Predigt: 8.6.2025: Pfingsten - Caro mio ben

Pfingstsonntag 2025

Predigt über Johannes 14,15-19.23-27

 

Pastor René Enzenauer

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

I. Wundersamer Duft

Es ist ja manchmal wundersam,

was im eigenen Kopf so los ist.

 

Es ist ja manchmal wundersam,

was man sich

alles so zusammendenken kann.

 

Da riecht man einen Duft.

Und dann denkt man an rot,

so abgrundtief, so wie Bordeaux.

Und dann denkt man an die erste Freundin.

Die hatte einen Ring mit einem Stein,

der klein, aber bordeauxrot war.

Und dann denkt man an den schönen Nachmittag,

an dem die Sonne schien

und György Fischer spielte Klavier.

Und Cecilia Bartoli hat dazu gesungen.

Und sie sang ganz wunderbar:

„Caro mio ben“.

Das heißt:

Mein teurer Geliebter.

 

Caro mio ben,

Credimi almen,

Senza di te

Languisce il cor.

 

Und wir blätterten im CD-Booklet,

zu zweit und ganz romantisch,

mussten mitlesen,

weil uns das Pfingstwunder noch nicht erwischt hatte.

Und im Booklet stand auf Deutsch:

 

Mein teurer Geliebter,

glaube mir zumindest,

ohne dich,

verzehrt sich mein Herz.

 

Ohne dich,

verzehrt sich mein Herz.

 

So fand die Liebe Worte.

Ex negativo, sozusagen.

Denn neben der Liebe war in der Musik das Gefühl von Abschied da,

und von Trauer und Vermissen

und ein Herz,

das sich verzehrt vor Angst,

und wenn nicht vor Angst,

dann mindestens vor Sorge,

und das sich fragt:
Was soll nur werden?

Was soll nur werden:

ohne dich?!

 

Aber eigentlich ist da nur ein Duft,

der dir von außen in die Nase weht.

Der Rest und alles andere,

das ist nur in dir.

Im Kopf.

Im Herzen.

Vielleicht sogar im Bauch,

wo noch einer von den Schmetterlingen flattert,

ein ganz kleiner vielleicht,

übriggeblieben von der ersten Liebe.

Und von dem schönen bordeauxroten Nachmittag,

an dem ein romantisch schöner Trennungsschmerz in der Luft lag.

 

Vielleicht ist das ja so wie Pfingsten.

 

II.  Pfingstabschied

Um Abschied ging es da ja auch.

Jedenfalls,

wenn man Johannes fragt.

 

Vor dem Passafest aber erkannte Jesus,

dass seine Stunde gekommen war,

dass er aus dieser Welt ginge zum Vater.

Wie er die seinen geliebt hatte,

die in der Welt waren,

so liebte er sie bis ans Ende.

 

So fängt der große Abschied an.

Caro mio ben.

Mein teurer Geliebter.

Er muss gehen.

Das weiß er.

 

Es ist noch eine kleine Zeit,

dann sieht die Welt mich nicht mehr.

 

Das erzählt Jesus seinen Jüngern.

Und auch hier war in den Worten

neben der Liebe

auch das Gefühl von Abschied da.

und von Trauer und Vermissen

und Jüngerherzen,

die sich verzehren vor Angst,

und wenn nicht vor Angst,

dann mindestens vor Sorge,

und die sich fragen:


Was soll nur werden?

Was soll nur werden:

ohne ihn?!

 

Credimi almen,

Senza di te

Languisce il cor.

 

Glaube mir zumindest,

ohne dich,

verzehrt sich mein Herz.

 

Auch das ist Pfingsten:
Es fängt mit Liebe und mit Abschied an.

 

III. Wenn einer geht

So ist das ja,

wenn einer geht.

Dann wird es anders.

 

Dann singt man meistens keine lauten Lieder.

Wenn einer geht,

dann ist es meistens traurig still.

