Gemeindebriefe 2020

Liebe Wohltorfer,
liebe Krabbenkamper,

so oder so ähnlich beginnen die Gemeindebriefe.

Auch die alten Briefe ab Dezember 2003 bis Dezember 2016 in unserem alten Web-Auftritt noch einmal lesen. Außerdem die Gemeindebriefe 2017, 2018, 2019.

Hier finden Sie die Gemeindebriefe 01/2020, 02/2020, 03/2020, 04/2020, 05/2020, 06/2020, 07/2020, 08/2020, 09/2020, 10/2020, 11/2020, 12/2020


Dezember 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor EnzenauerO Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß‘ ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß‘ ab, wo Schloss und Riegel für.

Es war einer dieser dunklen Tage, an denen man schon früh am Morgen denkt: Ach, wenn sich doch der Himmel öffnete, ein Licht erschiene und höbe mich hinweg und alles wäre gut.

Aber der Himmel dachte nicht daran. Er blieb novemberdunkel, der Kühlschrank war leer, der Kaff ee schmeckte seltsam, die Rückfahrleuchte am Auto ging kaputt, der Kalender schwappte über und in den USA war immer noch nicht klar, wer der nächste Präsident wird. Und dann war ja auch noch überall Corona. So ein Tag war das. Dementsprechend war die Stimmung. Meinen ersten Termin hatte ich in unserer Kita, eine Andacht in einer unserer Gruppen. Mit Gitarre und Geschichtenkoffer fuhr ich in den Alten Knick und bereitete alles vor. Bis es losgehen sollte, war noch Zeit, und so schlenderte ich über den Gang und sagte überall einmal Hallo. Und dabei traf ich jemanden. Ich schätze sie auf drei oder vier Jahre und sie hatte wilde blonde Locken.

Sie stand allein für sich am Legobausteinbasteltisch und werkelte versunken. Eine Weile schaute ich ihr zu und wollte dann weitergehen, als sie mich doch noch bemerkte.

„Hallo.“, sagte sie.

„Hallo.“, sagte ich.

„Ich baue.“, sagte sie.

„Wie schön.“, sagte ich,

„Wie heißt du?“ „Gerda*“, antwortete sie und werkelte weiter mit ihrem Plastikschraubenzieher.

Wir unterhielten uns, bis wir von einer Erzieherin unterbrochen wurden. Jetzt erfuhr ich, dass Gerda neu ist in der Kita und gerade erst die Eingewöhnungszeit durchläuft. Am Morgen hatte sie noch laut geweint, weil alles für sie fremd war. Aber nun stand sie schon am Legobausteintisch und baute an ihren Projekten.

„Was baust du?“, fragte die Erzieherin. Aber Gerda antwortete nicht. Sie suchte in ihrem Baumaterial nach einem ganz besonderen Stein. Dann aber schaute sie plötzlich hoch. Sie sah erst mich an, dann die Erzieherin, zeigte auf mich und sagte dann: „Das ist mein Freund!“

Als ich nach der Andacht wieder in mein Auto stieg, war der Himmel immer noch grau. Die Rückfahrleuchte war immer noch kaputt, der Kalender war immer noch voll, in den USA war der Auszählkrimi immer noch nicht ausgestanden und die Corona-Pestilenz war natürlich auch noch da. Aber mein Tag war trotzdem anders als am Anfang. Ich habe noch oft an Gerda gedacht. Und dann wurde es hell – irgendwie, mitten im dunklen Novemberstress.

O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Adventszeit ist Zeit der Sehnsucht: nach einem offenen Himmel, nach dem Licht, das diese manchmal dunkle Welt durchbricht. Ich glaube, nach einem so verrückten Jahr wie diesem, in dem die Nerven bei Vielen immer blanker liegen, mit all dem Leid, mit Krankheit und mit ihren Folgen für jede und jeden Einzelnen und mit ihren Folgen für unsere Gesellschaft als Ganze, wird es dringender denn je gebraucht, das Licht der Welt. Umso wichtiger ist ein Zweites:

Adventszeit ist Lichterzeit. Wir schmücken Straßen, unsere Häuser und unsere Kirchen. Wie wäre es, wenn wir nicht nur die Lichter unserer Häuser leuchten lassen. Leuchten wir selbst doch mit so gut wir eben können, für alle, die in diesen wilden Zeiten in Dunkelheit versinken. Und halten wir zusammen die Hoffnung und die Sehnsucht wach, bis sich der Himmel öff net und bis es kommt, das Licht der Welt. Wie Gerda aus der Kita zeigt, ist das vielleicht einfacher als wir alle denken.

Ihr

Pastor René Enzenauer

*Gerda heißt nicht Gerda. Aber der Rest stimmt so. 🙂

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November 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor EnzenauerEine Vorbemerkung

Jeder Mensch, jedes Team und jede Organisation hat ein ungeahnt großes Potential, das manchmal schon aufblitzt. Jede Organisation wird immer zu dem Bild, das sie sich von sich selbst macht.

Menschen, Teams und Organisationen kommunizieren täglich ihr Bild von sich selbst. Sie tun das, indem sie Geschichten erzählen.

Eine Kirchen-Geschichte

Es war vor ein paar Wochen, da tagte in der Lübecker Marienkirche die Kirchenkreissynode. Das ist eine Versammlung aus gewählten Mitgliedern der Kirchengemeinden, die über die Geschicke des Kirchenkreises beraten und abstimmen. Ein Theologiestudent, der gerade sein Praktikum bei uns machte, und ich, wir waren ebenfalls dabei. Wir lauschten der Diskussion und vor allem den „Geschichten“, die im Rahmen der langen Tagesordnung erzählt wurden: vom Präses der Synode, von der Bischöfin, von den Pröpstinnen und von den Menschen aus dem Kirchenkreisrat. Das waren die Menschen, die an diesem Abend am meisten erzählt haben.

