ist da. Wir sind da. Und das genügt.

Einen schönen Sommer wünscht

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Juni 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

„Spielen wir mit den Lieblingshelden
der Jungs: Feuerwehrmann, Polizist und Astronaut.“ Das habe ich im Internet gelesen und fand es irritierend. Immerhin brachte es mich dazu, „Lieblingshelden Mädchen“ in die Google-Suche zu tickern. Ich wollte wissen, ob es ein weibliches Äquivalent zu den  „Helden der Jungs“ gibt. Aber der erste Eintrag, der mir angezeigt wurde, führte zu einem „Nähset Kinderschürze“. Das fand ich noch viel irritierender, woraufhin ich meine Suche abbrach.

Ich persönlich kann nicht bestätigen, dass Jungs im Allgemeinen Feuerwehrmänner, Polizisten oder Astronauten heldenhaft verehren. Ich habe das nie getan! Zu weiblicher Heldenverehrung kann ich nichts sagen. Aber ich vermute stark, dass sie sich nicht auf Schürzen bezieht.

Was ich aber bestätigen kann, ist, dass es durchaus Heldinnen und Helden in einem Kinder- und Jugendlichenleben gibt. Meine Helden waren dabei meist fiktive Figuren, selten echte Menschen. So fand ich etwa Indiana Jones schon immer ziemlich lässig. Bei ihm handelt es sich um einen Filmhelden, der sein Leben als Archäologieprofessor mit Abenteuern zwischen Hörsaal und Dschungel verbringt. Mal im Anzug bei einem wissenschaftlichen Vortrag, mal mit Fedora-Hut die Fäuste oder Peitsche gegen Bösewichte schwingend auf der Suche nach der Bundeslade. Diese Mischung mochte ich.

Dann aber geriet die Heldenfrage bei mir in Vergessenheit – bis sie neulich aus aktuellem Anlass wieder hervorkroch. Bei diesem aktuellen Anlass handelt es sich um die Geschichte eines Menschen, der für viele wohl so etwas wie ein Held war.

Bekanntgeworden war er durch seine Selber-Mach-Heimwerker Videos, die man sich im Internet anschauen kann. Sein Motto ist: „Einfach machen.“ Also machte er einfach, liebenswert chaotisch und mitreißend. Er hatte eine Projektidee nach der anderen. Er kaufte zum Beispiel das alte Hausboot von Gunter Gabriel im Hamburger Hafen und baute es in ein schwimmendes Kreativ-Studio für Musiker um. Dieses Projekt wurde sogar mit einer Fernsehdokumentation begleitet. Andere Projekte hatten andere Ziele, zum Beispiel Ferienwohnungen für die, die sich normalerweise keine Ferienwohnung und keinen Urlaub leisten können. Mit der Zeit entstand um ihn herum die Aura eines richtig guten und unfassbar sympathischen Menschen. Dann aber kam der Fall des Helden, u.a. weil er Geschäftspartner getäuscht haben soll. Nun wird der Held im Internet beschimpft. Die, die ihn verehrten, ärgern sich, obwohl weder eindeutig geklärt ist, ob es wirklich eine Täuschung war, noch ob oder inwiefern er daran beteiligt war.

Ich verfolge das mit Interesse. Denn ich finde, die Geschichte dieses Helden und seiner Fans offenbart viel von dem, was Miss Marple „die menschliche Natur“ nannte: Wir Menschen, egal wie alt wir sind, scheinen Heldinnen und Helden zu brauchen. Ich glaube, wir bauen bewusst oder unbewusst gerne hohe Sockel, auf die wir Helden-Menschen stellen, um sie zu bestaunen, nicht selten, ohne zu fragen, ob unsere Helden eigentlich auf diesen Sockel möchten. Wir erwarten viel von ihnen: hohe ethische und soziale Standards, Zugewandtheit, Kompetenz, gelegentlich Führung oder zumindest Orientierung, Inspiration – vielleicht wie bei der Heiligenverehrung auch in Stellvertretung für uns selbst. Irgendwann merken wir dann, dass alle nur mit Wasser kochen und sind enttäuscht, vom Helden und ganz bestimmt auch von uns, weil wir so eifrig waren im Sockelbauen. Denn niemand gesteht sich gerne ein, dass er sich in einem selbst geschaffenen Idealbild verlaufen hat.

