Beobachtungen von Pastor Enzenauer

Liebe Bewohner und Bewohnerinnen in Wohltorf und im Krabbenkamp,

es passieren ungewöhnliche Dinge. Ich meine keinen „Spuk“ im Wohnzimmer, nicht die Dielen, die immer von selbst knacken. Ich meine auch nicht die Klopfgeräusche an der Terassentür von gestern Abend, obwohl dort beim Nachsehen niemand war. Ich meine andere, alltäglichere ungewöhnliche Dinge.

Ich meine Dinge wie heute Morgen beim Brötchenholen. An der großen Schaufensterscheibe beim Bäcker, da wo sonst Plakate hängen, die zu Vorträgen oder zu Konzerten einladen, da hängt jetzt ein anderes Plakat: „Was wäre ein Frühstück ohne Brötchen vom Bäcker.“ steht darauf. Und dahinter ein großes „DANKE!“. Und auf der gegenüberliegenden Seite, beim Zeitungsladen, da hängt auch ein Plakat. Darauf steht unter anderem: „Danke für die vielen kleinen netten Gespräche.“

Aber das ist noch nicht alles. Es geht ungewöhnlich weiter, beim Einkaufen im Supermarkt. Ich meine nicht die Abstandshalteklebestreifen auf dem Fußboden an der Kasse und auch nicht die Plexiglasscheibe, mit der sich die Kassiererin schützt. Ich meine andere, alltäglichere ungewöhnliche Dinge.

Ich meine Dinge wie die ausgestellten Waren am Eingang des Supermarktes, gleich hinter der Tür, wenn man reinkommt, noch bevor man zum Gemüse abbiegt. In meiner Erinnerung stehen da sonst immer Weine, die im Angebot sind, Spargel, Federweißer oder andere besondere saisonale Leckereien. Heute beim Einkaufen stand dort: Milch!

Es passieren ungewöhnliche Dinge. Es sind schöne Dinge. Und ich glaube, sie bedeuten etwas, jedenfalls im Moment.

Es bedeutet etwas, dass man seine Brötchen beim Bäcker nicht einfach nur bezahlt und geht, sondern dass man dem Bäcker dafür dankt, dass er da ist und dass er seine Arbeit macht. Es bedeutet etwas, wenn man nicht einfach nur seine Zeitung kauft, sondern dem örtlichen Zeitungshändler dafür Danke sagt, dass es ihn und seinen Laden gibt, in dem man in dieser bedrückenden Zeit mal einen kleinen Schnack halten kann. Und ich finde, es bedeutet etwas, wenn man Milch so prominent positioniert als würde es sich um besten Jahrgangschampagner handeln.

Es passieren ungewöhnliche Dinge. Menschen applaudieren für Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Feuerwehrleute. Menschen kaufen Eintrittskarten, um ihren Lieblingsclub zu retten, in dem sie am liebsten feiern und tanzen, obwohl dort gar keine Veranstaltungen stattfinden dürfen. Einander völlig fremde Menschen arbeiten über das Internet an Projekten, die dabei helfen sollen, die Herausforderungen dieser Zeit zu bewältigen. Am letzten Wochenende waren es bei der Initiative #WirvsVirus allein 43.000 Teilnehmer, darunter auch Jugendliche aus unserer Gemeinde.

Es passieren ungewöhnliche Dinge. Und es sind schöne Dinge. Das, was sonst Alltag ist, was immer da ist, was einfach verfügbar und so normal ist wie ein Liter Milch, wird zu etwas besonderem. Es ist, als würde plötzlich der wirkliche Wert dessen aufscheinen und deutlich werden, was sonst selbstverständlich ist.

Und es ist, als würde plötzlich das sichtbar werden, was wirklich wichtig ist zum Leben und im Leben. Es zeigt sich im Moment, was uns als Gesellschaft und als Menschen zusammenhalten kann: Hoffnung und Zuversicht, Fürsorge, Engagement, Wertschätzung, Dank und Respekt füreinander und vor allem Liebe zum Nächsten. Und das ist wunderbar.

Zuletzt, Brüder und Schwestern, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!
So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
(2. Kor 13,11)

Ihr Pastor René Enzenauer