I. Kitakinder
Die Sonne schien.
Der Wind war lau.
Es war so gegen Mittag.
Ich ging den alten Sandweg lang,
ging vom Büro zur Kirche,
entlang am Zaun,
hinter dem die neue Kita ist.
Da, in der Kita,
war gerade schwer was los.
Die Kleinen waren draußen unterwegs.
Sie gruben Löcher in die Sandkiste,
vom Kirchberg bis zum Mittelpunkt der Erde oder so.
Sie kletterten am Kletterturm,
der so aussieht wie ein Kirchturm,
nur mit schiefem Dach.
Und die Erwachsenen fragen immer:
„Soll das so?
Oder ist hier etwas schief gegangen?“
Die Kinder haben das noch nie gefragt.
Den Erwachsenen sage ich dann:
„Schiefgegangen ist hier nichts.
Es ist nur schief.
Das soll so.
Warum muss denn immer alles gerade sein?“
Währenddessen spielten andere fangen.
Oder erzählten sich die neuesten Neuigkeiten.
Einer aber sah mich meines Weges gehen.
„Hallo, was machst du?“,
fragte er.
Und ich sagte:
„Ich muss arbeiten.
Und was machst du?“
Und er dachte nach,
so lang wie zweimal blinzeln dauert.
Dann sagte er:
„Ich spiele.“
Und ich dachte:
Das würde ich echt auch gern sagen können,
wenn mich einer fragt:
„Was machst du?“
Ich spiele.
Kind müsste man sein.
Und spielen müsste man können.
Und nicht etwa arbeiten
und ringen mit dem ganzen mühevollen Kram des Lebens.
2. Konfispielen
Und ich dachte an die Momente,
an denen wir gespielt haben,
im Konfikurs.
Ans Tablequiz und an Fiete den Gesamtgewinner
und an die Murmelbahn,
dachte ans Versteckenspielen,
an 21 Runter, vor dem Taufgottesdienst,
Und dachte an unsere Runde Stadt – Land – Vollpfosten.
Ihr wisst vielleicht,
das ist wie Stadt, Land, Fluss,
nur mit anderen Kategorien.
Wir hatten sie eigens auf uns zugeschnitten.
Zum Beispiel:
Pizzabelag.
Entschuldigungsgrund für Schule oder Konfi.
Oder: sichtbarer Teil einer Kirche.
Und ihr habt geschrieben:
Pizzabelag mit G:
Gänsefilet.
Und mit L:
Landliebekäse,
Entschuldigungsgrund mit T?
Da wird es schon spannender.
Die ungewöhnlichste Antwort war:
Tellersplitter im Schädel.
Und dann sichtbarer Teil einer Kirche mit H?
Antwort: Herr Enzenauer.
„Auf jeden Fall kreativ.“
Dachte ich.
Und tatsächlich haben die gewonnen,
die sich nicht zu lange das Hirn zermartert haben.
Man müsste immer so frei spielen können.
Dachte ich.
Vielleicht wären wir dann alle entspannter.
Und vielleicht wäre die Welt dann eine andere.
Vielleicht.
3. Welt und Sehnsucht
Denn die Welt ist wild.
Da sind sich nicht nur hierzulande wohl die meisten einig.
Und die Menschen sind „auf“.
So sagt man wohl.
Krieg und Leid und Katastrophen überall.
Das, was Ordnung war, zerfällt.
Das, was sicher war, wird schwankender Boden.
Und das, was nun da ist, ist Unordnung
und manchmal sogar Chaos,
Hin und Her.
Ich glaub‘,
das ist das Grundgefühl.
Bei vielen.
Und manchmal auch bei mir.
„Man müsste mal aufräumen“,
sagen da die einen,
„Ordnung schaffen müsste man,
mit klaren Regeln,
mit richtig und falsch,
und mit ja und mit nein
und mit nichts dazwischen.
Mal so richtig durchgreifen
müsste man,
mit Macht und mit Kraft.
Dann wird schon alles besser werden,
mit der Welt
und mit den Menschen auch.“
So sagen manche.
Und so handeln manche.
Und so wählen manche.
Und ich denk‘ dann immer:
Nein!
