Ich bin in Berlin, im sogenannten „Hubertusbad“ in Lichtenberg, kurz „Hupe“. Aber ich bin nicht zum Schwimmen da, sondern zum Fotografieren. Schwimmen kann man dort nämlich schon lange nicht mehr. Seit 1991 steht das Gebäude nahezu leer. Vier Stunden lang dürfen wir vom Dach bis zum Keller alles frank und frei erkunden und uns vorstellen, wie es damals war, als in dem Haus noch alles anders war.
1928 wurde es als „Bade- und Schwimmanstalt“ fertiggestellt. Im Erdgeschoss hängen die Verbots- und Hinweistafeln: Mittwoch ist „Rentnerschwimmen“! Wer „Volkseigentum“ mutwillig zerstört, wird haftbar gemacht, und „Pfeifen und Singen … ist zu unterlassen.“ Dann geht’s in die Schwimmhallen: Männer rechts, Frauen links. Ja, so war das! Das Licht fällt durch aufwendige Buntglasfenster.
Im ersten Stock: ein Flur mit unzähligen Badewannen, alle sittsam in Kabinen einsortiert und seinerzeit gedacht für die Berliner:innen, die kein echtes Bad zu Hause hatten. Ja, das gab es! Wir finden Flaschen mit Ammoniak-Desinfektionsmittel, Stühle und Liegen und eine Leiter Marke „Eigenbau“, die unmotiviert an einer Badewanne lehnt. Morbider Charme, wohin man schaut.
Noch eine Etage höher war die medizinische und die „russisch-römische Abteilung“: Dampfbad, Sauna, Wärmeraum und das „Unterwasserkältebad“. Auf dem Dach die Sonnenterrasse mit hölzernen Umkleidekabinen und im Keller der Friseursalon mit antiken Friseurstühlen und einer Registrierkasse zum Kurbeln. Da, wo an den Wänden die großen Spiegel hingen, sehen wir nur übertünchte Backsteinziegel. Am Waschbecken steht ein Fläschchen Shampoo, als wäre die Friseurin nur mal eben raus, um ein Handtuch zu holen.
Nach und nach bekommen wir einen Eindruck davon, wie das Leben in dem Haus wohl damals funktionierte, welche Idee von Ordnung damals in den Köpfen war, welche Gedanken, welche Ideale, welche Regeln. Ein Haus wie eine Zeitkapsel. Ein Zeugnis einer anderen Welt.
Zu sagen: „Die Zeit ist darin stehengeblieben“, wäre falsch. Im Gegenteil! Wohl kaum irgendwo anders kann man so präzise sehen, wie die Zeit vergangen ist. Besonders deutlich wird mir das, als ich aus dem Fenster schaue. Denn draußen, nur getrennt durch eine Wand aus Ziegelsteinen und dem typischen schlammgrauen DDR-Rauputz, ist das heutige Berlin: bunte Häuserfronten, das neue Krankenhaus gegenüber, irgendwo weiter hinten ein modernes Industriegebäude.
Die Leute auf dem Gehweg tragen den Berliner Chic 2025. Draußen vor der Tür: eine andere Welt. Eine andere Zeit. Eine andere Ordnung. Andere Gedanken in den Köpfen. Andere Ideale. Andere Regeln, andere Übertretungen.
Ein bisschen wie Kirche in der Welt vielleicht, denke ich und mache ein Foto durch das Fenster – von der einen Welt in die andere. Hat er doch damals auch gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Manchmal fühlen sich Kirche und Glaube für mich tatsächlich so an. Wie nicht von dieser Welt, mit ihren Idealen, Gedanken, Ritualen, Regeln und Ansprüchen.
Das kann man despektierlich verstehen, im Sinne von „den Anschluss an das echte Leben und die moderne Zeit verloren, an das moderne Leben und an das, was mensch heute braucht“. Kirche ist eben anders. Man kann in diesem Anderssein aber auch etwas Gutes entdecken – einen Standpunkt außerhalb von dem Leben, wie es gerade ist, einen Standpunkt, von dem aus man wie ein Zuschauer auf das schauen kann, was „da draußen“ passiert und wobei man normalerweise einfach mitläuft.
So ein Blick von außen ist heilsam. Er kann nachdenklich machen, darüber, wie das Leben auch sein könnte, wenn es anders wäre. Besser. Erlöster. Kirche und Glaube sind eben anders. Und können eben deswegen auch andere Maßstäbe setzen. Bessere – wenn’s gut geht.
Am Ende ist es wohl ein Spagat, das Dasein als Christ zwischen den Welten – mit einem Bein hier und einem Bein da. Was das fürs Leben heißt, gilt es herauszufinden. Und das ist, wie das Fotografieren, eine Kunst.
René Enzenauer, März 2025