Predigt 06.07.2025 - Einhorn

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 I. ein Einhorn

Sie spielen wieder draußen,
so wie beinah jeden Tag.
Wenn die Sonne scheint,
so wie in den letzten Tagen,
dann sowieso.

Spätestens gegen 10,
halb 11, gehen alle Türen auf.
Und dann mischt sich unters Kirchberg-Bäumerauschen
ein einzig großer Kinderstimmenschwarm.

Sie strömen
und sie holen sich
Schaufeln,
Bagger,
Förmchen,
Bobbycar.

Sie bauen Burgen,
rutschen,
klettern
und liegen im Gras.

Und manchmal verziehen sich zwei
in eine ruhige Ecke an der Hecke,
da wo die Fantasie zwischen den Heckenblättern wohnt.

Und die eine Kleine sagt zur anderen Kleinen:
„Wenn du jetzt dieses Blatt berührst,
dann bist du ein Einhorn.
Und wenn du das Blatt daneben berührst,
dann wieder nicht.
Dann bist du wieder du.“

Und die andere Kleine berührt das eine Blatt.
Und dann werde ich Zeuge
wie ein Einhorn über den Kitaspielplatz läuft.
Einmal um die Sandkiste.
Es bäumt sich auf.
Und die übrig gebliebene Kleine läuft hinterher
und versucht es einzufangen.
Sie tätschelt das Einhorn,
wie man das so macht bei wilden, ungestümen Tieren
aber es lässt sich nicht beruhigen.
Es läuft zurück zur Zauberhecke
und berührt das andere Blatt.

Und dann ist das Einhorn plötzlich weg.
Da sind nur noch die beiden Kleinen.

Aufregend war das. 

2. Alles sein

Und ich denke:
So einfach müsste es sein,
sich einfach so verwandeln können,
jemand anderes sein,
jemand anderes werden,
wenn man möchte,
oder vielleicht auch,
wenn man muss.
Und dann wieder zurück.

So einfach müsste es sein,
denke ich.
Stellt euch vor wie das wäre.

Vielleicht würden wir am Anfang damit spielen wie die Kinder,
wären zuerst Tiere,
so zum Ausprobieren:
Einhorn, Mücke oder Elefant.

Im nächsten Schritt könnten wir dann vielleicht wählen,
ob wir lieber Helden wären,
so wie Pipi, Michel oder Superman,
oder doch lieber ein Bösewicht
wie Voldemort oder wie Schneewittchens Königin.

Wie es wohl wär‘ ein Held zu sein
und wie als fieser Superschurke?!

Und wenn die Kinderspielezeit vorbei wär‘,
dann wären wir im Hier und Jetzt.

Wenn du dieses Blatt berührst,
dann bist du …?

Ja, was wärst du dann?

Wärst Du noch immer du?
Oder wärst du lieber jemand anderes?
Manchmal.
Oder gar grundsätzlich?!

Vielleicht würdest Du ja gar nicht jemand völlig anderes sein.
Vielleicht reicht ja schon eine andere Version,
verbessert an der einen oder anderen Stelle.
Vielleicht da, wo du dich selbst nicht magst.
Oder da, wo du dir selbst im Wege stehst.
Oder da, wo hinter deinen hohen Hecken,
tief verborgen in dir drin,
das hockt,
was am besser niemand sehen soll
und was wohl besser nicht da wär‘.

 Wenn du dieses Blatt berührst,

dann …

… dann wäre alles eine Frage der Entscheidung.
Deiner Entscheidung.

Wenn das doch nur so einfach wäre.

3. Einer, der es wissen muss  

Das ist es aber nicht.

Ich danke unserem Herrn Christus Jesus,
der mich stark gemacht und für treu
erachtet hat
und in das Amt eingesetzt,
mich,
der ich früher ein Lästerer
und ein Verfolger und ein Frevler war;
aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren
denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.

Das schreibt einer,
der wissen muss, dass es schwer ist,
ein anderer zu werden,
eine bessere Version seiner selbst.
aber nicht, weil er das nicht gekonnt hätte,
sondern, weil er gedacht hat,
dass es gar nicht nötig wäre.

Nennen wir ihn arbeitshypothetisch „Paul“.
Ein Mann in den besten Jahren,
auf der Höhe seiner Kraft.
Einer, der Prinzipien hatte
und sehr genaue Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat
- und wie auch nicht.
Er wollte fromm sein,
gottesfürchtig,
rechtgläubig.
Auf der hellen Seite der Macht,
wenn ihr so wollt.
Hätte man ihn gefragt,
dann hätte er vielleicht gesagt:
„Ich bin einer von den Guten,
von den Helden.“

Hätte man ihn gefragt,
dann hätte er vielleicht gesagt:
„Ich muss mich nicht verwandeln.
Ich bin gut, so wie ich bin.“

Aber sein Heldentum war brutal.
Er verfolgte alle,
die an die Lehren eines Wanderpredigers glaubten,
der Jesus hieß,
und von dem man sagte,
er sei gekommen,
die Menschen und die Welt mit Gott zu versöhnen.

