Osterbrief der Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, der Bischöfin Kirsten Fehrs, dem Bischof Gothart Magaard und dem Bischof Tilman Jeremias

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12. April 2020

Liebe Gemeindemitglieder,
liebe ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende in der Nordkirche,

nun ist das größte Fest des christlichen Glaubens da, Ostern. Wir feiern Gottes Sieg über den Tod. Wie soll das gehen dieses Jahr? Ohne festliche Gottesdienste in unseren Kirchen? Ohne österliches Essen in großer Runde? Ohne den Kurzurlaub in der schönsten Jahreszeit?

Wie soll Ostern gehen vor allem aber in der Situation größter Verunsicherung und Sorge mitten in der Corona-Krise? So viele Menschen müssen dieser Tage sterben, so viele im Gesundheitssystem arbeiten bis an den Rand der Kräfte, so viele Menschen leiden unter der sozialen Isolierung. Sollten wir also auf Ostern verzichten dieses Jahr?

Maria aus Magdala, die Frau, die Jesus am nächsten ist, steht an dessen Grab und weint. Was jetzt folgt und uns im Johannesevangelium (20,11-18) eindrücklich geschildert wird, erfordert von ihr vor allem eines: Sie muss sich bewegen, umdrehen, drei Mal, und mit jeder Bewegung verändert sich ihre Perspektive radikal. Als Erstes muss sich die tief Trauernde bücken, weil sie einen Blick werfen möchte in die Grabhöhle ihres geliebten Meisters. Es geht für sie nicht, ohne dass sie sich dem Dunkel des Todes noch  einmal zuwendet. Doch statt des Leichnams Jesu trifft sie dort zwei Gestalten in weißen Gewändern. Grund genug für Maria, sich ein zweites Mal umzuwenden, sich zu erheben aus dem Grab. Nun erblickt sie denjenigen, den sie für den Gärtner hält und den sie bittet, ihr den Leichnam Jesu zu zeigen. Danach sagt der Mann nur ein Wort: „Maria!“ Und jetzt wird Erstaunliches beschrieben: Obwohl doch Maria schon mit diesem Mann spricht, dreht sie sich ein drittes Mal um. Noch einmal werden ihr die Augen neu geöffnet. Sie antwortet ebenfalls nur mit einem Wort: „Rabbuni, Meister!“.

Marias Ostererfahrung ist dreifache körperliche Umkehrung, dreifach neue Sicht auf das Leben. Der Ort ist noch der gleiche. Ein Felsengrab. Aber nach dem dritten Umwenden ist für sie dennoch nichts geblieben, wie es war.
Wir schreiben Ihnen heute als Bischöfinnen und Bischöfe der Nordkirche, weil wir überzeugt sind: Wir haben als Christinnen und Christen Anlass genug, Ostern zu feiern, wenn auch dieses Jahr unter nie gekannten Bedingungen. Maria Magdalena lädt uns ein zu drei buchstäblich körperlichen Drehungen: Es geht in diesen Tagen nicht ohne den Blick in die Grabeshöhlen, ohne die gewaltige Todesmacht des Virus ernst zu nehmen. Dazu müssen wir uns bücken, klein werden und erschrecken darüber, wie wenig wir hochentwickelten modernen Menschen unser Leben selbst in Händen halten. Ostern ist nicht Verharmlosung des Todes, sondern seine Überwindung.

Wenn wir genau hinsehen, können wir ihnen begegnen: den Engeln mitten im Grab. Sie machen uns Mut, uns ein zweites Mal umzudrehen, aufzustehen, den Tod im Rücken. Es kann gut sein, dass wir gar nicht verstehen, wem wir da begegnen. Dass wir noch gefangen sind in Sorge und Trauer. Aber wir stehen. Alles wird davon abhängen, ob wir dann seinen Ruf hören: „Maria!“ „Stefan!“ „Susanne!“ „Andreas!“ Denn wenn wir den Auferstandenen so rufen hören, dann werden wir uns erneut umdrehen, noch einmal die Perspektive wechseln und wie Maria aus Magdala überzeugt sein: Jesus lebt. Gott hat den Tod und alle Todesmächte besiegt.

Vielleicht können ja diese Wechsel der Blickrichtung vom Tod immer mehr hin zum Leben heute heißen: Wir vergessen die Einsamen nicht, die wirtschaftlich Belasteten, die Menschen auf den Intensivstationen. Aber wir drehen uns auch um und sehen erstaunt: Wie viel Nachbarschaftshilfe gibt es auf einmal! Wie achtsam gehen die meisten Menschen miteinander um! Welche kreativen Möglichkeiten haben Gemeinden in unserer Kirche innerhalb kürzester Zeit entdeckt, um Kontakt zu ihren Gemeindegliedern zu halten: Briefe, Telefonate, digitale Gottesdienste, Hoffnungsläuten! Mitten in der Zeit tödlicher Bedrohung gibt es so zahlreiche Lebenszeichen! Ostern heißt: Dreh dich um und sieh! Und finde das Leben auch unter den eingeschränkten Bedingungen dieser Wochen.

Maria aus Magdala weiß, dass sie sterben muss, auch nach der Begegnung am Grab am Ostermorgen. Aber sie hat sich umgewendet, drei Mal, und sieht den Tod nun mit anderen Augen. Gottes Lebenskraft hat das letzte Wort über sie, nicht die dunkle Macht des Todes.

Wir wünschen Ihnen, dass für Sie in diesem Sinne Ostern wird, auch 2020. Nutzen Sie die vielfältigen Möglichkeiten, Gottesdienste im Rundfunk, Fernsehen oder im Internet mit zu verfolgen oder zu Hause eigene Formate zu feiern! Lassen Sie uns im Gebet und in der Fürbitte verbunden bleiben als Schwestern und Brüder, auch mit den Menschen weltweit, die oftmals unter sehr viel schwierigeren Bedingungen diese Krise meistern müssen.

Rufen wir auch dieses Jahr einander den alten Osterruf zu:

„Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Herzlich grüßen Sie

Kristina Kühnbaum-Schmidt
Landesbischöfin
Kirsten Fehrs
Bischöfin
Gothart Magaard
Bischof
Tilman Jeremias
Bischof