Später, nach fast fünfeinhalb Stunden Sitzung, als wir im Auto auf der Rückfahrt saßen, habe ich den Studenten gefragt: „Na, was ist bei Dir hängengeblieben von den Geschichten, die Du heute Abend gehört hast?“ Und er sagte: „Warte, ich habe ein paar Sachen sogar mitgeschrieben.“

Und er holte sein Notizbuch heraus. Wir rumpelten über die Autobahn und er las im Schein der Autoarmaturenbeleuchtung: „Wir sind Opfer dieser Gesetze.“ und „Das ist einfach Mathe.“ Er sagte: „Die Geschichte, die erzählt wird, ist: Wir werden weniger. Wir haben weniger. Und deswegen wäre es wichtig und eigentlich alternativlos, dass die Synode Sparbeschlüsse fasst. Wir reagieren, wir agieren nicht. Es ist als gäbe es keinen Ausweg. Lust auf Kirche, Lust auf Pastor sein macht mir das nicht.“ So sagte er, der Theologiestudent.

Eine andere Kirchen-Geschichte

Es war einmal, ich glaube vor zwei Jahren. Wir waren auf Konfifreizeit an der Ostsee. Es war unser letzter gemeinsamer Abend. Eben hatten wir Andacht gefeiert. Wir standen draußen, um ein kleines Feuer. Über uns die Sterne. Und um uns rum, die Geräusche aus der Nacht. Wir hatten gerade Zettel verbrannt. „Du hast jetzt etwas Zeit, für dich und für Gott.“ So hatten wir gesagt. „Nimm dir diese Zeit und schreib auf, was dir auf dem Herzen liegt. Sachen, auf die du nicht besonders stolz bist, Sachen, die du loswerden willst. Niemand wird den Zettel jemals lesen.“ Und die Konfis hatten geschrieben. Manche brauchten zwei Zettel. Niemand hat gekichert. Niemand hat gelacht oder gemault. Stattdessen heiliger Ernst. Es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.

Danach, draußen, an dem Feuer lösten sich diese Zettel in Rauch auf, der zum Himmel stieg.

Und auch dabei, war es still.

„Und nun, lasst uns losziehen.“, sagte jemand. Nachtwanderung. Wir gingen durch das Dorf Richtung Ostseestrand. Mit leuchtenden Knicklichtern in allen Farben an den Handgelenken.

Ich ging als Letzter. Ein kleine Gruppe Konfis ließ sich zurückfallen. Es gab ernste Themen.

Träume für die Zukunft war eines. Erwachsenwerden war ein anderes. Ein Konfirmand sagte: „Erwachsen werden ist schwierig. Ich stelle mir das so vor, als müsste ich mitten hinein in eine Menschenmenge. Und die anderen Menschen sind die Strukturen und ich muss lernen, mich darin zu bewegen ohne anzuecken. Herr Pastor, meinst Du, das ist so?“

Irgendwann kamen wir am Strand an. Wir steckten Fackeln in den Sand, standen im Kreis mit Feuerschein auf den Gesichtern. Neben uns rauschte das Meer ein wenig. Und weit weg am Horizont lichterte die Großstadt. Wir feierten Abendmahl, mit Knäckebrot und Traubensaft.

Beteten. Sangen. Hörten dem Meer zu. Dann ging es zurück. Es war spät geworden.

Eine Überlegung

Jeder Mensch, jedes Team und jede Organisation hat ein ungeahnt großes Potential, das manchmal schon aufblitzt.

Jede Organisation wird immer zu dem Bild, das sie sich von sich selbst macht.

Menschen, Teams und Organisationen kommunizieren ihr Bild von sich selbst täglich. Sie tun das, indem sie Geschichten erzählen.

Wie wäre es mit besseren Geschichten. Mit schönen alten und mit schönen neuen, die noch geschrieben werden müssen … und die wir schreiben könnten.

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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Oktober 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Arne Hansen (Praktikant)„Tritt nicht herzu, ziehe deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort da- rauf du stehst, ist heiliges Land!“

Dieser Satz ist mir im Kopf geblieben. Er stammt aus der Exodus-Erzählung (Ex 3). Mose, der die Schafe seines Schwiegervaters auf dem Gottesberg Horeb hütet, sieht eine feurige Flamme aus einem Dornbusch kommen und ist neugierig. „Was ist das für eine wundersame Erscheinung? Warum brennt dieser Busch nicht, obwohl er komplett in Flammen steht?“ Und als Mose sich dem brennenden Busch nähert, macht Gott eben diese Ansage: Dies ist heiliges Land, ziehe deine Schuhe von den Füßen.

Mir kamen Fragen über Fragen in den Kopf. Gibt es ein heiliges Land für mich? Wo ist dieses heilige Land? Wie bewege ich mich auf dem heiligen Boden, wie benehme ich mich? Lange habe ich darauf keine Antworten gefunden. Das Praktikum hier in Wohltorf hat mir neue Anstöße gegeben und ich möchte versuchen, sie hier einmal zu formulieren:
Der heilige Boden ist für mich kein Ort. Es ist nicht die Kirche, in der ich meine Schuhe ausziehen möchte, um den heiligen Boden zu schonen und zu würdigen. Es ist nicht das Gemeindehaus und es ist auch nicht das Pfarrhaus. Ich behalte meine Schuhe einfach an!

Das wirklich Besondere in dieser Zeit sind die vielen wertvollen Momente mit und zwischen den unterschiedlichsten Menschen.

Für mich ist es besonders, wenn ich sehe wie emotional die Angehörigen bei einer Taufe sind. Wenn die Großmutter der Getauften Tränen in den Augen hat, als ihre Tochter das Kreuz auf die Stirn gezeichnet bekommt. Wenn der Großvater, der eigentlich mit der Kirche nichts am Hut hat, stolz wie Oskar auf seine kleine Enkelin ist.

Für mich ist es besonders, wenn in einem Trauergespräch die Angehörigen voller Schmerz und voller Liebe über die Verstorbenen erzählen. Wenn ein Gespräch, das für eine Stunde angesetzt war, auf einmal drei Stunden dauert. Für mich ist es besonders, wenn Kirche es schafft, Konservative und politisch Linke in denselben Raum zu bekommen und ihnen zeigt, dass es Dinge gibt, die sie nicht nur trennen, sondern auch verbinden.

Für mich ist es besonders, wenn mir eine ältere Dame erzählt, dass sie in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts sonntags eine Stunde zum Gottesdienst nach Wohltorf gelaufen ist, damit sie hier Teil der Bekennenden Kirche sein kann. Und wenn sie erzählt, dass sie auch im Jahr 2020 stolz auf ihre Kirche ist, wenn sie Position zu gesellschaftlichen Debatten bezieht.