Vielleicht hilft gegen dies Verlaufen die Erkenntnis eines anderen zwiespältigen Helden, für den die Einen buchstäblich Denkmäler bauten, und den die Anderen zur Hölle wünschten. Er hat geschrieben, der Mensch ist „semper peccator, semper penitens, semper iustus.“ – „immer Sünder, immer Büßer, immer Gerechter.“ Anders gesagt: Der Mensch ist immer Held und immer Unhold. Und beides ist er immer gleichzeitig. Vielleicht schützt das uns und unsere Helden ja vor allzu hohen Sockelbauten.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Mai 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Neuerdings bekommen wir auf dem Kirchberg ungewöhnliche Post. Zweimal schon ist das passiert.

Man könnte jetzt sagen: Zwei ungewöhnliche „Briefe“ innerhalb von über sechs Jahren, in denen ich jetzt Pastor in Wohltorf bin, bzw. zwei ungewöhnliche Schreiben angesichts der Stapel an Post, die gemeinhin hier eintrudeln, das ist doch keine große Sache. So könnte man sagen. Aber mir ist nicht danach zu relativieren. Denn Worte schaffen Wirklichkeit. Und die Wirklichkeit, die diese „Briefe“ schaffen, ist eine, die ich nicht stehen lassen möchte. Deswegen will ich erzählen, was es mit den Briefen auf sich hat.

Beim ersten Mal war es nur ein kleines Schreiben, eine halbe Seite Text. Sie war ausgedruckt, laminiert und mit blauem Schleifenband an einen der Bäume vor unserer Kirche gebunden. Ein Absender stand nicht dabei.

Inhaltlich ging es dem Schreiber oder der Schreiberin darum, den Umgang mit Nicht-Geimpften anzuprangern. Auch die Kirchen in Aumühle und Wohltorf wurden dabei in negativer Weise genannt. Details sind nicht wichtig. Wichtig ist nur: Ich schrieb eine Antwort, die ich ebenfalls ausdruckte, laminierte und mit blauem Schleifenband unter das erste Schreiben knüpfte.

Ehrlich gesagt kam ich mir dabei seltsam vor. Deswegen fragte ich den Anonymus in meinem Schreiben, ob es nicht eine Alternative wäre, die paar Schritte mehr auf sich zu nehmen, die vom Baum vor der Kirche zum Pastorat führen, und sich dann mit mir zu unterhalten.

Ein paar Tage später hing ein neues anonymes Schreiben vom ersten Verfasser unter meiner Antwort. Geklingelt hat leider niemand bei mir. An dieser Stelle endete die Kommunikation am Baum für mich.

Das zweite Schreiben war formeller. Es kam per Post, war an die Vorsitzende des Kirchengemeinderates gerichtet und datiert. Ein Absender stand auch hier nicht dabei.

Dieser Brief widmete sich der Frage, ob die Kirchengemeinde als Trägerin der Kita per Hausrecht durchsetzen darf, dass Eltern beim Betreten der Kita eine Maske tragen. Es folgte eine längere paragrafenvolle Aufarbeitung des Problems. Details sind nicht wichtig.

Wichtig ist aber der Schluss des Briefes: Nach einer Seite Plädoyer, das im Grunde als Warnung zu verstehen ist, steht ganz am Schluss: „Wir wünschen Ihnen und allen Familien ein schönes Osterfest und fortan ein unbeschwertes Jahr!“

Ich möchte daher an dieser Stelle etwas vorschlagen: Ich schlage vor, dass wir zu einer Kommunikation zurückkehren, die diesen Namen verdient. Das Wort kommt von lateinisch communicare, was „etwas gemeinsam machen“ bedeutet. Ich schlage vor, dass wir einen Umgang pflegen, bei dem Menschen wirklich etwas gemeinsam machen, sich begegnen und auf Augenhöhe offen miteinander reden. Ich schlage vor, dass es die Möglichkeit des Zuhörens und Verstehens gibt, des Ja-Sagens und des Nein-Sagens ohne Druck und ohne Abwertungen. Und ich schlage vor, dass wir uns ohne vorangehende juristische oder andersartige Warnungen gute Dinge wünschen, weil ich glaube, dass wir vorbehaltlose gute Dinge brauchen können. Das Leben ist doch nicht erst im Moment schon schwer genug.

Vielleicht kann der 3. Johannesbrief ja ein gutes Beispiel sein. Da stehen die guten Wünsche nämlich am Anfang: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ (3. Johannes 2) Ist das nicht wundervoll gesagt?! Dann folgen ein paar Infos und „geschwisterliche“ Hinweise, bevor es am Schluss heißt: „Ich hätte dir viel zu schreiben; aber ich will es nicht mit Tinte und Feder an dich schreiben. Ich hoffe aber, dich bald zu sehen; dann wollen wir mündlich miteinander reden. Friede sei mit dir!“ (3. Johannes 14f.)