Mein Weg ist das nicht.
Aber wo ich ihnen Recht gebe,
dass ist die Sehnsucht,
nach was Neuem,
nach was Besserem,
und nach was Schönerem.
Diese Sehnsucht teile ich.
Nur ist das Ziel meiner Sehnsucht,
nur ist meine Idee von
besser, schöner und neu
nicht schnurgerade,
ordentlich und eindeutig,
sondern eher wie der schiefe Kletterturm
da draußen in der Kita.
Warum muss denn immer alles gerade sein, um gut zu sein?
Und da denke ich wieder:
ans Spielen.
Und ich denke an den Anfang.
Und an die Sehnsucht Gottes.
4. Schöpfung und Weisheit
Denn als Gott selbst Sehnsucht nach was Neuem,
Schönen hatte,
da machte Gott die Welt.
Gott wollte,
dass was da ist.
Und zwar etwas sehr Gutes,
etwas, das man lieben kann
und worin man gerne lebt.
Und so sprach Gott Worte.
Und aus den Worten wurden Taten.
Und daraus wurden dann
Tag und Nacht,
der Raum mit oben und unten,
Himmel und Land und das Meer.
Und am Ende sogar Menschen.
Ihr kennt die Geschichte,
die allem Leben einhaucht und Sinn.
Aber noch vor all dem,
noch vor den Worten und den Taten,
da war noch eine andere da.
Und die hieß „Sophia“.
Und das heißt „Weisheit“.
Die war noch vor allem anderen da:
Der Herr hat mich, die Weisheit,
am Anfang seiner Schöpfung erschaffen.
Ich war das erste seiner Werke vor aller Zeit.
Ich stelle sie mir sehr nett vor,
die Weisheit Sophia.
Vielleicht Mitte 20,
jung und fröhlich und sympathisch.
Auf jeden Fall ist sie aber kreativ.
Sie ist eine, die immer eine neue Idee hat
und meterweise Schränke voll mit Bastelsachen,
die immer wieder etwas schafft,
das schön ist und gut.
Die Weisheit Sophia ist die kreative Seite Gottes,
voller Fantasie
und mit viel Spaß am Ausprobieren.
Sie ist das,
was man ahnt,
wenn man den Kindern zuguckt,
wenn sie unendlich tiefe Löcher buddeln,
vom Kirchberg bis zum Mittelpunkt der Erde.
Oder so.
Sie ist das,
was man ahnt,
wenn man den Fledermäusen beim Rumhängen zusieht
oder den Maikäfern,
wie sie genau in diesen Tagen an deinem Ohr vorbeipropellern.
Sie ist das,
was ihr ahnt,
wenn ihr in diesen Tagen spazieren geht
und dabei all die Farben seht,
das Blau vom Himmel,
das Gelb vom Raps,
das Grün in allen möglichen Schattierungen.
Sie ist das,
was ihr ahnen könnt,
wenn ihr euch umseht
und einander anseht.
Blaue Augen, braune, grüne und auch graue,
leise Leute,
laute Leute,
mutige und vorsichtige,
sportliche und musikalische und nachdenkliche und fröhliche,
und all die vielen, die mal so sind und mal so.
Sie ist das,
was wir ahnen,
wenn wir heute in eure Gesichter schauen:
Wilhelm
Joey
Emma
Liv
Marie
Philippa
Harriet
Marlene
Elisa
Emil
Heidi
Titus
Mathis
Piet
Julius
Lilly
Arthur
Bella
Linus
Max
Fiete
Tom
Lotta
Eva
Ferdinand
Laura
Tom
5. Sophias Lächeln
Sie, die Weisheit Sophia, ist die,
die heute ihr breitestes Lächeln lächelt,
wenn sie daran denkt,
wie alles angefangen hat
und was aus euch geworden ist.
Ich war fröhlich, dass es den Erdkreis gab,
und hatte meine Freude an den Menschen.
Sagt sie und freut sich.
Und ich glaube,
eure Eltern und eure Familien freuen sich mit.
Denn es war doch erst gestern,
dass ihr im Sandkasten gespielt habt
und Höhlen gebaut
und Sandkuchen gebacken.
