Nun sind es zwar viele Teile,
aber sie bilden einen Leib.
Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen:
Ich brauche dich nicht.
Oder der Kopf zu den Füßen:
Ich brauche euch nicht.
1. Tanzen allein
Tanzen – das ist träumen mit den Füßen. Das stand mal irgendwo im Kalenderblatt.
Ich bin kein guter Tänzer. Aber ein guter Träumer. So gut, dass manchmal auch das Tanzen geht. Wenn ich mit mir alleine bin. Vielleicht kennst du das ja auch.
Wenn du tanzt – so ganz für dich allein – dann nimmst du dir den Platz, den du willst und den du brauchst. Den Platz vor dem Herd in der Küche, auf dem Flur oder im Wohnzimmer. Du sagst dem Sofatisch Adé und bringst ihn in den Keller. Niemanden musst du danach fragen.
Du machst die Musik aus deiner Lieblingsplaylist an – oder holst alte CDs oder Platten raus. Sphärenklänge, harte Beats, Schlager oder Weihnachtslieder. Was immer du willst, was immer du brauchst.
Und wenn niemand guckt, dann ist alles egal. Fünf kann gerade sein.
Du breitest die Arme aus, legst den Kopf zur Seite, die Augen zu. Die Hüfte wird mobil. Die Knie werden weich. Die Füße machen, was sie wollen – finden ihren Rhythmus, ohne dass jemand mitmuss. Du kannst hüpfen, pogen, ekstatisch schunkeln – wie du willst, wann du willst.
Das ist Freiheit pur. Keine Schritte, kein fremdes Ziel – nur du und die Musik. Und Platz. Und Bewegung. Und gut.
Es gibt Dinge, die gehen nur allein: tanzen wie ein verrückter Hutmacher, denken, lesen, schreiben, an Ideen spinnen oder einfach mal nichts tun. Manchmal ist es gut, allein zu sein.
2. Tanzen zu zweit
Andere Dinge gehen nur zu zweit. Ein Tango allein wäre traurig. Ein Walzer ohne Partner: nur ein Sich-im-Kreis-Drehen. Rock’n’Roll ohne jemanden, den du über die Schulter wirfst? Schwierig.
Mambo, Cha-Cha, Salsa – ohne „Mein Baby gehört zu mir“? Kein echtes Dirty Dancing.
Manche Dinge macht man besser zu zweit: reden, zuhören, sich in den Arm nehmen. Trösten, sagen, dass alles gut wird. Türen einhängen, tapezieren, sich versöhnen. Küssen.
Für viele Tänze im Leben ist man besser zu zweit.
3. Im Team
Und manchmal wird der Tanz ein Fest. Ich weiß es noch genau – erst neulich. Vielleicht warst du ja sogar dabei.
Es war ein Fest. Auf dem Berg. Drüben im neuen Haus. Buntes Licht, guter Wein, Musik, Tanzfläche.
Wie immer trauten sich nicht alle. Manche tanzen eben nur allein – oder gar nicht. Andere schon. Und niemand tanzte Walzer oder Salsa. Es war Freestyle. Augen zu, Füße machen lassen.
Und doch tanzten sie zusammen.
Füße trippelten, Hüften hatten Schwung, Arme gingen hoch, Schultern tanzten mit. Da war Lachen, Klatschen, Miteinander. Jede für sich – und alle zusammen. Gruppe. Team. Etwas, das es nicht allein gibt – und nicht zu zweit. Eine Einheit in Verschiedenheit.
Etwas, das verband, ohne dass es abgesprochen war. Wie Surfen auf einer großen Welle. Wie Tanzen auf einem gemeinsamen Beat.
Am Ende war's ein Fest.
4. Was passieren kann
Und ich ahne, was passieren kann, wenn viele auf einer Welle liegen – auch wenn sie für sich genommen ganz verschieden sind.
Ich ahne, was gelingen kann, wenn dazwischen etwas ist, das sie verbindet – etwas, das aus Vielfalt Einheit macht.
Dann kann man große Bretter bohren, Häuser abreißen und neue bauen. Beete anlegen, Cafés eröffnen. Pläne schmieden, losziehen – egal, was kommt.
Dann kann etwas entstehen, das es noch nicht gibt. Größer als die Summe der Einzelteile. Wenn der Eine seinen Segen darauf legt.
Dann kommen sie zusammen – eine Gemeinschaft, die trägt. Mit allen, die gebraucht werden. Mit ihren Gaben: Weisheit, Einsicht, Glaube. Vielleicht sogar Wunder. Vielleicht versteht man dann sogar die Sprache der anderen.
Stellt euch das mal vor.
Und am Ende? Wird’s ein Fest.
Amen.
René Enzenauer