Für mich ist es besonders, wenn im Altersheim die Seniorinnen und Senioren den Wunsch äußern, endlich mal wieder Gottesdienst zu feiern. Wenn sie das Risiko sich anzustecken in Kauf nehmen wollen, damit sie endlich mal wieder eine Andacht erleben können.

Und für mich ist es besonders, wenn Gustav in der Kita seine Erzieherin fragt, warum der Herr Pastor so lange nicht da war. Und wenn es in der Kita auf einmal mucksmäuschenstill ist, wenn alle gemeinsam das Gebet sprechen wollen. Und wenn die Kita auf einmal wieder ganz laut ist, wenn alle zusammen „Gottesliebe ist so wunderbar“ singen.

Der heilige Boden ist für mich kein definierter Ort. Er ist vielmehr der Raum, in dem sich Menschen begegnen, so unterschiedlichen sie auch sein mögen. Ein Raum, wo sie Gott in ihrer Mitte wissen. Es sind die Themen und die Begegnungen, die uns aus tiefstem Herzen etwas bedeuten und die in uns etwas in Bewegung setzen. Es ist der Raum, in dem Menschen ihr Feuer entfachen können, wie der Dornbusch auf dem Horeb!

Ihr
Arne Hansen
(Theologiestudent, Praktikant)

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September 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor EnzenauerKeine Liste #07/2020: Diesen Monat keine Liste!

Ich möchte etwas anderes machen und statt einer Liste darüber schreiben, dass man Dinge immer auch anders machen kann.

Ich mag die Briten. Ich mag die Radiosendungen auf BBC 2, in denen Leute zehn Minuten lang plaudern, ohne dass auch nur ein einziges Lied gespielt wird. Ich mag es, dass sich die Leute auf der Straße bei mir entschuldigen, wenn ich sie aus Versehen anrempele. Ich mag es, dass Großbritannien bis auf den heutigen Tag keine Verfassung hat, die irgendwohin gemeißelt wäre. Und ich mag es, dass es Sendungen im Fernsehen gibt, in denen Männer, die hauptberufl ich Banker oder Bauarbeiter sind, pinkfarbene Torten um die Wette backen. Ein Victoria Sandwich Cake ist nur der Anfang!*

Und dann mag ich diese britische Hemmungslosigkeit, einfach mal etwas anders zu machen. Vielleicht fällt das, was ich jetzt schreibe, in die Kategorie „subjektive anekdotische Evidenz“. Vielleicht gibt es diesen Mut auch hier in der Heimat. Aber beobachtet habe ich es eben wo- anders. Und es hat mich fasziniert. Für mich war es ein wenig so, als würde ich Gott bei der Arbeit zusehen: Aus einem neuen Anfang auf unbekanntem Land wird etwas, was vorher noch nicht da war. Und Du selbst stehst mittendrin in dieser Schöpfung, kannst bauen und gestalten und die Freiheit und Weite nutzen, in die Gott dich stellt.

Da ist zum Beispiel Claire. Sie ist eine Bekannte und lebt mit ihrer Familie in Wales. Sie hatte einen Marketing-Job, den sie ok fand. Aber irgendwann fehlte etwas. Etwas musste anders werden. Sie fing an zu schreiben. Nein, sie tat das nicht mit dieser zurückhaltenden „Ich- mache-das-einfach-nur-für-mich-Haltung.“ Sie sagte sich: Ich schreibe einen Roman, der veröffentlich wird. Und es geschah so! Inzwischen hat sie vier Bücher geschrieben, schreibt Drehbücher und hat einen BAFTA-Award gewonnen, eine Art britischer Oscar. Den Marketing-Job im Angestelltenverhältnis hat sie nicht mehr. Sie hat jetzt etwas anderes.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum. (Ps 31,9)

Na gut, das klingt spektakulär, manche mögen sagen: „Wie eine von diesen Karriere-Geschichten.“ Aber ich hab’s auch eine Nummer kleiner: Claire hat einen Mann, und der mag Kaffee. Irgendwann bekam er Lust, neue Leute kennenzulernen. Er besorgte sich eine beeindruckende Profi -Kaffeemaschine, baute sie in sein Auto, stellte sich damit am Wochenende auf die Wochenmärkte in der Umgebung und verkaufte Kaffee. Und es geschah so! Er lernte viele Leute kennen. Als er die örtliche Pfadfindergruppe übernahm, verkaufte er die Kaffeemaschine wieder und lernte andere Leute kennen.

… auf weiten Raum.

Ich bewundere diese Lebenshaltung, dass man die Dinge immer auch anders machen kann – und nicht nur kann, sondern es auch tut. Mir selbst fällt das nicht so leicht. Aber ich werde besser – falls man das so sagen kann. Und ich wünsche mir mehr vom Mut und von der Kreativität, die Möglichkeiten zu nutzen, die Gott schenkt. Das wünsche ich mir für mich. Und für die Kirche auch!

Muss es immer der Gottesdienst am Sonntag sein oder im Besuchsdienst die Besuche ab dem 80. Geburtstag? Gibt es Alternativen zum Konfirmandenunterricht? Warum nicht zuerst „Kirche machen“, statt Konzepte schreiben? Warum Strukturen „in Stein meißeln“ noch bevor wir wissen, ob sie funktionieren?

… meine Füße auf weiten Raum.

Ich bewundere die Hemmungslosigkeit der Briten: In einer Kirche in der Londoner City gibt es eine nobel-Kaffeemaschine und W-Lan für die Banker. Seitdem kommen sie in ihrer Mittagspause in die Andacht. In einer anderen Gemeinde gibt es keinen Sonntagsgottesdienst mehr, d.h. es gibt ihn anders: als Andacht auf dem Wochenmarkt mit anschließendem Bibelgespräch beim Mittagessen im Pub. Und in den entkirchlichten Norden Englands schickt man junge PastorInnen als Team. Sie sollen erstmal nichts anders tun, als mit den Menschen leben und gucken, wie Kirche dort so sein kann, dass sie zu den Menschen passt. Und dann: Ausprobieren!

