Gemeindebriefe 2022

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017, 2018, 2019, 2020, 2021

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2022


Januar 2022

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

31. Dezember, 00 Uhr. Es klingelt. „Nanu, Besuch? Um diese Zeit?“ Ich raffe mich auf und schlurfe zu Tür. Als ich öffne, weht der Dezemberwind hinein: feucht und kalt und gar nicht schön. Unwillig schaue ich in die Nacht hinaus und sehe nichts, was nicht auch sonst da ist. Garage, Fußweg, Hecke – alles so wie immer. Doch dann dämmert es in mir. „Ah, ich weiß.“, denke ich und sage: „Na, dann komm mal rein.“ Und es sagt: „Ich komme, bin schon da.“, lächelt und tritt ein.

„Leg ruhig ab.“, sag ich. „Wir gehen hoch, ich gehe vor.“ Treppenstufen knarren unter meinen Füßen. Oben angekommen frage ich: „Darf ich dir was anbieten? Kaffee oder Tee, Wein oder Bier? Einen Silvester-Berliner? Wir nehmen immer die mit Guss. Es ist wohl auch noch Essen da. Ich weiß ja nicht, was du so magst. Du bist ja völlig neu für mich.“ Da lächelt es mich wieder an. „Das ist nett, aber nein danke. Mir geht’s gut. Ich brauche nichts. Ich habe ja eben erst angefangen.“ sagt es. „Na gut, ganz wie du meinst. Ach, setz dich doch.“
Wir nehmen Platz. Feuer flackert im Kamin. Die Katzen schnurren. Der Weihnachtsbaum glänzt dienstbeflissen.

„Und?“, fragt es. „Wie war mein Vorgänger? Das Alte, du weißt schon, was ich meine.“ „Also wenn du mich persönlich fragst, dann würde ich sagen, es war von allem was dabei. Schönes und Trauriges. Wildes und Ruhiges. Lachen und Tränen. Im vergangenen Jahr vielleicht ein paar mehr Tränen als sonst. Leider! Manchmal ist das so. Aber das wird schon. Und ich glaube, es ist trotz allem viel gelungen. Wir haben viel geschafft, haben Pläne gemacht, in vielen Sitzungen gesessen, diskutiert und abgestimmt. Wir sind ausgezogen, haben ein Haus umbauen lassen und sind dann wieder eingezogen. Die Bauleute waren einfach großartig. Von der Architektin bis zum Zimmerer, über den Maler bis zum Klempner, vom Keller bis zum Dach. Phänomenal! Jetzt geht’s weiter. Wir machen neue Pläne. So Gott will, wird etwas daraus.
Dann haben wir noch über 60 Gottesdienste und Andachten gefeiert und 50-mal den Konfirmationssegen gesprochen. Über 20-mal hat unser Küster Wasser für die Taufe angewärmt und mehr als 15-mal stand ich am Grab und sprach einen letzten Segen. Dreimal habe ich Leute öffentlich gefragt, ob sie ihr Leben miteinander teilen wollen. Sie haben ganz laut Ja gesagt. Und das war schön. Überhaupt, es gab viel Schönes – in allem anderen. Und das Andere haben wir auch durchgestanden. Für beides bin ich dankbar, allen, die dabei waren, allen, die mitgeholfen, mitgedacht, mitgelacht und mitgeweint haben. Ihnen bin ich dankbar … und IHM.
„Also bist du zufrieden?“. fragt es. Ich muss lachen. „Zufrieden bin ich selten. Aber ich finde: Es war gut.“

„Und nun? Wie weiter? Was wünscht du dir von mir?“, schaut es mich fragend an. Ich überlege. „Ich habe mal gelesen, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sich wünscht. Am Ende geht es womöglich in Erfüllung. Aber wenn du mich so offen fragst … ich glaube, ich wünsche mir Zeit von dir. Zeit für Freiheit. Und – nicht lachen, das wird kitschig jetzt – ich wünsche mir mehr von 1. Korinther 13,13.“ Da lächelt es wieder und sagt: „Glaube, Hoffnung …“ – „… und das Dritte! Genau!“, falle ich kitschmindernd ins Wort, „Ich glaube, wir könnten alle mehr davon vertragen in diesem Land. Besonders vom Dritten. Vielleicht kriegen wir das ja hin.“ Wir schweigen eine Weile. Neben mir streckt sich Katze Nummer eins.

„Und Du, was ist mit dir?“, frage ich.
„Ich? Ich bin jetzt da. Und ich bleibe. 365 Tage lang. Und ich bin für alles offen!“

Ein gesegnetes neues Jahr
wünscht Ihr Pastor

René Enzenauer

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