Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
I. Wilde Blumen
Menschen machen seltsame Dinge.
Ich war in einem Städtchen, neulich, da hatte jemand eine Wildblumenwiese gesät, in seinem Vorgarten. Kornblumen in Blau und Klatschmohn in Rot, Ringelblumenorange, Buchweizenweiß, das Violett von Phazelien, Margeritensonnen und noch mehr.
Es blühte zart.
Es blühte bunt.
Sah hübsch aus.
Oder sagen wir:
Es hätte beinah hübsch aussehen können, wenn nicht – ja, wenn die eigentlich so wilden Blümchen nicht in einem Beet gestanden hätten.
Es war schmal, das Beet, vielleicht einen halben Meter breit, eher weniger, und dreimal so lang, eher weniger. Und es war eingefasst von Pflastersteinen. Drum herum ein akkurat gemähter Rasen. Im Hintergrund gestutztes Buschwerk und alphabetisch geordnete Hortensien.
Ich fand den Anblick unfassbar komisch und habe ein Foto davon gemacht. Bestimmt werde ich es einmal brauchen können, dachte ich, wenn ich etwas Gemeines über Menschen sagen will. Natürlich nur aus didaktischen Gründen.
Das Bild sagt mehr als „spießig“, „kleinkariert und ordnungsliebend“. Und was mir dazu noch einfallen würde, wäre: „piefig, bürokratisch“ und nicht zuletzt auch „provinziell, mit Gartenzwerg im Herzen“.
Natur? Ja! Aber sie muss beherrschbar sein.
Dachte ich und musste beinah lachen.
Menschen machen seltsame Dinge.
II. Crazy People
Sie stellen Vogelhäuschen auf und hauen drum herum die Bäume um, weil man die Vögelchen dann besser sehen kann. Und weil das Laub im Herbst dann nicht mehr so viel Arbeit macht.
Sie kaufen ökofair Produkte ein und lassen sie dann um die Welt chauffieren, mit der Post von Südamerika in den eigenen Briefkasten, mit Schiff und Flugzeug und dem Auto und mit Mindestlohn.
Menschen laden Gäste ein und kochen selbst. „Das schmeckt ja immer noch am besten.“ Ja, das stimmt. Zumindest oft. Nur wenn die Gäste da sind, kann man sich nicht unterhalten, weil man immer in der Küche stehen muss.
Menschen abonnieren Newsletter, die sie dann nicht lesen, machen im Urlaub 1000 und ein Foto, die sie dann nie wieder ansehen.
Sie propagieren das Einfache und Schlichte und die Liebe zur Natur, und fahren mit dem hochglanzumgebauten Minivan durchs Land und machen Glamping unterm Sonnenuntergang am Strand und genießen den Comfort.
Sie erziehen Kinder zur Selbstständigkeit und nehmen ihnen alles ab, vom morgendlichen Broteschmieren bis zur abendlichen Freizeitplanung.
Menschen bauen Waffen für den Frieden. Schweres Thema, ja, ich weiß, wollts aber trotzdem einmal sagen.
Menschen sagen heute hüh und morgen hott und machen hohe Einfuhrzölle und wundern sich dann, warum im Land die Eier fehlen und warum alles so teuer ist.
Sie fangen Menschen auf der Straße ein und schieben sie ins Ausland ab. Und sind erstaunt, wenn Ärzte fehlen oder Flugzeugkonstrukteure, und wenn auf den Feldern niemand da ist, der den Mais erntet.
Sie untersagen Regenbogenfarben auf dem Bundestag und dessen Mitarbeitenden verbieten sie die offizielle Teilnahme am CSD. Und dann reden sie von ihrem Eintreten für Toleranz und Vielfalt und von ihrem unermüdlichen Kampf für Freiheit und für Minderheiten.
Sie kämpfen gegen Geldverschwendung und geben denen, die sowieso schon sehr viel haben, noch viel mehr dazu. Die anderen zahlen den Preis.
Leider waren oft gerade sie die armen Kälber, die ihre Schlächter selbst gewählt haben.
Menschen machen seltsame Dinge.
Zu ertragen ist das oft nur noch mit Ironie. Doch wenn man mal ganz ernst drauf schaut, dann könnte man sich aufregen. Über Dummheit, Ignoranz und Selbstwidersprüchlichkeit.
Der Mensch, das paradoxe Wesen.
Man möchte schimpfen wie ein Rohrspatz, so von seinem Platz am Stammtisch aus. Man möchte sie erziehen und bilden, die „da oben“, die „da draußen“ und die, die da sonst noch sind.
Man möchte ihnen die Schuppen von den Augen reißen und die Splitter und die Balken auch. Und dann, dann würde alles besser werden. Dann würden Menschen nur noch gute Dinge machen.
III. Lukas
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.
Vergebt, so wird euch vergeben.
Gebt, so wird euch gegeben.
Denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.
Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?!
IV. Binsenweise
Nun wird’s still und nachdenklich. Ein Ordnungs- oder Zwischenruf im Getöse vom heiligen Zorn.