Genau: Ausprobieren. Denn du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Ihr Pastor,
René Enzenauer

* Wenn Sie mein Rezept für einen Victoria Sandwich Cake haben möchten, mailen Sie mir gerne. Wenn es geht, bringe ich es Ihnen … und wir lernen uns kennen.

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August 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #06/2020: Was man für einen Urlaub braucht

– die zwölf ungelesenen Bücher, die auf dem Platz für ungelesene Bücher liegen

– einen Urlaubsort, vorzugsweise genau so weit entfernt von zu Hause und so exotisch, aber gleichzeitig infrastrukturell so entwickelt, dass sich das Gefühl von kalkuliertem Abenteuer einstellt

– angemessenes Urlaubswetter:

+ nicht zu heiß. Am-Strand-Liegen und Im-Meer-Planschen sollte aber möglich sein.

+ nicht zu nass. Gelegentlich darf es regnen, weil die Luft danach so gut riecht. Wenn es aber regnet, dann nachts, wenn es mich nicht einschränkt.

+ Gewittern darf es auch. Am besten aber abends wegen der heimeligen Romantik.

+ nicht zu windig. Eine kühlende Brise während eventueller Städtebesichtigungen ist aber wünschenswert.

+ Von Unwettern größeren Ausmaßes ist grundsätzlich abzusehen.

– Strandbedarf

+ Badehose

+ Badetuch

+ Sonnenmilch

+ Sonnenbrille

+ Strandmuschel oder Strandsonnenschirmchen mit Spitze, um ihn in den Strand zu rammen

+ Strandtasche

+ Stranddecke

– eine Kopfbedeckung

– Kamera mit entsprechender Ausrüstung (Wechselobjektiven, Speicherkarten in ausreichender Anzahl, Stativ, Wechsel-Akus etc.)

– Laptop oder Tablett für die Foto-Nachbearbeitung

– W-Lan

– Reiseführer

– diverse Notfallnummern

– die Kühlbox fürs Auto

– Reisetagebuch zur persönlichen Dokumentation und für den Fall, dass Freunde irgendwann einmal nach Reisetipps fragen

– einen ausreichend großen Koffer, der in der Lage ist, die notwendigen Outfits für die verschiedenen Situationen zu bewältigen, die im Urlaub eintreten könnten (Restaurantbesuch, Wanderung, Opernabend, Kunstausstellung etc.)

– die notwendigen Outfits für die verschiedenen Situationen, die im Urlaub eintreten könnten » vgl. vorangehenden Punkt

– einen Katzensitter

oder

– die Erkenntnis, dass es nicht an diesen Dingen liegt, ob der Urlaub gut wird.

… in sechs Tagen machte der Herr Himmel und Erde, aber am siebten Tage ruhte er und erquickte sich. (2. Mose 31,17)

Einen schönen Urlaub wünscht Ihr Pastor
René Enzenauer

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Juli 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #5/2020: Was mal werden sollte und was dann geworden ist.
– Die DDR wollte den Westen einmal „überholen ohne ihn einzuholen.“ Daraus ist nichts geworden.
– Musiker wollte ich werden, oder Orgelbauer. Geworden bin ich Pastor.
– Am 21.12.2012 sollte die Welt untergehen, weil ein Maya-Kalender an dem Tag endete.
Nunja… So ist das mit Kalendern und mit Plänen.

Wann kommt er?“
„Freitag. Nachmittags, um drei.“
„Gut. Dann können wir bis dahin in Ruhe ein paar Dinge organisieren.“
So dachten wir. Und dann war es Freitag. Und es war vormittags halb zehn und mein Telefon klingelte: „René, der Bauwagen ist da!“ Es war die Stimme unserer Kirchengemeinderats¬vorsitzenden Frau Probst. Sie saß gerade in einer Sitzung des Kita-Ausschusses. Ich selbst saß am Schreibtisch. Und die Jugendlichen, die den Bauwagen in Empfang nehmen wollten, saßen irgendwo anders und taten andere Dinge. Und jetzt?

„Ich mach‘ das.“, sagte ich, legte auf und hatte keine Ahnung, was genau ich machen sollte. Aber irgendwo muss man anfangen. Also rief ich zuerst den „Lieferanten“ an und schlug ihm vor, er könne doch vielleicht eine Tasse Kaffee beim Bäcker genießen. Er brauche sicher eine Pause. „Sie können ruhig auch zwei Tassen trinken. Ich melde mich.“, sagte ich.

Dann: Nele anrufen. „Nele, was machst Du? Der Bauwagen ist da!“ Nach einer kleinen Pause hörte ich ein „Ähm…!“ Aber schon ihr zweiter Satz war: „Ich schreibe die Jugend an.“ Danach habe ich in zehn Minuten noch weitere drei Mal gesagt: „Der Bauwagen ist da!“ Und weitere drei Mal hörte ich am anderen Ende der Leitung: „Ähm…! Ich informiere die anderen.“

Und dann waren sie alle da: die beiden Kirchengemeinderatsvorsitzenden aus Aumühle und Wohltorf, die beiden Pastoren, die Chefin des Aumühler Friedhofsteams, Vertreter aus dem Jugend- und Bauausschuss, aber vor allem natürlich die Jugendlichen, für die der zehn Meter lange, ausrangierte Zirkuswagen bestimmt ist.

Die Freude war groß. Die Stimmung war super. Fotos und Videos wurden gemacht. Es gab Waffeln und wunderbare ungesunde Limonade. Und es gab zwei weitere Probleme:
1. Der Wagen steht an der falschen Stelle.
2. Der Mann mit der Zugmaschine war schon auf dem Weg nach Hause. (Wer hatte das eigentlich erlaubt?)
Wieder hieß es: Und jetzt?

Da machte sich Toni auf zur Baustelle auf der Straßenseite gegenüber. Nach ein paar Minuten kamen zwei Bauarbeiter mit einem Radlader, die es mit unglaublicher Ausdauer und Vorsicht schafften, den Wagen rückwärts (!) auf seinen vorgesehenen Platz neben dem alten Friedhofsgeräteschuppen einzuparken. Personen, Kirche, Schuppen, Wald und Rhododendren blieben unverletzt. Für mich, der ich mit dem Auto schon nicht einparken kann, ist das durchaus wie ein Wunder.

