Okuli 2025: Baudelaires Böse Blumen und ein Albatros

Predigt am Sonntag Okuli 2025

Musikalischer Gottesdienst zu Felix Mendelssohn-Bartholdy, Psalm 115, op. 31 und Jeremia 20,7-11a 

Pastor René Enzenauer

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 I. Baudelaires Böse Blumen

Albatros

Oft fangen die Matrosen zum Vergnügen sich Albatrosse,

welche mit den weiten Schwingen gelassen um die Schiffe fliegen,

die über bittere Meerestiefen gleiten.

 

Wenn sie sich linkisch auf den Planken drängen,

Die Könige der Bläue,

wie verlegen

und kläglich da die weißen Flügel hängen,

Ruder,

die schleppend sich zur Seite legen.

 

Beflügelt,

doch wie schwächlich und gespreizt!

Zuvor so schön,

jetzt hässlich und zum Lachen!

Der eine mit der Pfeife seinen Schnabel reizt,

Der andre sucht ihn hinkend nachzumachen!

 

Dem Herrscher in den Wolken gleicht der Dichter,

Der Schützen narrte,

der den Sturm bezwang;

Hinabverbannt zu johlendem Gelichter,

Behindern Riesenschwingen seinen Gang.

 

II. Wie ein gefangener Albatros

So fühlt es sich an,

glaube ich,

inzwischen und manchmal,

das Dasein

in der Welt, in der man gerade leben muss.

Jetzt,

in diesen Zeiten ganz besonders stark.

Mir selbst kommt es jedenfalls so vor.

Und dir ja vielleicht auch:

 

Als wäre man ein Pinguin im Dschungel.

Oder stünde man im Abendkleid im Wattenmeer.

Oder eben wie ein Dichter

unter johlendem Gelichter.

Wie ein gefangener Albatros,

der zwar edel durch den Himmel gleiten kann,

der an Land aber nicht weiß,

was er mit seinen Flügeln, die so schön sind,

machen soll.

 

Und jetzt stehen wir da,

der Albatros, der Dichter und auch ich

- und Du vielleicht ja auch –

an Land.

Und die Flügel fühlen sich gespreizt und schwächlich an.

Wir stehen gefangen auf den Planken eines Schiffes,

das eine Richtung nimmt, die wir nicht wollen.

Und dieses Schiff heißt „Welt im Jahre 2025“.

 

Inzwischen und manchmal fühlt es sich so an.

das Dasein in der Welt,

die sich gerade so verändert,

sich schon längst verändert hat.

Ohnmächtig beinah.

Und fremd.

Entfremdet.

Man möchte sogar sagen:

Verrückt.

Wie in einem schlechten Film.

Nur dass es kein Film ist,

sondern echt.

 

„Was ist nur mit den Leuten los?!“

Wie eine Freundin immer sagte.

Wissen sie es nicht besser?

Können sie es nicht besser?

Wollen sie es tatsächlich so?
Haben sie denn nichts gelernt?

Aus der Geschichte könnte man es doch.

Aber ein anderer, den ich kannte, antwortete immer:

 „Crazy people! What to do?“

Es ist zum Verzweifeln.

Manchmal fühlt es sich so an.

Wenn der eine mit der Pfeife einem den Schnabel reizt,

und der andere versucht uns hinkend nachzumachen!

Es ist, als würden sie sagen

wie die Heiden in Psalm 115:

 

Wo ist denn ihr Gott?

Ja, wo denn?

Wo?

 

Und dann lachen sie.

 Wie beim Propheten Jeremia:

Ich bin darüber zum Spott geworden täglich,

und jedermann verlacht mich.

Denn sooft ich rede, muss ich schreien;
„Frevel und Gewalt“ muss ich rufen.

 

Wie wahr.

 

Aber das Wort des Herrn ist mir eine Last geworden.

Den ganzen Tag bringt es mir nur Hohn und Spott.

 

So kann es sich anfühlen,

das eigene Dasein in der Welt 2025.

Glaub ich.

Man fühlt sich beinah albatrossig hässlich.

Und zum Lachen.

 

III. Verkehrte Welt

Denn das,

wofür man steht

als Christenmensch,

und das, woran man glaubt,

worauf man hofft,

worauf man baut,

wird umgekehrt und lächerlich gemacht.

Sodass man sich irgendwann zweifelnd fragen könnte:

Bin ich es, der verrückt ist?

Oder sind es alle anderen?

 

Verkehrte Welt!

 

Denn das,

was man gemeinhin Werte nennt,

wird bespuckt und verspottet.

Es ist, als würde man sie nicht mehr brauchen,

Werte und Haltungen wie
Zusammenhalt,

Nächstenliebe,

Gemeinschaft,

Sorge um und Fürsorge für die anderen,

Barmherzigkeit:

Empathie und Liebe werden als Schwäche deklariert.

 

Ein Bildungsministerium wird nicht mehr gebraucht.

Gewaltenteilung auch nicht, wird alles langsam ausgehöhlt.

Was Recht ist, wird beschimpft.

Stattdessen heiligt der Zweck die Mittel,

auch wenn allen klar ist,

dass sowohl Zweck als auch Mittel unrecht sind.

Da ist Willkür an den Grenzen,

und vor Diktatoren geht man in die Knie.

 

Und wenn eine sagt:

„Es ist genug!“

Oder einer:

„Es muss anders sein.“

Oder wenn eine „Have mercy.“ predigt:

Werden sie halt entlassen.

eingesperrt oder beschimpft.