Doch die nachdenkliche Stille hält nicht lange an. Man möchte zurückrufen und sagen:
Das ist wieder typisch Kirche. Genau das, was man an einem Sonntagmorgen von der Kanzel erwarten würde.
Barmherzig sein sollen wir. Nicht richten, nicht verdammen. Natürlich: vergeben. Aus vollen Händen schenken usw.
Die übliche christlich-sonntäglich ethische Zumutung also.
Aber immerhin: Man wird dem Zwischenrufer zugutehalten müssen, dass seine Imperative zur gelebten Nächstenliebe ganz und gar nicht altruistisch sind.
Das macht sie zugegebenermaßen interessanter:
Richtet nicht, sagt er, damit du nicht genauso gerichtet wirst. Beim Verdammen und Vergeben und so weiter ist es genauso. Das ist erfrischend selbstbezogen.
Aber auch dieser Gedanke ist inzwischen binsenweise:
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“
Oder zum Angeben:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, nach der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
(Sagt der Mann aus Königsberg. Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten, AA IV, 421)
Trotzdem möchte man antworten:
Ja, aber. Immer dieses Barmherzigsein.
Man muss doch auch mal sagen dürfen, wie es ist. Nicht immer die andere Wange auch noch hinhalten. Nicht immer alles hinunterschlucken, bis man selber platzt.
Man muss doch auch mal gepflegt aus der Haut fahren dürfen und nicht alles nur ertragen müssen.
Sonst ändert sich ja nichts.
Die Gnade, das Vergeben, sollten nicht zu billig sein. Damit hat man viel zu viele Opfer schon viel zu einfach übergangen.
V. Der Twist
Da höre ich den Zwischenrufer wieder rufen:
„Ich verstehe schon, was du meinst. Und ja, bei allem Barmherzigkeit und allem Vergeben muss Recht auch Recht bleiben.“
So könnte er es in meinen Ohren sagen.
Dennoch, einmal ganz arbeitshypothetisch:
Vergiss einmal das typische Erwartbare. Vergiss die christlich-sonntägliche Zumutungsethik, die angeblich gemeint ist.
Halte dich nicht daran fest.
Die Imperative, der Aufruf zum Barmherzigsein, das Vergeben, nicht Verdammen und so weiter – das ist nur die Oberfläche.
In der Tiefe dieser Worte und dieser guten Taten liegt noch etwas anderes.
In ihrer Tiefe liegt Gottes Reich.
Sagen wir einmal verkürzt: In der Tiefe liegt das, wonach du Sehnsucht hast. Das, was besser ist als das Hier und Jetzt.
Da liegt das Gute, das du willst, und von dem du möchtest, dass alle es sehen und verstehen und dass sie es vor allem tun.
Dieses Gottesreich aber beginnt nicht mit der Veränderung der anderen. Nicht mit deren Erziehung, Bestrafung oder Verdammung.
Es beginnt mit dir.
Es beginnt mit dem, was du tust oder was du lässt.
Wenn du so willst, dann könnte man auch sagen:
Steh dem Reich Gottes nicht im Weg mit deinem Richten, mit deinem Erziehen und Verdammen.
Steh dem Reich Gottes nicht im Weg mit deinem heiligen Zorn, und sei er noch so sehr ein Zorn in bester Absicht.
Denn wenn es wirklich kommen soll, das, wonach die Welt seufzt und wonach du dich sehnst, dann geht das am besten, wenn die Welt nicht vollgestellt ist mit Kisten voll Zwang, mit Containern voll Zorn, voll Wut oder Hass – und auch nicht mit dem Staub der Selbstgerechtigkeit, der sich auf alles nur zu gerne legt.
Wenn wirklich kommen soll, was besser ist, dann tu, was du tun kannst, und räum vorher einmal auf, barmherzig mit dir und mit allen anderen.
Im Grunde ist es wie am Tag, bevor die Haushaltshilfe kommt.
VI. Aufräumen
Menschen tun ja seltsame Sachen.
Einen Tag bevor die Haushaltshilfe kommt, da fangen sie an aufzuräumen – und zu putzen.
Plötzlich räumen sie den Esstisch leer, was sie die ganze Woche vorher nie geschafft haben.
Sie bügeln, legen die Wäsche zusammen und wischen die Tomatensauce vom Herd.
Das Kinderspielzeug vor dem Sofa, die Kuscheltiere und die verdammten Legosteine, auf die man in den letzten vier Tagen fünfmal schmerzvoll trat, kommen endlich in die Kiste.
Sie wechseln das klamme Küchenhandtuch, das schon so eigentümlich riecht, und saugen schon mal die größten Fusseln weg.
Von Krimskrams befreit werden Tische und Bänke, und am besten wischt man noch die Schränke aus.
Damit man nicht als schmutzig und chaotisch gilt.
Damit man vorbereitet ist, wenn die Haushaltsrettung kommt.
Und damit sie tun kann, was sie tun will.
Menschen tun schon seltsame Sachen.
Manchmal ist das aber auch ganz gut so.
Amen.