Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
I. Vor dem Anfang – die Frage
Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde … und das war auch ziemlich gut.
Und dann ging es nach dem Anfang weiter. Und wie es weiterging, das wisst ihr schon. Das kennt ihr ja.
Doch ich habe mich gefragt, was Gott wohl vor dem Anfang tat. Womit verbrachte Gott wohl seine Zeit – vor der Schöpfung, vor Himmel und vor Erde und vor allem: vor dieser arbeitsintensiven Menschheit?
Was tat Gott davor? Ich weiß es nicht. Ich war ja nicht dabei. Die Bibel sagt zu diesem Thema nichts. Kirchenvater Augustin lehnt diese Frage ab. Und abgesehen von ihm kenne ich leider niemanden, den ich dazu befragen könnte. Selbst wenn man recherchiert, im Internet: Die Wissenschaft hat da nichts festgestellt.
Alles in allem ist es schwer zu sagen, was Gott vor der Schöpfung tat. Also bleiben nur begründete Gedanken und Urlaubsferienspinnereien am Strand, während das Meer rauscht und man in den tiefen blauen Sommerhimmel schaut und träumt von: Was war davor?
II. Vor dem Urlaub
Vor den Urlaub jedenfalls hat Gott die Arbeit gesetzt. Und das Packen.
Die Arbeit war wie immer vor den Ferien kaum zu bändigen. „Nur mal eben noch ganz schnell … das schaffen wir doch noch, bevor du fährst … das dauert auch nicht lang.“
Ich sehnte mich nach Wegsein, Unterwegssein, Sonne statt Büro und dem dolce far niente, nach dem süßen Nichtstun.
Vorher aber, wie gesagt, kam noch das Kofferpacken für die Reise. Und das war, wie jedes Jahr aufs Neue, schwierig und artete in Arbeit aus.
Zahnbürste, Socken, Hosen, T-Shirts und so weiter und fürs Restaurant ein Hemd – eben das, was man so braucht. Das kennt man, das ist einfach. Auch wenn die Kleidungsstückemenge manchmal schwer zu regulieren ist.
Doch was dann noch mit soll oder mit muss, das ist das Problem. Wie viele Bücher werde ich wohl brauchen? Sind drei genug? Oder brauche ich vier? Denn im Urlaub werde ich ja endlich einmal Zeit haben, den Ungelesen-Bücherstapel abzuschmelzen.
Und was für Bücher nehme ich mit? Krimi oder Coming-Out-Roman? Familiensaga oder der neueste philosophische Straßenfeger aus dem Feuilleton? Vielleicht von allem etwas. Schließlich habe ich ja endlich Zeit.
Dann fiel mir ein, dass ich auch meine Zeichensachen brauchen könnte. Ein wenig Urban Sketching kann nichts schaden. Endlich einmal wieder! Lieber dolce in der Gegend sitzen, nichts tun und nur zeichnen. Reisepinsel: ja! Wasserfarben, Skizzenblock und Stifte. Vielleicht auch noch ein Buch dazu und eine neue Technik lernen.
Und wo ich schon dabei bin, ansonsten nichts zu tun, könnte ich mein Französisch weiterführen. Also noch ein Büchlein, Übungsheft, Vokabelkärtchen. Ich weiß, das wird entspannend.
Und dann noch die Golfschläger und die vorgekauften Karten für das Festival am Strand. Reiseführer, Straßenkarte, Badesachen, Sonnenhut, ab ins Auto und los.
Und Max Raabe singt von der CD: „Heut mach ich gar nichts, keinen Finger krumm.“
So war es davor, vor dem Urlaub.
III. Vor dem Anfang – die Antwort
Und vor der Schöpfung … da stelle ich mir vor, dass Gott auch ohne Schöpfung etwas tat. Ich stelle mir das vor, weil ich mir umgekehrt das Nichts nicht vorstellen kann.
Denn: „Heut mach ich gar nichts.“
Hast du das mal ausprobiert? So ganz in echt und konsequent? Wenn ja: wie lange hast du durchgehalten? Zwei Minuten oder zehn? Oder eine ganze Stunde nichts? Und davon mal ganz abgesehen: Ob liegen, sitzen, denken, atmen, essen, in die Wolken schauen, träumen – irgendetwas tust du immer.
