„Prüft alles und das Gute behaltet.“ – das ist die Jahreslosung 2025.
Ich hatte es wie ein spielerisches Experiment aussehen lassen. Das ist es auch – bzw. das kann es auch sein. Das ist die eine Seite. Die andere ploppte nun aber am Frühstückstisch auf. Als Frage: Gibt es etwas Gutes? Vielleicht liegt die Schwierigkeit ja darin, überhaupt zu wissen, was das Gute ist?
So finde ich mich ein paar Tage später in einer personalstarken Sitzung wieder, in der vier Kirchengemeinderäte darüber beraten, ob eine Fusion ihrer Gemeinden ein guter Weg ist – und wenn ja, wie er konkret aussehen soll, damit er gut ist. Die einen sind sich schon sicher: Ja, die Fusion mit so vielen wie möglich ist der einzig gute Weg. Andere denken noch nach. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil sie noch nicht wissen, ob es wirklich das Gute ist.
So ist es ein Ringen – mit sich selbst, mit anderen und mit tiefen Überzeugungen. Es ist ein Ringen um das Gute für die Gemeinden, für die Menschen, für unsere Orte. Ein Ringen um das Gute, das letztlich alle wollen, die da im Gemeindesaal versammelt sind.
Aber die Frage bleibt: Was ist es genau? Gibt es das Gute?
Fragt man die Philosophen, dann rücken die sich ihre Brille zurecht, nehmen einen Schluck Kaffee und holen tief Luft. Die einen sprechen dann von einem objektiven Guten, das man nur erkennen müsste. Die anderen bekommen dabei Schnappatmung und widersprechen. Sie sagen, dass es das objektiv Gute nicht gibt. Es liege vielmehr alles am Menschen und an seiner subjektiven Sicht auf die Dinge.
Die Philosophen helfen also nicht weiter.
Fragt man den ersten Thessalonicherbrief, aus dem die Jahreslosung stammt, dann kann man unter dem Guten vielleicht eher das verstehen, was dienlich ist.
Was nützt es?
Nützt es dem Zusammenleben?
Nützt es der Gemeinde, nützt es den Menschen im Miteinander und im Gegenüber zu Gott, nützt es dem Glauben – oder tut es das nicht?
So bleibt es auch da eine Frage, ein Ringen. Deswegen schreibt der Thessalonicher denn auch, dass man dem Guten nachjagen muss – in Geduld, füreinander und für jedermann.
Wie das gehen kann, kann man vielleicht von den Isländern lernen:
Auf deren Inselchen brach 2010 der Vulkan Eyjafjallajökull besorgniserregend aus, und die Anzahl der jährlichen Touristen brach besorgniserregend ein.
Da kam der isländische Präsident auf eine verrückte Idee: Er gab jedem Isländer eine Stunde frei. Statt zu arbeiten, sollten sich die Leute in dieser Zeit Gedanken darüber machen, was sie persönlich an ihrer Insel gut finden. Dazu machten sie dann ein kleines Video, das sie auf Instagram, TikTok oder YouTube teilten. Andere schrieben einen Beitrag und machten Fotos.
Alles ging übers Internet um die Welt.
Inzwischen werden die freien Betten auf Island gelegentlich knapp.
Man stelle sich das einmal ähnlich für die Kirche vor!
Vielleicht kommen wir ja so dem Guten auf die Spur.
Deswegen mache ich einmal den Anfang:
Ich finde gut, dass Kirche ein Zusammensein ist, bei dem ich von Jugendlichen etwas über die „Flammen“ bei Snapchat lerne und gleichzeitig mit ihnen über ihre (und meine) tiefen Lebensfragen reden kann.
Wo gibt es diese großartige Mischung sonst?
Sie ist etwas von dem Guten, von dem ich denke, dass wir ihm nachjagen und das wir behalten sollten.
Jetzt aber sind Sie dran – wenn Sie wollen.
Ich kann Ihnen leider keine Stunde freigeben.
Aber vielleicht geht es auch so.
Wenn Sie mögen, dann machen Sie gerne mit bei der Jagd nach dem Guten in der Kirche – und schreiben Sie mir.
Ich bin gespannt.
René Enzenauer, Februar 2025