Ihr Pastor

René Enzenauer

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April 2022

 

 

 

Führe mich vom Tod ins Leben,

aus der Lüge in die Wahrheit.

Führe mich aus Verzweiflung in die Hoffnung,

aus Angst in Vertrauen.

Führe mich vom Hass zur Liebe,

vom Krieg zum Frieden.

Lass Frieden unser Herz erfüllen,

unsere Erde

und das All.

 

Amen.

 

 

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März 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Wir hatten Karten für die Elphi. Auf dem Programm standen Glass, Bach und Mozart – Orchester und Klavier.

Eigentlich freute ich mich sehr auf diesen Abend inspirierter Hochkultur. Das letzte Mal lag schon lange zurück und ich vermisste die Musik. Ich vermisste Bach, live und in großer Besetzung, dazu noch all das feine Drumherum bis zum Gläschen in der Pause beim Gespräch über das fulminante Pianissimo im 2. Satz.

Trotzdem weiß ich, dass ich mich schon am Vortag fragte, ob das Konzert eine gute Idee sei. Die letzten Tage und Wochen verlangten eigentlich nach Zuhausebleiben und Tee kochen, oder einfach die Augen zu machen und dann sanft ins Land der Träume gleiten. Als ich mir die Anfahrt mit den vielen Menschen und ihrem geräuschvollen Trubel vorstellte, harmonierten die dabei aufsteigenden Bilder in meinem Kopf nicht mit den ebenfalls dort vorhandenen Erholungswünschen. Aber er sagte: „Na los! Das wird gut.“ Was soll man dagegen sagen?!

Es stellte sich heraus, dass die Bilder von der Anfahrt in meinem Kopf recht genau der Realität entsprachen. Aber wer zu Bach will, muss da durch. Wir erkletterten unsere Plätze im Konzertsaal.

Das Publikum begrüßte das Orchester und den Solisten. Das Licht wurde gedimmt. Und dann ging es los, mit der sphärischen Klaviermusik von Philipp Glass. Dann Bach, dann Mozart dann Pause: „Großartig, das Pianissimo im 2. Satz, oder? Zum Wohl!“

So verging der Abend. Das letzte Stück war gespielt, das Publikum jubelte. Ich jubelte mit. Und dann kam der Künstler nochmal auf die Bühne. Zugabe!

Er setzte sich an den Flügel, hielt inne und fragte: „Was soll ich spielen?“ Von rechts oben rief ihm jemand etwas zu. Es wurde wieder still im Saal. Und er begann …

Was dann passierte, kann ich nicht schreiben. Ich könnte berichten, dass es sich um den 2. Satz, Andante, der 4. Orgelsonate, BWV 528, in einer Bearbeitung für Klavier gehandelt hat. Ich könnte auch etwas über Crescendi und Decrescendi und über Töne, die wie Tropfen fallen, schreiben, oder über die Basslinie, die machtvoll durch das Stück marschiert. Ich könnte von der wilden Ekstase kurz vor dem Schluss erzählen und vom Trugschluss, der alle wilden Noten sammelt und das selige Ende doch noch einen Moment hinauszögert: „Verweile, Augenblick, du bist so schön!“ Ich könnte von der Spannung schreiben, die über allem lag, dass man sich kaum zu atmen traute, geschweige denn sich zu bewegen. Ich könnte schreiben, dass Menschen Tränen in den Augen hatten und dass alle eine Weile brauchten, sich zu fassen, bevor sie in tosenden Applaus verfielen, der so etwas wie Erlösung war. Aber all das ist nur technisch. Und alle Worte sind nur dürr.

Und der Engel sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort auf dem du stehst, ist heiliges Land!

Manchmal ist das Leben so. Du gehst deinem Alltag nach und „hütest wie Mose deine Schafe in der Wüste“. Du kämpfst um mehr und um Wichtigeres als um Konzertkarten, bist müde von der Arbeit, sehnst dich nach Ruhe und nach Zeit für dich. Die Welt „da draußen“ macht dich mürbe und kein Versprechen kann dich locken. Und dann plötzlich steht das Heilige vor Dir und spricht dich an. Heiliges Land! Du wagst kaum zu atmen, geschweige denn dich zu bewegen. Gottes Schönheit hält dich fest. Alle Mühe, aller Kampf fällt ab. Da ist nur Dasein und sonst nichts. Und für den Moment bekommst Du eine Ahnung, was mit „Gott“ gemeint sein könnte – und was mit Erlösung.