Bei Gott wird das nicht anders sein. Auch weil sich Gott und das Nichts nicht recht vertragen. Da wo Gott ist, ist etwas, und niemals gar nichts. Und wo sollte Gott nicht sein?!
Gott wird also sehr wahrscheinlich etwas getan haben – vor der Schöpfung. Die Frage ist nur: Was?
Vielleicht ja: Thronen. Oder lauschen, dem Gesang der himmlischen Chöre. Falls es sie schon gab, war das Konzert ja nur für ihn.
Manche sagen: Gott träumte vor der Schöpfung. Das gefällt mir sehr. Gott träumte und sah seinen Geist über etwas schweben, was man später einmal „Wasser“ nennen wird. Gott träumte von den großen und den kleinen Lichtern am Himmel, von rauschenden Bäumen, vom wimmelnden Getier. Gott träumte von Mensch und Menschin, vom Tag und von der Nacht, von Tränen und vom Lachen, von den Lilien auf dem Feld und vom Gras. Und aus diesem Traum entstand die Welt.
Andere sagen: Gott war ganz bei sich. Gott war einfach. In Ruhe. In Schweigen. Und in vollkommener Liebe. Und diese Liebe strömte aus. Und aus ihr entstand, was ist.
Wie wunderbar ist das?! Ganz in Ruhe. Ganz bei sich. Und Stille. Und daraus wurde dann das Paradies. Und daraus wurde eine Welt. Daraus wurde: das Leben!
IV. Nach dem Urlaub
„Und wie war euer Urlaub?“, fragten die Leute. Und ich sagte: „Wunderbar. Stell dir vor: Wir haben gar nichts gemacht.“
„Nana, so kannst du das nicht sagen“, sagte ein anderer – und er hatte recht: Wir haben viel gesehen. Cucuron und Arles und Bordeaux und Paris. Den weiten Himmel, die Camargue, das Meer, Flamingos, Salzgeruch, Licht.
Aber: Ich habe alle meine Bücher ungelesen wieder mit nach Hause genommen. Ich habe nicht einen Strich gezeichnet. Nicht eine Vokabel gelernt. Die Reiseführer nicht gebraucht. Und das Festival am Strand haben wir ausgelassen.
Weil uns danach war. Nach Treibenlassen. Nach Ruhe. Nach Stille. Nach ganz bei sich sein. Nach Träumen. Nach einfach Sein. Nach wieder Werden, wer man ist, wenn nichts an einem zerrt. Nach Wein und gutem Essen – so wie Gott in Frankreich.
Das Wetter ist schön. Der Himmel ist blau. Und wir haben nichts zu tun, außer glücklich zu sein.
Le temps est bon. Le ciel est bleu. Nous n’avons rien à faire, rien que d’être heureux.
Wunderbar war das …
V. Und Gott ruhte
… wie im Paradies. Wie ganz am Anfang, als Gott den Himmel und die Erde schuf. Sechs Arbeitstage, die sicher hart waren – aber das Ergebnis war ziemlich gut.
Und dann, so träume ich und gucke in den Himmel, als Gott fertig war, da fiel ihm ein, was vor dem Anfang war.
Gott fiel ein, dass das Leben nicht mit Machen und Arbeit angefangen hatte, sondern mit Träumen und mit ganz bei sich sein. Mit Ruhe. Mit Stille. Mit Schweigen. Mit Lieben. Mit sonst gar nichts.
Aus diesem süßen Nichtstun wurde erst das Leben und die Tat. Nicht umgekehrt!
Daran dachte Gott zurück und überlegte, dass man das viel zu schnell vergessen könnte über all der Arbeit und dem Gezerre.
Und so schuf Gott den siebten Tag. Und er schuf ihn für sich selbst. Und er schuf ihn für dich. Damit du dich immer wieder daran erinnern kannst, womit es vor dem Anfang angefangen hat: mit Träumen, mit Ruhe, mit ganz bei sich sein. Mit sonst gar nichts.
Alles andere kommt dann.
Amen.
René Enzenauer