Für Paul war das blasphemisch.
Also wütete er in heiligem Zorn und ließ die,
die sich Christen nannten,
ins Gefängnis werfen.

Weil er dachte,
dass das richtig wäre!

Deswegen hätte er wahrscheinlich
bis ans Ende seiner Tage damit weitergemacht.
Wenn er nicht irgendwann
von seinem hohen Ross gefallen wäre,
damals, am Stadttor vor Damaskus.
Hilflos,
blind für sich selbst.
Und blind für die Welt.
Wahrscheinlich hätte er bis ans Ende seiner Tage weitergemacht,
wenn der Auferstandene selbst ihm nicht gesagt hätte,
dass er, Paul, auf dem Holzweg ist.
So erzählt es die Bibel.

Und so schreibt es letztlich Paul in einem großen Bekenntnis:

Christus Jesus ist in die Welt gekommen,
die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

4. Schurkenwort 

Da ist das fiese Superschurkenwort mit „S“:
Sünder oder Sünde,
mit dem man, wenn man will,
so gut wie alles niederwalzen kann.

Man erschrickt dabei und denkt
ans heimlich nachts zum Kühlschrank schleichen,
und ans Schokolade Klauen.
Man denkt an kurze Röcke
und an viele Küsse,
und rotes Licht in plüschigen Zimmern.
Man denkt daran,
dass man den kleinen Bruder nicht hauen soll,
wenn er einem das Spielzeug weggenommen hat
und an den Nachbarn, den man grüßen muss,
obwohl man ihn nicht mag.

Man denkt an das,
was Eltern sagen,
oder der Pastor
oder die Lehrerin.
An „Du darfst nicht.“
An „Du sollst nicht.“
Und an „Du! Sei brav!“

Aber das ist nicht gemeint.
Das ist nicht Sünde.
Das ist Moral.
Und Moral ist etwas völlig anderes.
Moral ist, wenn man moralisch ist.
Und was moralisch ist, das ändert sich,
dem Herrn sei Dank,
mit der Zeit und mit den Jahren.

Sünde aber ist,
wenn du falsch liegst,
aber es nicht merkst,
weil du blind bist für dich selbst,
und für die Welt um dich herum,
und vor allem auch für Gott.
Als hättest du Schuppen auf den Augen.

Sünde ist,
wenn du nicht siehst,
nicht sehen kannst,
was dem Leben wirklich dient,
was deinem Leben dient
und auch dem der anderen.

Sünde ist nicht die Tat.
Und Sünde ist auch nicht Schuld.
Sünde ist ein Wort für eine seltsam interessante Beobachtung am Menschen,
für einen etwas unheimlich Zustand,
in dem man sich verrennt und verläuft und sich vielleicht sogar verliert.
In dem Dinge passieren,
die du für gut und dienlich hältst,
die es letztlich aber nicht sind,
oder Dinge, die passieren,
obwohl du sie eigentlich nicht willst.
Denn der Geist ist ja willig.
Aber das Fleisch ist doch schwach.
Sünde ist im Grunde zum Verzweifeln.

5. Augen auf

Wenn du diesen Zustand kennst,
weil du ihn erlebt hast, so wie Paul,
oder wenn du ahnst,
dass er hinter deinen hohen Hecken schlummert,
dann ist dieser Text für dich.

Dann sollst du wissen,
dass das, was du warst,
und das, was du bist,
nicht bestimmen muss,
was du sein wirst.

Es ist zwar leider nicht so einfach wie beim Einhornspiel,
dass du dich verwandeln könntest,
wie du willst und wann du willst in was du willst.
Das glaube ich tatsächlich nicht.
Man kann ja nicht aus seiner Haut.

Aber es gibt einen,
der in dir sieht,
was du vielleicht selbst nicht in dir sehen kannst,
einen, der dich stärkt, wo du an dir verzweifelst,

einen, der dir glaubt, wo du dir selbst nicht über den Weg traust,
einen der, dich in seinen Dienst nimmt und dich braucht,
auch wenn du dich selbst für unfähig oder gar unwürdig hältst.
In Liebe,
Barmherzigkeit
und Gnade.

Wenn das dein Herz berührt,
wer weiß,
dann wirst du vielleicht wirklich:

Du!

Amen.

Predigttest: 1. Tim. 1