Die Menge applaudierte. Die Bauarbeiter strahlten und sagten, wir sollen uns wieder melden, wenn wir ihre Hilfe brauchen. Wenn sie in der Nähe sind, kämen sie vorbei. Was für eine Aktion!

Da machst Du Pläne, sortierst alles fein in deinen Kalender, bereitest vor und organisierst. Und dann kommt alles ganz anders. Aus dem Plan wird Improvisation. Der Kalender ist nur noch ein überfülltes Stück Papier. Die Vorbereitung kannst Du vergessen. Und mit der Organisation kannst Du nochmal von vorne anfangen – nur dieses Mal von jetzt auf gleich mit wenig Zeit. Das Leben kann wild sein und unberechenbar.

Und es kann unglaublich schön sein. Nämlich dann, wenn es Menschen gibt wie Nele, Toni und die Bauarbeiter, Felix, Maren, Frede, Friederike, Jette, Dominique und Britta und noch viele andere mehr, wenn Menschen da sind, die sich gegenseitig durch das Durcheinander tragen, das Leben heißt.

So soll Kirche sein. Und so ist sie sichtbar geworden, für mich jedenfalls, an diesem Freitag, vormittags, halb zehn.

Was mal werden sollte und was dann geworden ist?
Ein Brot wollte ich backen. Es wurde dann so etwas wie ein Frisbee.
– Ein Buch wollte ich mal schreiben. Es sind Predigten geworden.
– Gut sollte es werden.
Denn Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und unverzagt? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr dein Gott ist mit dir, in allem, was du tun wirst. (Jos 1,9)
Und es wurde wirklich gut!

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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Juni 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #4/2020: Was ich gerne wissen möchte
– wo die Socken bleiben, die in der Waschmaschine verschwinden
– warum das mit dem Blumengießen so kompliziert ist
– wie Katzen schnurren
– wo Liebe hingeht, wenn sie weggeht
– was Menschen meinen, wenn sie etwas sagen oder tun

Es gibt Momente, die kann man nicht planen. Die passieren einfach. Ich meine Momente in der Art von: Wir sitzen nach einem langen Tag zusammen. Das Abendbrot ist gegessen. Alle sind satt, aber Butter, Käse und eine einsame Scheibe Brot stehen noch auf dem Tisch. Keiner hat Lust aufzustehen und abzuräumen. Denn die Kerze auf der alten Weinflasche scheint so schön wie damals in Studentenzeiten. Und der Wein schmeckt. Und es ist so friedlich und ruhig. Jeder hängt wortlos seinen Gedanken nach, ohne dass die Stille weh tut. Dann füllt jemand Wein nach. Und wenn es soweit ist, geht das Gespräch in eine neue Runde und wir reden über das, was uns bewegt.

Zum Beispiel die Szene mit der Butter in der Fernsehserie aus Israel … als der verwitwete Vater seinem Sohn erklärt wie das mit der Liebe ist: „Liebe? Was ist schon Liebe? 38 Jahre war ich mit deiner Mutter verheiratet. Wir haben uns nie gesagt, dass wir uns lieben. Aber jeden Morgen unserer Ehe stand sie früh auf und holte die Butter aus dem Kühlschrank, damit sie weich war, wenn ich vom Gebet zurückkam und ich sie gleich essen konnte. Verstehst du?“

Verstehst Du?

Und wir nippen am Wein. Und einer sagt: „So romantisch kann ein Stück Butter sein. Aber es ist auch irgendwie traurig.“

„Warum? Sie haben sich verstanden, nach 38 Jahren, auch ohne große Worte. Zwei Herzen, die sich kannten. Ist doch schön, wenn das so geht. Ist ja nicht immer so.“

„Stimmt!“

Und dann reden wir weiter. Über Corona, Kontaktbeschränkungen und über die eigene Familie, die auf der Intensivstation arbeiten muss. Wir reden über Angst. Wir reden über Verschwörungstheorien und die Alu-Hut-Diskussionen. Und dann legen wir die Pilatusfrage neben die Butter auf den Tisch: Was ist Wahrheit?

Eine Antwort finden wir an diesem Abend nicht. Aber wir kreisen mit Worten um meine Wahrheit und deine Wahrheit und um anderer Leute mutmaßlicher Wahrheit. Und dann sagt einer: „Ich denke gerade an einen Professor, den ich damals an der Uni hatte. Der sagte immer, wenn er jemanden nicht begriff: „Crazy people, what to do?!“ Das sagte er mit französischem Akzent und hob hilflos seine Arme.

Wir erinnern uns mit einem Lächeln: „Was ist nur mit den Leuten los? Ich verstehe sie nicht.“

Ich auch nicht. Wie sollte ich auch. Ich kenne mich ja manchmal selbst nicht richtig.

„Was ist nur mit den Leuten los?“

„Das weiß Gott allein.“ Das sag ich fromm – und hoffe darauf, dass es stimmt.

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8,39)

Also, Gott, mach Du doch selbst das Beste draus!

Du wollest hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, was all die Menschenherzen dir entgegenrufen.

Der Wein ist leer. Dann sagt einer: „Ich räume mal ab.“, steht auf und legt die Butter in den Kühlschrank. Morgen wird jemand früh aufstehen und sie wieder auf den Tisch stellen. Damit sie weich wird.

Was ich gerne wissen möchte?

– warum ich Bach gottvoll finde, Mozart aber nur o.k.
– wie man einen schönen Abend herstellt
– was Gott wohl denkt, wenn Gott in mein Herz guckt

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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Mai 2020

Liebe Gemeinde,

Wie werden wir die Gemeindeglieder erreichen? Wie können wir Ostern ohne Gottesdienste feiern? Können wir wirklich einfach alles abschalten?
Nein, „Kirche ist trotzdem“, sagte Pastor Enzenauer.
Und dieser Satz hat uns, den Kirchengemeinderat, unsere KMD Andrea Wiese, die Küster und viele andere Ehrenamtliche während der Corona-Krise geleitet.