Wenn einer geht,

dann zählt man Stunden und Minuten,

die man noch zusammen ist.

Dann fühlt man sehr genau wie das bisschen kleine Zeit

mit jedem Sekundenzeigerticken nur noch kleiner wird.

Und manchmal läuft auch heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel.

 

Wenn einer geht,

dann wird es anders.

Dann bleiben andere zurück.

Die stehen dann:

dazwischen.

Zwischen dem, was war.

Und dem, was kommt.

 

Das eine ist Erinnerung.

An Düfte, Sommernachmittage, Bordeauxrot und Musik.

An Zusammensein, an Trost und Halt und Liebe, und an erlebte Wunder.

 

Das andere ist nur ein Versprechen.

Oder eine Hoffnung.

Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Hoffnung darauf,

dass das, was verbindet, nicht zerreißt,

dass da was ist,

was bleibt.

 

Hoffnung darauf,

dass da etwas ist,

was trägt und was hält.

dass was Gutes wird, was noch nicht ist,

schöne, neue gute Zeit.

 

Was hilft?

Was trägt?

Was hält zusammen?

 

Das ist Pfingsten auch:
Sorge,

Hoffnung,

Sehnsucht, das, was bleibt,

auch wenn sich alles ändert.

 

IV. Änderungen

Und es ändert sich ja immer alles.

Jahre gehen ins Land

und gehen ins Leben

und machen alles anders.

 

Theoretisch ist das ja oft klar.

Nur wenn es an die Praxis geht,

ist das oft nicht unter Mühen auszuhalten.

 

Die erste Liebe von damals lebt heute woanders.

Und ich lebe hier.

Und auch andere Menschen sind woanders hingegangen.

Und ich weiß, dass Trennungen selten einfach sind.

Und ihr wisst das sicher auch.

So ist das erstmal, wenn Menschen gehen.

Caro mio ben.

 

Und wenn Dinge oder Zeiten gehen,

dann ist das ganz genauso.

 

In der Politik,

mit der Lage in der Welt

erleben wir das nicht gerade erst seit gestern.

Das,

was viele Jahre,

gefühlt wohl beinah immer sicher galt,

mindestens wohl nach dem Krieg,

Bündnisse, Partnerschaften und Verlässlichkeit,

diesseits und jenseits des Atlantiks,

das löst sich auf,

chaotisch, unberechenbar.

Da hält man schon den Atem an,

wenn einer zu Besuch im Oval Office ist.

Man berichtet kaum noch über Inhalte,

sondern nur,

ob er es ohne Eklat überlebt

und wie er sich geschlagen hat.

 

Das, was heute Ordnung ist,

kann morgen schon ganz anders sein.

Man spürt in diesen Zeiten mehr denn je,

wie kostbar politische Sicherheit,

soziales Miteinander und gemeinsame Werte sind.

Und wie verwundbar.

Früher war das anders.

 

Nach diesem Früher,

nach dir, verzehrt sich mein Herz.

Senza di te

Languisce il cor.

 

Mit der Kirche ist es ganz genauso.

 

So sagte jemand:
„Den Chor gibt es nun auch nicht mehr.“

Und andere beklagen den Verlust einer Insel der Seligen.

Manche nehmen sogar das Wort

von der „feindlichen Übernahme“ in den Mund.

Von all dem habe ich gehört.

 

Dabei ist die Probe in der Regel Dienstagabend,

gegenüber im Gemeindesaal.

Und alle, die beteiligt sind,

versuchen nach Kräften eine neue Insel zu gestalten,

Insel aus Glaube, Liebe und Hoffnung im Meer der Welt,

für alle die schon selig sind oder noch nicht,

und dabei suchen sie nach Wegen für „der Stadt Bestes“.

Warum sollten sie auch feindlich sein?

 

Aber für Manche fühlt es sich eben anders an,

weil vieles anders wird,

an der Zeit und auch an Leuten.

Und das verstehe ich.