Manchmal ist das Leben so: heiliges Land. Danach geht es weiter, im Grunde wie immer. Und doch anders. Denn Du hast gefühlt, dass Einer da ist, der selbst in der Wüste Leben schaffen kann. Vielleicht weißt Du, was ich meine?

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Februar 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Jesus sagte zu den Menschen: Hört mir zu! Seht doch: Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen.

Meine Großmutter hatte es wirklich redlich versucht. Sie erklärte mir, was sie erklären konnte. Und sie gab mir an die Hand, was ich brauchte: ein Rechteck Erde in ihrem Garten, Schaufel, Harke, eine Gießkanne, kleine Pflänzchen und diese kleinen Tütchen mit Blumensamen. Ich durfte mir sogar aussuchen, welche Pflänzchen und welche Samentütchen. Aber geholfen hat das alles nicht. Aus mir wurde kein Gärtner.

„Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten sie auf. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde gab. Die Körner gingen schnell auf, weil sie nicht tief im Boden lagen. Aber als die Sonne hoch stand, wurden die Pflanzen verbrannt. Sie vertrockneten, weil sie keine tiefen Wurzeln hatten. Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln schossen hoch und erstickten die junge Saat. Deshalb brachten sie keine Frucht.“

Pflanzen und ich, wir passen einfach nicht zusammen. Ich habe kein Händchen dafür, welches Gewächs sich an welchem Ort am besten entwickelt. Und ich weiß auch nicht, wieviel Wasser das unterschiedliche Grünzeug braucht. Die kleinen Schildchen an Blumentöpfen helfen mir wenig. „Halbschatten“: Was soll das sein? Die eine Pflanze zweimal die Woche gießen, die andere regelmäßig einsprühen, an der dritten die Gießkanne am besten nur vorbeitragen. Wer soll sich das merken? Also pflanze ich und säe nach Laune, gelegentlich füge ich etwas Wasser hinzu. Und dann gucke ich, ob etwas daraus wird. Oft tut es das nicht. Aber manchmal klappt es:

„Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Sie gingen auf und wuchsen heran und brachten Frucht.“

Das ist der Grund, weshalb ich den Bauern aus der Geschichte so mag. Ich mag die Art, wie er seine Arbeit macht. Ich sehe ihn vor mir, wie er über seinen Acker geht und wie er mit viel Schwung die Samenkörner in alle vier Winde streut. Ich stelle mir vor, dass er weiß, dass nicht aus jedem Körnchen eine Pflanze wird. Im Gegensatz zu mir hat er bestimmt Ahnung von Pflanzen und weiß, was er da macht. Nicht aus allem, was er tut, wird etwas wachsen. Und trotzdem tut er es. Und trotzdem tut er es genau so und nicht anders: Er streut und schaut, was dann passiert.
Denn wer weiß?
Wer kann schon immer vorhersagen, welcher Same aufgeht und welcher nicht? Wer weiß denn immer schon so ganz genau, ob aus „Das wird nicht funktionieren!“ nicht ein „Und es hat doch geklappt!“ wird.

„Manche Pflanzen brachten dreißig, andere sechzig, andere sogar hundert Körner Frucht.“

Und ich denke an eine der letzten Gemeindeversammlungen zurück, auf der sich eine große Mehrheit der Anwesenden für die so genannte „große Lösung“ ausgesprochen hatte: Sanierung und Umbau des Pastorates mit Büro- und Gemeinderäumen unten und mit der Pfarrwohnung darüber, dazu eine Kita mit einem Gemeindesaal und eine vielseitig nutzbare Kirche. Mir selbst gefiel diese Idee damals auch am besten. Aber ich erinnere mich, wie ich still für mich zweifelte: Das wird nicht funktionieren?!

Und jetzt sitze ich hier in der neuen Pfarrwohnung und schreibe diesen Text. Das Pastorat ist fertig saniert und umgebaut. Anstelle des Gemeindehauses entstehen in toller Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde bis Ende 2023 eine Kita und ein großer Gemeindesaal. Und die Mittel für die Sanierung der Nebenräume der Kirche stehen bereit.

„Und Jesus sagte: Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören.“

Und es hat doch geklappt! Zumindest ein großer Teil der großen Idee. Und ich lerne: Nicht aus allem wird etwas werden. Aber streuen und säen muss man immer. Nur dann gibt es die Chance, dass auch etwas wachsen kann. Manchmal sogar an den unmöglichsten Orten.