Kurz vor dem Redaktionsschluss für den Sachsenwalder wissen wir nicht, wie und wann es weitergehen wird. Aber wir können darüber nachdenken, wie es bis jetzt gewesen ist und wie unsere anfängliche Skepsis und Frustration uns zu der Erkenntnis geführt hat, dass Pastor Enzenauer recht hatte. Es war eine Herausforderung, aber auch ein Grund, um neue Wege zu gehen und mit dem, was in dieser Kirchengemeinde geschieht, Freude zu finden und zu verbreiten. Die Ergebnisse lassen sich in einigen Zahlen beschreiben. Unser
Instagram-Konto „Kirche Wohltown“ mit knapp 30 Mitteilungen, sogenannte „Posts“, hat fast 100 Anhänger bzw. Follower innerhalb von 1 Monat gewonnen. Mit Videos und Fotos hat uns Pastor Enzenauer durch die heilige Woche geführt. Und wir haben jetzt sogar einen Twitter-Account. Wir haben mehrere Rundbriefe per Email an unsere Mitglieder verschickt und per Post „traditionell“ 820 Osterkarten an die Gemeindeglieder versandt. Unsere Jugendgruppe hat eine Aktion für ältere Mitbürger organisiert. Und vielleicht fragen sich einige, „was macht der Pastor, wenn er am Sonntag nicht Gottesdienst hält?“ und einige werden es wissen; er telefoniert mit Menschen aus der Gemeinde.
Einer unserer Küster, Axel Potthoff , hat in einem Text, die Arbeit der Küster und die Arbeit der Menschen, die für Öffentlichkeitsarbeit der Kirche zuständig sind, wie folgt zusammengefasst:

Mein schönstes Ferienerlebnis – oder Küsterdienst und Öffentlichkeitsarbeit in Coronazeiten.
Fünf Wochen Lockdown. In den Kirchen keine Gottesdienste, keine Andachten, keine Konzerte, keine Hochzeiten, keine Trauerfeiern.

Ferien für die Küster? Nein, wir halten die Kirche offen. Zur stillen Einkehr beim Spaziergang über den Kirchberg. Ein Hinweis am Eingang bittet um gegenseitige Rücksichtnahme und Abstand. Offene Kirche bedeutet aber, dass weiterhin die Antependien an Lektorenpult, Altar und Kanzel entsprechend dem liturgischen Kalender gewechselt werden. Lila in der Passionszeit. Weiß am Gründonnerstag. Am Karfreitag und Karsamstag ist der Altarraum in Wohltorf traditionsgemäß von allem Schmuck (Blumen, Kerzen, Antependien, …) befreit. Ostern dann wieder weiß. Offene Kirche bedeutet auch, dass in den Büchern auf dem Altar und dem Lesepult die Seiten für den jeweiligen Sonntag aufgeschlagen werden.

Also „Business as usual“? Für die Küster nur fast so. Und für das Redaktionsteam, welches die Öffentlichkeitsarbeit unserer Kirchengemeinde unterstützt, ist der Aufwand deutlich mehr, aber auch vielfältiger geworden.

Da die persönlichen Kontakte aus gegenseitiger gesundheitlicher Vorsorge auf ein Minimum reduziert sein sollte, haben wir andere Wege zur Kommunikation gefunden. Pastor Enzenauer macht Gemeindearbeit analog (Telefonseelsorge, Einkaufsservice, …), aber auch digital: Unter https://www.instagram.com/kirchewohltown/ finden sich bebilderte oder gefilmte Gedanken, kurze Andachten zu jedem Feiertag ohne Gottesdienst, …

Andrea Wiese hat Stücke zu Karfreitag und Ostern auf der Orgel eingespielt, welche im Internet abrufbar sind. Zudem hält sie online Kontakt zu allen Mitgliedern der Wohltorfer Chöre – mit Einspielungen von Liedern, die „vor Corona“ in den Chorgruppen gesungen wurden, zum Anhören und Mitsingen. In den zwölf Tagen vor Ostern gab es allabendlich je einen Choral aus Bach´s „Matthäuspassion“.

Die Evangelische Jugend Aumühle-Wohltorf hat in der Karwoche einen kleinen Tisch in den Eingangsflur unserer Kirche gestellt. Mit Zetteln zum Mitnehmen, auf denen Segenswünsche gedruckt waren und leeren Zetteln, auf denen Besucher Fürbitten für das Gebet am Karfreitag Abend schreiben konnten.

Das Redaktionsteam versucht, all diese Dinge zeitnah auf https:// kirche-wohltorf.de/ zusammen mit allen Kontakt-Informationen aktuell zu halten. Eine Newsletter-E-Mail, in der wir alle Neuigkeiten zusammenfassen, versenden wir in Coronazeiten wöchentlich. Jeder kann sich hierfür durch formlose E-Mail an redaktion@kirche-wohltorf.de anmelden.

Zum Schluss noch ein Tipp, falls Sie „wirklich“ in Not sind. Da unser Gemeindehaus für Veranstaltungen, Übungsstunden und Treffen der sonst so aktiven Gruppen geschlossen ist, brauchen wir weniger. Gegen eine großzügige Spende für den Bau unseres geplanten neuen Gemeindezentrums auf dem Kirchberg geben wir gerne in kleinen Mengen ab. 😉
AXEL POTTHOFF (für das Küster- und das Redaktionsteam)

Wir werden sicherlich einige dieser Formate auch in einer Nach-Corona-Zeit weiterführen. Das kirchliche Leben besteht aus der Interaktion mit den Gemeindegliedern, die durchaus vielfältig sein kann. „Digitale“ Interaktion vermehrt mit in das kirchliche Leben zu integrieren, kann vielleicht ein „positives“ Ergebnis der „Corona Zeit“ sein.

Ihre Friederike Probst

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April 2020

Liebe Gemeinde,

als Pastor Enzenauer vor seinem Urlaub mich fragte, ob ich den Gemeindebrief für die Aprilausgabe des Sachsenwalders schreiben könnte, habe ich mich gefreut. „Ja, gerne“, sagte ich und schlug ihm vor, dass ich über unsere Arbeit in der Kita schreibe. Und nun muss ich über Absagen von Gottesdiensten und Kita-Schließungen schreiben! Das tut mir sehr leid und bereitet wenig Freude.