Wahrscheinlich ist das,

wie damals bei den Jüngern damals,

mit der Liebe ex negativo

und mit dem Gefühl von Abschied

und von Trauer und Vermissen.

Und Menschenherzen,

die sich verzehren mindestens vor Sorge,

und die sich fragen:


Was soll nur werden?

Wo ist nur das schöne Früher hin?

 

Nach diesem Früher,

nach dir, verzehrt sich mein Herz.

Senza di te

Languisce il cor.

 

V. Pfingsten

Aber.

Aber es ist Pfingsten.

 

Und da lässt Johannes den sich verabschiedenden Jesus sagen:

 

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Und ich will den Vater bitten

und er wird euch einen anderen Beistand geben,

dass er bei euch sei in Ewigkeit: 

den Geist der Wahrheit,

Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch

und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen;

ich komme zu euch.

Es ist noch eine kleine Zeit,

dann sieht die Welt mich nicht mehr.

Ihr aber seht mich,

denn ich lebe,

und ihr sollt auch leben.

Aber der Tröster, der Heilige Geist,

den mein Vater senden wird in meinem Namen,

der wird euch alles lehren

und euch an alles erinnern,

was ich euch gesagt habe.

 

VI. aus Pfingsten Leben  

Mit diesem Versprechen sind wir zusammen unterwegs.

 

Zwischen Erinnerung.

Und Hoffnung und Sehnsucht.

Zwischen Abschieden und Trennungen,

die auch weh tun.

Und Plänen für die Zukunft.

 

Es verändert sich viel.

In der Kirche, in unseren Gemeinden,

in der Welt um uns herum.

Das ist so,

ob wir wollen oder nicht.

 

Die Frage ist, was uns bei all dem Anderswerden trägt,

was uns zusammenbringt, zusammenhält und Hoffnung gibt,

dass das, was kommt und wird zwar anders ist

dass es aber trotzdem gut sein kann.

 

Wenn man dem Johannes folgt,

dann ist es unsere Aufgabe, auf das aufzubauen,

was Fundament unseres Glaubens ist:

die Gebote,

wie es der Text nennt,

das Wort Gottes,

das spricht von Liebe und Nächstenliebe,

von Versöhnung und Gnade,

von Vergebung und Hilfe,

von Einer für und mit der Anderen.

 

Dann ist es unsere Aufgabe,

Gemeinde zu sein.

Nicht getrennt in Ortschaften,

die einander skeptisch beäugen.

Sondern zusammen.

Als Gemeinde Jesu Christi

miteinander zu leben,

und nach Wegen suchen,

wie dieses Zusammenleben

für uns gut gehen kann.

In den Zeiten

und an den Orten,

in denen wir sind.

 

Das ist schwer.

Das bedeutet Arbeit.

Das bedeutet sicher auch Enttäuschungen.

Das bedeutet bestimmt auch viele Stoßgebete.

Aber es bedeutet eben auch Zukunft.

Für unsere Gemeinden und für unsere Kirche.

 

Das Gute ist,

dass wir dabei etwas haben,

woran wir uns festhalten können:

Gottes Wort

und Gottes Geist,

der weht, wo er will und wie er will,

der nicht fragt nach unseren Zweifeln,

der Neues schafft,

wo Altes vergeht,

der tröstet, wo die Abschiede schmerzhaft sind,

der lehrt

und beisteht

und erinnert an das,

was uns zusammenhält und trägt.

Der begeistert

und der letztlich uns zur Gemeinde

und zur Kirche macht.

 

Deswegen:

Euer Herz erschrecke nicht

und fürchte sich nicht.

Solange Gottes Geist auf Erden weht,

solange wir Gemeinde sind,

solange wir helfen,

einander beistehen und tragen

und manchmal auch ertragen,

solange Gottes Wort klingt und lebt,

wird immer etwas Gutes werden.

 

Amen.

 Copyright: René Enzenauer