Und wenn Hunderttausende dagegen protestieren,

dann sind das halt alles Terrorristen.

Darum müsse man sich kümmern.

 

Und Jeremia schreibt:

Ich hörte das ganze üble Gerede:
„Er verbreitet um sich herum nur Schrecken!

„Zeigt ihn an!“ – „Ja, lasst ihn uns anzeigen!“

Selbst alle, die mir nahestehen,

warten nur, dass ich stürze:

„Vielleicht schaffen wir es, ihn vorzuführen.

Dann können wir ihn packen und uns rächen.“

 

Wo ist denn da dein Gott?
Ja, wo?

 

IV. Dagegen-Musik

Da hinein,

in diese verkehrte

und sich verkehrende Welt,

klingt buchstäblich heute Mendelssohns Psalm 115.

Und das hat den Sound eines einzigen

großen

DAGEGEN!

 

Mendelssohn und seine Interpretation von Psalm 115,

sie wollen Kraft geben

zum Trotzig-Sein.

So höre ich es heute.

Als Trotzkraft gegen eine Welt,

die sich verdreht,

die wertelos wird und würdelos auch,

die Verachtung zum salonfähigen Mittel im Umgang mit Menschen macht,

und die sich abkehrt von Haltungen

wie Nächstenliebe,

Fürsorge

und Wahrheit.

 

Dagegen!

klingt es da.

 

Nicht unserm Namen, Herr,

nur deinem geheiligten Namen sei Ehre gebracht.

Lass deine Gnad und Herrlichkeit

und Wahrheit uns umleuchten,

 

So geht’s los.

Mit Verve,

mit Tempo,

mit Kraft ruft der Chor danach.

 

Es geht ja eigentlich nicht um uns, Gott,

nicht um uns,

sondern um dich.

Damit die Heiden nicht lästern und sprechen,

wo ist die Macht Gottes?

Damit das Lachen und das Spotten aufhören.

Darum geht es.

Also tu was, Gott!

Der Komponist lässt hier die Töne springen:

Nicht unserm Namen, Herr.

Singt der Chor

und fällt fünf Töne abwärts.

Vielleicht klingt so ein Kniefall.

 

Und dann singen sie weiter:
Nur deinem geheiligten Namen sei Ehre gebracht.

Da springt die Melodie fünf Töne aufwärts.

Es ist klar, wer hier das Sagen haben soll,

damit Gnade und Wahrheit wieder nach oben kommen,

die Oberhand gewinnen,

zu der Herrlichkeit,

die ihnen gebührt.

 

Lass deine Gnad und Herrlichkeit

und Wahrheit uns umleuchten,

Diese Stelle klingt dann auch genau danach:
herrlich,

wie eine Choralzeile,

fest, sicher, unerschütterlich und vor allem:

Nach Wahrheit!

 

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es trotzdem:

Dieser Satz endet in Moll.

Aber keine Sorge,

denn das wird nicht so bleiben.

Denn ganz am Schluss des Psalms wiederholt Mendelssohn

den Text des Eingangschores,

wenn er davon erzählt,

dass zwar die Toten Gott nicht mehr loben können,

dafür aber wir Lebenden umso mehr.

„Nur deinem heiligen Namen sei Ehre gebracht; Herr.“

Und dann wird alles enden,

in einem versöhnlichen und versöhnten Dur.

 

Es gibt also noch Hoffnung.

Und auf die könnt ihr euch freuen.

Und genau um die geht es im zweiten und im dritten Satz.

Um die Hoffnung für

das Volk,

für Israel,

für dessen Priester,

als die, die vom Gott der Wahrheit und Gnade erzählen,

und um die Hoffnung für alle die, die darauf vertrauen.

 

Alles Volk hofft auf dich.

Du bist ihr Helfer.

Du bist ihr Erretter.

Du allein.

Du bist der, auf den man hofft.

Du wirst sie beschützen in der Not.

Du bist ihr Helfer.

Du bist ihr Erretter.

Du allein.

Alles Volk hofft auf dich.

 

Ja, das wird wiederholt.

Im Psalm und in der Musik.

Damit man es nicht vergisst.

Damit du es nicht vergisst!

 

Denn darauf,

und nur darauf,

liegt Segen.

Und den sollt ihr bekommen.

 

Der Bariton wird es euch zusingen.

Nach meiner Predigt.

 

Gott segne euch je mehr und mehr,

euer Haus und alle eure Kinder.

Wird er singen.

 

Und ihr könnt dann in den Tönen baden.

Und es euch gefallen und euch sagen lassen.

 

Und am besten stopft ihr euch dann die Manteltaschen voll

mit diesem Segen,

so voll wie es nur geht,

zum Platzen voll mit Segen.

Für nachher,

zum Mitnehmen und zum davon Zehren,

für eure Trotzkraft,

falls ihr euch auch gelegentlich ganz albatrossig fühlt,

oder verloren oder fremd in dieser verrückten Welt,

damit ihr trotzdem festhalten könnt

an Glaube, an Liebe und an der Hoffnung.

 

Und damit ihr trotz allem mit einstimmen könnt,

in den Jubel und in das Lob für den,

der euch Kraft gibt

von Anbeginn bis in Ewigkeit,

bis alles enden wird,

in einem versöhnlichen und versöhnten Dur.

 

Ihr könnt euch jetzt schon darauf freuen.

Amen.

Copyright: René Enzenauer