Ihr Pastor

René Enzenauer

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Januar 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

31. Dezember, 00 Uhr. Es klingelt. „Nanu, Besuch? Um diese Zeit?“ Ich raffe mich auf und schlurfe zu Tür. Als ich öffne, weht der Dezemberwind hinein: feucht und kalt und gar nicht schön. Unwillig schaue ich in die Nacht hinaus und sehe nichts, was nicht auch sonst da ist. Garage, Fußweg, Hecke – alles so wie immer. Doch dann dämmert es in mir. „Ah, ich weiß.“, denke ich und sage: „Na, dann komm mal rein.“ Und es sagt: „Ich komme, bin schon da.“, lächelt und tritt ein.

„Leg ruhig ab.“, sag ich. „Wir gehen hoch, ich gehe vor.“ Treppenstufen knarren unter meinen Füßen. Oben angekommen frage ich: „Darf ich dir was anbieten? Kaffee oder Tee, Wein oder Bier? Einen Silvester-Berliner? Wir nehmen immer die mit Guss. Es ist wohl auch noch Essen da. Ich weiß ja nicht, was du so magst. Du bist ja völlig neu für mich.“ Da lächelt es mich wieder an. „Das ist nett, aber nein danke. Mir geht’s gut. Ich brauche nichts. Ich habe ja eben erst angefangen.“ sagt es. „Na gut, ganz wie du meinst. Ach, setz dich doch.“
Wir nehmen Platz. Feuer flackert im Kamin. Die Katzen schnurren. Der Weihnachtsbaum glänzt dienstbeflissen.

„Und?“, fragt es. „Wie war mein Vorgänger? Das Alte, du weißt schon, was ich meine.“ „Also wenn du mich persönlich fragst, dann würde ich sagen, es war von allem was dabei. Schönes und Trauriges. Wildes und Ruhiges. Lachen und Tränen. Im vergangenen Jahr vielleicht ein paar mehr Tränen als sonst. Leider! Manchmal ist das so. Aber das wird schon. Und ich glaube, es ist trotz allem viel gelungen. Wir haben viel geschafft, haben Pläne gemacht, in vielen Sitzungen gesessen, diskutiert und abgestimmt. Wir sind ausgezogen, haben ein Haus umbauen lassen und sind dann wieder eingezogen. Die Bauleute waren einfach großartig. Von der Architektin bis zum Zimmerer, über den Maler bis zum Klempner, vom Keller bis zum Dach. Phänomenal! Jetzt geht’s weiter. Wir machen neue Pläne. So Gott will, wird etwas daraus.
Dann haben wir noch über 60 Gottesdienste und Andachten gefeiert und 50-mal den Konfirmationssegen gesprochen. Über 20-mal hat unser Küster Wasser für die Taufe angewärmt und mehr als 15-mal stand ich am Grab und sprach einen letzten Segen. Dreimal habe ich Leute öffentlich gefragt, ob sie ihr Leben miteinander teilen wollen. Sie haben ganz laut Ja gesagt. Und das war schön. Überhaupt, es gab viel Schönes – in allem anderen. Und das Andere haben wir auch durchgestanden. Für beides bin ich dankbar, allen, die dabei waren, allen, die mitgeholfen, mitgedacht, mitgelacht und mitgeweint haben. Ihnen bin ich dankbar … und IHM.
„Also bist du zufrieden?“. fragt es. Ich muss lachen. „Zufrieden bin ich selten. Aber ich finde: Es war gut.“

„Und nun? Wie weiter? Was wünscht du dir von mir?“, schaut es mich fragend an. Ich überlege. „Ich habe mal gelesen, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sich wünscht. Am Ende geht es womöglich in Erfüllung. Aber wenn du mich so offen fragst … ich glaube, ich wünsche mir Zeit von dir. Zeit für Freiheit. Und – nicht lachen, das wird kitschig jetzt – ich wünsche mir mehr von 1. Korinther 13,13.“ Da lächelt es wieder und sagt: „Glaube, Hoffnung …“ – „… und das Dritte! Genau!“, falle ich kitschmindernd ins Wort, „Ich glaube, wir könnten alle mehr davon vertragen in diesem Land. Besonders vom Dritten. Vielleicht kriegen wir das ja hin.“ Wir schweigen eine Weile. Neben mir streckt sich Katze Nummer eins.

„Und Du, was ist mit dir?“, frage ich.
„Ich? Ich bin jetzt da. Und ich bleibe. 365 Tage lang. Und ich bin für alles offen!“

Ein gesegnetes neues Jahr
wünscht Ihr Pastor

René Enzenauer

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