Kurz vor Redaktionsschluss (15.3.) schrieb uns Pröpstin Eiben eine E-mail mit Empfehlungen des Kirchenkreises Lübeck-Lauenburg zum Thema Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen in Zeiten von Covid-19. Anschließend hat die Landesregierung alle öffentlichen Veranstaltungen untersagt. Dieses Verbot gilt zunächst bis zum 19. April 2020. Es finden bis dahin keine Gottesdienste oder Veranstaltungen statt. Amtshandlungen (z.B. Trauerfeiern, Trauungen) die in ganz kleinem Rahmen stattfinden, dürfen noch gefeiert werden. Frau Wiese hatte schon Anfang März die Chorproben abgesagt und auch der Konfirmandenunterricht findet momentan nicht mehr statt.

In der Seelsorge und mit Rat und Tat möchten wir dennoch für Sie da sein. Pastor Enzenauer, Frau Wiese und der Kirchengemeinderat sind telefonisch und natürlich auch persönlich erreichbar. Das Kirchenbüro wird zu den üblichen Zeiten besetzt sein.

Diese Zeilen beschreiben das hier und jetzt. Lassen Sie mich dennoch auch noch einmal in den Rückspiegel schauen und Ihnen mit ein paar Worten von der Gemeindeversammlung am 4. März 2020 berichten.

Ziel der Gemeindeversammlung war es, verschiedene Optionen und Konzepte für das kirchliche Leben am Kirchberg in Wohltorf aufzuzeigen. Hierbei geht es um die langfristige Gestaltung des Kirchenlebens. Im Mittelpunkt der Diskussion steht, welche Gebäude in der Zukunft dieses kirchliche Leben ermöglichen und wie zu gestalten sind, dass diese Gemeinde so lebendig und zentral für Wohltorf bleibt, wie sie es auch heute ist. Es wurden drei Optionen und die möglichen Kostendimensionen aufgezeigt. Der KGR hatte diese Optionen unter Beratung von Frau Iwersen (Architekten und Mitglied des Bauausschusses) in den letzten Monaten mit dem Kirchenkreis, der politischen Gemeinde und dem Amt Hohe Elbgeest entwickelt.

Unter Leitung von Frau Rohde (professionelle Moderatorin aus Wohltorf) wurden die Anwesenden der Gemeindeversammlung eingeladen, sich in anschließenden Gesprächsrunden mit den drei Optionen auseinanderzusetzen und sich mit Wünschen aber auch Vorbehalten einzubringen, sowie die Chancen als auch Vor- und Nachteile gemeinsam zu diskutieren.

Die Ergebnisse dieser Gesprächsrunden werden momentan ausgewertet und auch mit dem Kirchenkreis besprochen. Wir werden Sie im Sachsenwalder und auch in den nächsten Gemeindeversammlungen über die weiteren Schritte informieren und mit der Kirchengemeinde, dem Kirchenkreis und der politischen Gemeinde eng zusammenarbeiten.

Es grüßt Sie herzlich
Ihre
Friederike Probst

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März 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #3/2020: Worauf man achtgeben sollte
– auf den Gegenverkehr beim Linksabbiegen
– auf den richtigen Wein zum Essen
– auf die Berufswahl
– auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante (Mind the gap!)
– auf die Gesundheit und die Balance zwischen Arbeit und Freizeit
– auf angemessene Kleidung, wenn man eine Audienz bei der Queen hat oder den Nobelpreis verliehen bekommt
– auf Menschen, die einem lieb und teuer sind
– …

 

Neulich machte jemand kehrt als er mich sah. Normalerweise würde mich das zumindest nachdenklich machen. Aber in diesem Fall war es lustig. Es war nämlich so:

Wir waren auf Konfirmandenfreizeit. 48 Konfirmandinnen und Konfirmanden, 12 Leute im Betreuungsteam und ich. Wir spielten das Mörderspiel, das zu jeder Freizeit dazugehört und das immer parallel neben den Unterrichtseinheiten, den Mahlzeiten oder anderen Aktivitäten herläuft. Bei diesem Spiel hat eine oder einer aus der Gruppe einen kleinen Gegenstand in der Hosentasche, zum Beispiel einen Engel oder eine besondere Münze. Diese Person ist der „Mörder“. Ist der Mörder mit einer weiteren Person allein, kann er seinem „Opfer“ den Gegenstand unter die Nase halten und ihm so verdeutlichen, dass er oder sie nun leider „tot“ ist. Das Opfer muss sich dann in eine Liste eintragen, zusammen mit der Uhrzeit und dem Ort seines Ablebens, ansonsten aber Stillschweigen bewahren. Wenn bei jeder Mahlzeit die ganze Gruppe zusammenkommt, versuchen die Gruppenmitglieder den Mörder anhand der Opferliste zu ermitteln, wobei sich natürlich nur die noch „lebenden“ Personen beteiligen dürfen. Die Gruppe nominiert dazu bis zu drei Verdächtige und stimmt am Ende ab. Läuft alles nach Plan, ist der Mörder gefasst. Geht alles schief, ist die fälschlicherweise beschuldigte Person ebenfalls tot und der eigentliche Mörder darf weiter sein Unwesen treiben.

Betreibt man es mit dem nötigen Ernst, sorgt dieses Spiel ab einem bestimmten Zeitpunkt dafür, dass die Gruppenmitglieder nur noch zu zweit oder in Kleingruppen durch das Haus tigern. Kaum jemand mag sich allein in einem Zimmer aufhalten. Selbst der Gang auf die Toilette wird im Team absolviert, oder aber zu einem Abenteuer mit möglicherweise „tödlichem“ Ausgang. Alle sind auf der Hut vor dem „Mörder“. Alle sind wachsam. Auch wenn es mir bei einer ersten Abstimmung gelungen war, mich der Gruppenjustiz durch eine überzeugende Verteidigungsrede zu entziehen, gehörte ich zu den Verdächtigen – völlig zu Recht übrigens. Und eben das führte dazu, dass ein Konfirmand mit schreckgeweiteten Augen aber wortlos auf dem Absatz kehrt machte, als er realisierte, dass er mir auf dem Flur plötzlich allein gegenüberstand.