Es war doch erst gestern,
das mit den Puppen und den Autos,
mit den manchmal dicken Tränen und der Schniefnase,
gegen die nur Mamas Umarmung hilft und ein „Es wird alles wieder gut.“
Es war doch gestern erst,
das Vorlesen am Abend,
das Drachensteigen am Strand,
die Wanderung auf Papas Schultern
Es war doch erst gestern.
Und heute sind wir hier.
Und aus den Anfängen ist etwas geworden.
Nämlich ihr.
Mit dem, was ihr könnt.
Mit dem, was ihr seid.
Und mit dem, was noch in euch schlummert.
So geht ihr durch euer Leben,
schon beinah wie die Großen,
mit oft vollem Kalender
und oft schon ziemlich selbstständig.
Mit allem Drum und Dran,
durch Hohes und Tiefes.
Durch Prüfungen in der Schule,
die darüber entscheiden, wie es für dich weitergehen kann,
durch die nächste Englischklausur,
durch die Momente,
in denen du nicht weißt, was du sagen sollst
und die, in denen du mal lieber nichts gesagt hättest.
Und durch eine Welt,
die euch schon sehr viel abverlangt.
Mit all ihrer Unsicherheit,
und Unordnung,
mit ihrer Wildheit,
die euch und uns nur allzu oft mitreißt,
ob wir wollen,
oder nicht,
und von der viele sagen:
Sie muss sich ändern.
Am besten mit Kraft und Macht
und mit schnurgeradeaus,
und mit richtig und falsch.
Aber es gibt auch einen anderen Weg,
nämlich den von der Weisheit Sophia.
Wären wir damals vorbei gekommen,
als sie mit der Schöpfung der Welt beschäftigt war,
und hätten wir sie gefragt: „Was machst du?“
Dann hätte sie kurz nachgedacht,
so lange wie zweimal blinzeln braucht,
und dann hätte sie gesagt:
„Ich spiele.“
Ich spielte vor Gott täglich.
Ich spielte auf seinem Erdkreis
und hatte meine Freude an den Menschen.
Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich.
Glücklich zu loben sind alle, die mir folgen.
Hört genau hin,
damit ihr klug werdet!
6. Weise
Also seid klug.
Geht eurer Sehnsucht nach.
Und werdet weise.
Und wer weise ist,
so weise wie die Weisheit selbst,
der spielt dabei.
Der probiert sich aus.
Entdeckt Neues.
Und Schönes.
Und Gutes.
Und erschafft es dabei.
Und er vergisst vor allem einmal eine Frage,
die wohl zu den wichtigsten Konfifragen aller Zeiten gehört.
Nämlich die Frage: „Ist das richtig so?“
Frauke, Steffen und ich,
wir haben sie oft von Euch gehört.
Sie ist auch nicht ganz abwegig. Es gibt viele Situationen im Leben,
in denen sie einen davor bewahrt, falsche Wege einzuschlagen.
Aber es gibt Momente,
da passt sie einfach nicht.
Zum Beispiel bei den wirklich großen Lebensfragen,
über die wir auch gesprochen haben:
Ist das richtig so,
wenn ich das, was nach dem Tod kommt,
mit Wolken zeichne, die noch verstecken, was dahinter ist?
Ist das richtig so,
wenn ich das mit einer Leiter darstelle,
die von der Erde in den Himmel führt?
Ist das richtig so?
Wer weiß?
Auch wenn man etwas Neues schaffen will,
etwas das schön ist und gut,
etwas, das man lieben kann und in dem man sein eigenes Leben leben kann,
auch dann gibt es auf
„Ist das richtig so?“
einfach keine Antwort,
die man „richtig“ nennen könnte.
Es gibt nur Ausprobieren.
Spielen.
Mit den Gaben und den Möglichkeiten,
die Gott euch in den Bastelschrank gelegt hat.
Und so am Ende weise werden.
Und wer weiß,
vielleicht entspannt sich dann die Welt.
Und vielleicht wird sie eine andere.
Und Sophia lacht so wie am Anfang.
Und wir, wir lachen dann mit.
Amen.