Ganz früher hatte ich Orgelunterricht. Einmal die Woche ging ich zum Kantor des Schweriner Doms und schwang mich auf die Orgelbank.
Jede Stunde lief ähnlich ab. Wie bei Sportlern begann es mit dem Aufwärmen: Tonleitern spielen, rauf und runter. Danach arbeiteten wir an den Stücken, die ich vorbereitet hatte – Präludien, Choräle, was auch immer. Bis hierhin war alles gut. Ich fühlte mich auf sicherem Terrain. Bis hierhin konnte ich mich vorbereiten und üben. Dann kam der dritte Stundenteil: Improvisation. Ich war verloren!
Der Kantor spielte die Grundtöne der Harmonien. Ich sollte die Oberstimme fantasieren. Aber meine Fantasie hatte zu dem Zeitpunkt meistens frei. Sie war wohl im Kreuzgang spazieren. Meine „Musik“ war grauenhaft – eine Aneinanderreihung von Tönen, motivlos, ohne Linien, nur Geräusche, um die Stille zu füllen, weil ich irgendetwas machen musste und nicht nichts. Der Kantor trug es mit Fassung. Ich war froh, wenn ich diesen dritten Stundenteil überstanden hatte. Es war schlimm. Und auch ein wenig peinlich. Dachte ich.
Prüfet alles und das Gute behaltet.
Im Juni 2024 schwang ich mich wieder auf die Orgelbank, diesmal hier in Wohltorf. Wir probten für die Ekklesia Elektronika, für den „Techno-Gottesdienst“. Unsere Idee war, dass beim letzten Stück die Orgel mitspielen sollte. Nach zwei Stunden computergenerierter Klänge wollten wir die Orgel mit ihrem satten und versöhnlichen Sound mit dem „Techno“ zusammen klingen lassen.
Aber wir hatten keine Noten zu dem letzten Techno-Stück. Ich versuchte, nach Gehör zu spielen. Das funktionierte gar nicht. Wir versuchten es mit Hilfsmitteln wie Kopfhörern, Handy-Apps und anderen Dingen. Manches funktionierte leidlich. Aber nichts war gut genug.
Dann kam die Idee: Wir koppelten einen zusätzlichen Scheinwerfer mit dem Computer. Immer dann, wenn sich in der Computermusik die Harmonie änderte, wechselte der Scheinwerfer seine Farbe – und ich wusste, was ich wann auf der Orgel spielen musste. Das war Musik nach Farben! Und die Menschen in der Kirche tanzten dazu.
Prüfet alles und das Gute behaltet.
Das Jahr 2024 auf dem Kirchberg war voll von solchen Improvisationserlebnissen:
– Der fertiggestellte Jugendbauwagen,
– der Reeperbahn-Gottesdienst mit einem Ausflug auf die „sündigste Meile der Welt“,
– das große Erntedankfest auf dem Kiwi-Feld,
– unser Fußballgolfturnier, an dem so viele Vereine und Gruppen aus dem Dorf mitgewirkt hatten,
– der Orgel-Ausflug nach Hildesheim,
– der schon erwähnte Techno-Gottesdienst,
– und die Eröffnung der neuen Kita mit dem großen Gemeindesaal.
Da waren auch die neue Aufstellung unserer Kirchenbänke und die renovierte Sakristei.
Bunt war es 2024.
Und viel.
Und aufregend.
Und immer – wirklich immer – gab es ein Element von Improvisation. Nie lief etwas ganz nach Plan. Immer brauchte es die Fantasie Einzelner oder einer Gruppe, die frei und nach Gefühl und Wellenschlag auf den Grundtönen der durchgetakteten Pläne tanzen konnte.
Das, was dabei herauskam, war nicht immer perfekt. Aber immer einmalig. Und immer besonders.
Und wirklich schön.
Gemeindeleben eben!
Kirchbergleben eben!
Prüfet alles und das Gute behaltet.
Dieser Bibelvers steht über dem Jahr 2025. Für mich ist er wie eine Aufforderung zum Spielen und zum Improvisieren: Lasst die Finger über die Tasten fliegen und spielt mit den Möglichkeiten, die das Leben bietet. Manchmal wird das Ergebnis so „besonders“ sein wie meine jugendlichen Orgelerfahrungen in Schwerin. Manchmal wird es wie ein Wunder, wie ein Tanz in bunten Farben. Und manchmal irgendwas dazwischen.
Mit dem, was gut war – mit dem macht weiter.
So wird es immer echt sein. Und lebendig.
Also: Seid mutig und probiert aus.
Haltet gemeinsam die Unsicherheit aus, die das Probieren mit sich bringt.
Und schickt statt der Fantasie lieber den inneren Fehlerbewerter für eine Zeit auf ausgedehnte Spaziergänge.
Er kann ja später wiederkommen.
Und dann mal gucken, was passiert.
Vielleicht ja ein gutes, buntes und gesegnetes Jahr 2025.
René Enzenauer, Januar 2025