Dieses Spiel initiiert eine besondere Atmosphäre der Wachsamkeit, sodass fast schon ein Grundgefühl von „Aufpassen!“ und „Achtung!“ entsteht. Auf Dauer und im echten Leben ist dies sicher nicht zuträglich. Es kann nicht im Sinne des Erfinders sein, sein Leben in Angst zu führen. Das gilt für die alltäglichen Lebensvollzüge genauso wie für den Glauben. Ich glaube nicht, dass es im Sinne Gottes sein kann, das Leben in Angst vor göttlichem Zorn, Strafe und Rache zu führen. Und trotzdem gehört Wachsamkeit zum Leben und zum Glauben dazu. Im Alltag bewahrt sie vor übereilten und leichtsinnigen Entscheidungen oder Handlungen. Wachsamkeit als Vorsicht also. Im Glauben aber ist Wachsamkeit eher so etwas wie ein Ausdruck von Ehrfurcht (nicht Angst!), die damit rechnet und die es Gott zutraut, dass Gott in der Welt wirkt und handelt. Gott ist keiner, der es sich irgendwo bequem gemacht hat, den die Welt, den mein und dein Leben nichts mehr angeht. Gott ist ein Gott, der Leben schafft, der es erhält und der es am Ende zu einem Ziel führen wird. Mit einem solchen Blick durch unsere Welt zu gehen, ihre Schönheit zu sehen, die Gott ihr geschenkt hat, aber auch die Grenzen zu sehen, die Gott ihr gesetzt hat und gleichzeitig damit zu rechnen, dass das Hier und Jetzt noch nicht das Ende, noch nicht das Ziel des Ganzen ist, dass noch etwas kommt, das anders ist als alles, was wir kennen, das meint die Wachsamkeit des Glaubens.

Worauf man achtgeben sollte?
– …
– auf Sonnenauf- und -untergänge, Sterne und auf Meeresrauschen
– auf Monster, die unterm Kinderbett wohnen und vor allem
– … auf das, woran du dein Herz hängst

Jesus Christus spricht: Wachet! (Mk 13,37)

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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Februar 2020

Liebe Wohltorfer, liebe Krabbenkamper,

Foto: Pastor Enzenauer

Liste #2/2020: Was ich bin
– ein Mensch
– einer, der viel nachdenkt
– für einen ein Partner
– für andere ein Freund, Bruder,
Sohn, Patenonkel u.a.m.
– für Manche unbequem
– ein unbegabter Zeichner, aber ein
verkappter Musicus
– einer, der gut gewählte Worte sehr
zu schätzen weiß
– einer, der sich auch mal streitet

Neulich habe ich in der Kirche „Leck mich!“ gesagt. Ich weiß, das ist keine feine Sprache. Aber bevor Sie jetzt schlecht von mir denken: Ich habe niemanden beschimpft und ich meinte auch niemanden konkret. Ich habe nur gepredigt. Aber in meiner Predigt kam fünf Mal der Satz „Leck mich!“ vor. Als Zitat. Meine Predigt war exakt 2110 Worte lang. Aber diese 5 x 2 Worte machten Karriere.

Dabei war es so: Das Thema meiner Predigt war Buße. Das habe ich mir wahrlich nicht ausgesucht, das stand im Predigttext. Also habe ich darüber geredet, dass sowas wie Buße oder – etwas anders formuliert – Umkehr oder Änderung des Lebens hin zum Guten eine wirklich schwierige Sache ist. Ich bin der Meinung, dass das jeder weiß, der das schon mal ernsthaft versucht hat. Denn am Ende aller meiner Versuche, ein besserer, gerechterer oder frommerer Mensch zu werden, bleibe ich, egal was ich mache, immer ich selbst.

Der alte Luther hat das gewusst und sehr einprägsam auch formuliert: Der Mensch ist immer simul iustus et peccator, also zugleich gerecht und Sünder. Sünder ist er, weil er Mensch ist, weil er gar nicht anders kann. Mensch bleibt Mensch. Ich bleibe ich. Egal, was ich auch versuche. Gerecht wird der Mensch nur durch einen, nämlich durch Gott, der den Menschen gerecht macht, der eben genau daran glaubt. Das ist der Kern lutherischer Rechtfertigungslehre.

Ich weiß, ich weiß: Das ist alles ziemlich abstrakt und auch unbequem zu denken. Fühlt sich nicht gut an. Also habe ich, um das Ganze etwas zu gestalten, eine amerikanische Kollegin zitiert, deren Buch ich gelesen hatte. Sie beschreibt genau das: dass sie fl ucht wie einKesselflicker, dass sie launisch ist und schnell genervt und dass sie oft den oben zitierten Satz denkt. Und das trotz aller Versuche, genau das nicht zu tun! Das Ziel meiner Predigt war dann zu sagen: Daran, dass du immer mal wieder „L. m.!“ denkst, kannst du nur schwer etwas ändern. Du bleibst du. Mensch bleibt Mensch. Was du aber tun kannst, ist, dir selbst genau das einzugestehen. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist dann, nicht bei „L. m.!“ stehen zu bleiben, sondern weiterzudenken und auf den zu vertrauen, der dich gerecht macht für ein Leben zwischen Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe. Eben das ist Buße.

An der Kirchentür sagte mir dann jemand: „Man darf nicht „L. m.!“ in der Kirche sagen. Nicht mal als Zitat!“

Darüber würde ich streiten. Ich kenne niemanden, der diesen Satz nicht schon mal so oder ähnlich gedacht oder gesagt hat. Das macht den Satz nicht besser. Aber es macht ihn ehrlich. Er ist ein Beispiel für einen schmuddeligen Teil des echten, ehrlichen Lebens. Deswegen muss man über ihn reden, ganz off en, auch und gerade in der Kirche, wenn es dort denn um das echte Leben gehen soll. Denn Offenheit mit diesen schmuddeligen Lebenssätzen schafft Freiheit –
im Umgang mit mir selbst und mit meinen Fehlern. Sie schafft Freiheit in der Begegnung mit meinem Gott, der meine Abgründe ohnehin kennt. Und sie schafft Freiheit im Umgang mit aufgestellten Regeln, die sagen, was „man“ nicht darf und wie „man“ besser sein sollte. Am Ende werde ich nur durch einen ein Besserer und Anderer, nämlich durch den, der mich in seiner Liebe von allen „Du musst“ oder „Du darfst nicht“ freigekauft hat.

Was ich bin?
Ich bin…
… teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. (nach 1. Kor 7,23)

Ihr Pastor,
René Enzenauer

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Januar 2020

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